Politische Korrektheit

Politische Korrektheit: Dürfen Mohren-Apotheken Mohren-Apotheken heißen?

Halle (Saale) - Das Hamburger Zeit-Magazin veröffentlicht allwöchentlich eine ganz spezielle Deutschlandkarte, in der das Land unter teils recht abseitigen Blickwinkeln betrachtet wird. Da geht es beispielsweise um die Verbreitung des Erlenzeisigs, um die Verteilung von Kaffeeröstereien oder auch um „von Thomas Bernhard beschimpfte Orte“. Das Thema der jüngsten Ausgabe lautete nun: Mohren-Apotheken. Fazit: Sie verschwinden langsam, die Mohren-Apotheken, „viele nach ...

Von Peter Godazgar 06.06.2016, 10:00

Das Hamburger Zeit-Magazin veröffentlicht allwöchentlich eine ganz spezielle Deutschlandkarte, in der das Land unter teils recht abseitigen Blickwinkeln betrachtet wird. Da geht es beispielsweise um die Verbreitung des Erlenzeisigs, um die Verteilung von Kaffeeröstereien oder auch um „von Thomas Bernhard beschimpfte Orte“. Das Thema der jüngsten Ausgabe lautete nun: Mohren-Apotheken. Fazit: Sie verschwinden langsam, die Mohren-Apotheken, „viele nach Jahrhunderten“.

Manche machen aus wirtschaftlichen Gründen dicht – andere werden umgetauft. Warum? Klar, aus Gründen der politischen Korrektheit. Wen wundert’s: In Zeiten, in denen Pippi Langstrumpfs Papa kein „Negerkönig“ mehr sein darf, in denen das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ nur noch leise und im Keller gesungen werden darf, und in denen das Zigeunerschnitzel von Speisekarten gestrichen wird - in diesen Zeiten wird auch der Name Mohren-Apotheke argwöhnisch beäugt als rassistisches Relikt.

In Halle seit 1894

Auch Halle besitzt noch eine Mohren-Apotheke, und zwar am Reileck. Gegründet wurde sie im Jahr 1894. Deren Chefin Anna-Carolin Freydank hat die Apotheke vor vier Jahren übernommen – und musste seitdem mehrfach feststellen, dass der Name der Apotheke nicht auf uneingeschränkte Zustimmung stößt. Im vergangenen Jahr gab es eine Farbbeutel-Attacke auf die Fassade. Und erst im März führte eine Demonstration eines „Multikulti-Kollektivs“ vom Marktplatz aus durch die Stadt zum Reileck, wo dann lautstark die Umbenennung der Apotheke gefordert wurde.

Apothekerin Freydank lässt das keineswegs kalt, und dies umso mehr, weil sie sich als denkbar falsche Adressatin für die Vorwürfe sieht: „Ich habe eine arabische Apothekerin und eine weitere russische Mitarbeiterin, überhaupt arbeiten bei mir nur Frauen.“

Umbenennung nicht ausgeschlossen

Eine Umbenennung hält sie indes nicht für ausgeschlossen. „Das wäre aber mit enormem Aufwand verbunden.“ Und damit ist keineswegs nur die Änderung von Briefköpfen gemeint.  Wer eine Apotheke betreibt, benötigt eine Zulassung. Auf dieser muss der Name der Apotheke vermerkt sein. Bei einer Namensänderung muss eine beglaubigte Urkunde beigebracht werden. Und zwar für jeden einzelnen Geschäftspartner. Ein immenser Aufwand,  Der mit hohen Kosten verbunden wäre. Apothekerin Freydank sagt: Das übersteigt aktuell meine Kapazitäten.

Derweil wird die Deutschlandkarte des Zeit-Magazins eifrig kommentiert. Vor allem Gegner einer in ihren Augen übertriebenen politischen Korrektheit melden sich zu Wort: Vom „Tugendterror“ ist die Rede und von „Realsatire“. Deren Gegner hingegen führen beispielsweise ins Feld, warum auf der einen Seite das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung verboten sein soll, der Mohr aber nicht.

Arzneien aus fernen Ländern

Warum war der Name überhaupt so verbreitet? Mit dem Namen Mohren-Apotheke, schreibt  das Zeit-Magazin, wollten die Apotheker einst wohl auf ihr besonderes Angebot hinweisen. Viele Arzneien kamen aus fernen Ländern, mithin aus der Heimat von Menschen, die man einst als Mohren bezeichnete.

Auch ein Kommentator namens „donquichotte“ weist darauf hin, Mohren-Apotheken hätten medizinhistorisch ihre „uneingeschränkte Namensberechtigung“: „Und das hat etwas mit dem grandiosen Ruf der Medizinischen Fakultät von Salerno zu tun, die wiederum ihre Reputation auf ihre arabischen Ärzte, vor allem aber auf den Kräuterhändler und Übersetzer Constantinus Africanus (1010-1087) aus Karthago (heute Tunesien) zurückführt.“ Jener Africanus konvertierte später zum Christentum und übertrug die wichtigsten arabischsprachigen Werke über Arzneien ins Lateinische. (mz)