Novemberrevolution 1919

Novemberrevolution 1919: „Nie war der Mob so zügellos wie in Halle“

Halle (Saale) - Der Feldzug, der die junge Republik retten soll, steht von Anfang an unter keinem guten Zeichen. Bei Weißenfels entgleist in aller Frühe ein Truppenzug. Damit ist der Plan Makulatur, den Georg Maercker geschmiedet hatte: Unbemerkte Einfahrt seines Landesjägerkorps mit 3.000 Mann bis in die Mitte der Stadt, dann handstreichartige Besetzung aller wichtigen Versorgungspunkte, noch ehe die revolutionären Arbeiter ihren morgendlichen Mukkefuck ausgeschlürft ...

Von Steffen Könau 02.03.2019, 14:47

Der Feldzug, der die junge Republik retten soll, steht von Anfang an unter keinem guten Zeichen. Bei Weißenfels entgleist in aller Frühe ein Truppenzug. Damit ist der Plan Makulatur, den Georg Maercker geschmiedet hatte: Unbemerkte Einfahrt seines Landesjägerkorps mit 3.000 Mann bis in die Mitte der Stadt, dann handstreichartige Besetzung aller wichtigen Versorgungspunkte, noch ehe die revolutionären Arbeiter ihren morgendlichen Mukkefuck ausgeschlürft haben.

Fünf Stunden Verspätung aber fordern nun Blut. „Normalerweise schicke ich Erkunder vor, besorge Stadtpläne und orientiere mich über den Gegner“, wird Georg Maercker später zerknirscht zugeben, „alles das war, soweit Halle in Frage kommt, unmöglich“.

Halle wählt den Widerstand gegen die Regierungstruppen

Als die von der Regierung in Weimar nach Halle beorderte Streitmacht des erfahrenen Reichswehrgenerals gegen Mittag in Ammendorf anlangt, dauert es nur Minuten, bis die Nachricht von der Ankunft der Regierungstruppen über den halleschen Arbeiterrat beim revolutionären Soldatenrat gelandet ist.

Halle, eine Stadt, in der nach Einschätzung des von der SPD gestellten Innenministers Gustav Noske „der Terror“ herrscht, wählt den Widerstand. Angeführt von den beiden Streikführern Otto Kilian und Bernard Koenen, bereiten sich das Sicherheitsregiment der Stadt und die revolutionäre Matrosenkompanie darauf vor, gegen Maerckers Freischärler in den Krieg zu ziehen.

Nur kurz scheint es, als siege die Vernunft - der Soldatenrat schickt tausende Arbeiter, die auf dem Marktplatz darauf warten, Waffen für den Kampf gegen die Konterrevolution zu erhalten, ohne die erhoffte Ausrufung des revolutionären Widerstandes nach Hause.

Patt mit verheerenden Auswirkungen für die Saalestadt

Gekämpft aber wird dennoch. Zwar streckt die als besonders kampfeseifrig geltenden Matrosenkompanie unter ihrem Führer Karl Meseberg die Waffen, als Landesjäger mit Artillerie und Maschinengewehren klarmachen, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Doch als Maerckers Männer die rote Fahne vom Rathaus holen wollen, fallen wütende Zivilisten über die Soldaten her und entwaffnen sie.

Maercker muss sich zurückziehen, ohne das Rathaus zu besetzen. Stattdessen richtet er sich in der Hauptpost ein. Gleich gegenüber im Opernhaus dagegen entsteht die Kommandozentrale der Revolution.

Ein Patt, das für Halle verheerende Auswirkungen hat. Maercker, im pommerschen Baldenburg geboren, aber mit einem Vorfahren versehen, der knapp 200 Jahre vor dem Einmarsch des Landesjägerkorps in Halle am Rande der Stadt von einem Holzförster erschossen worden war, versucht, seine Mission der Befriedung der rebellischen Saalemetropole mit Zurückhaltung zu erfüllen.

„Waren nicht auf solche haarsträubende Rohheit vorbereitet“

Weil am Sonntag, dem 2. März, Stadtratswahlen stattfinden, bleibt die als Ordnungsmacht entsandte „Noske-Garde“ , wie die Revolutionäre sie abfällig nennen, in ihren Unterkünften. Und die Straße gehört plötzlich dem Mob: Die Ärmsten der Armen, ebenso mittel- wie skrupellos nach fünf Jahren Krieg und Hunger, plündern hunderte Geschäfte. Handwerker und Gastwirte werden ausgeraubt. Wer sich widersetzt, um sein Eigentum zu verteidigen, wird zusammengeprügelt oder sogar totgeschlagen.

Maercker, ein preußischer Militär mit Afrika-Erfahrung, Generalstabsmeriten und zahlreichen Fronteinsätzen an Ost- wie Westfront des 1. Weltkrieges, entschließt sich spät, dem auf den Straßen tobenden Mob entgegenzutreten. „Das Schlimmste war, dass die Angaben über die Bevölkerung Halles unvollständig waren“, gesteht er später.

Er habe zwar gewusst, dass die „unruhigen Elemente roh und feige“ seien. „Aber auf eine solche haarsträubende Rohheit, wie wir sie in Halle fanden, waren wir nicht vorbereitet“. Er sei noch nie, so Maercker, „in einen Ort gekommen, wo der Mob so zügellos und bestialisch war wie in Halle.“

Wütender Mob kostet Oberstleutnant das Leben

Mit Minenwerfern beschossen seine Männer die Revolutionäre in der Oper, es kommt zu hunderten Hausdurchsuchungen, bei denen Waffen konfisziert werden. Maercker droht den Bürgern der Saalestadt mit der Verhängung des Ausnahmezustandes.

Er löst das Sicherheitsregiment auf und verkündet, dass nun rücksichtslos durchgegriffen werde, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und den Zugverkehr wieder in Gang zu bringen, der notwendig sei, damit Lebensmittel in die Stadt gelangen könnten.

29 Tote und 67 Verwundete werden später gezählt, mehr als 200 Menschen sitzen in Haft und die Volksseele kocht dermaßen, dass Oberleutnant Robert von Klüber, der als Vertreter der Regierung mit Maercker nach Halle gesandt worden war, einen Ausflug in die Stadt mit dem Leben bezahlt.

Trotz Zivilkleidung erkannt, wirft ihn eine empörte Menschenmenge von einer Brücke in die Saale. Als von Klüber zu schwimmen beginnt, wird auf ihn gefeuert. Als er das Ufer erreicht, wird er mit Kolbenschlägen traktiert und schließlich erschossen.

Delegiertenversammlung beendet den Aufstand

Es ist der Höhepunkt eines Ausstandes, der Halle zum Hoffnungsort derer gemacht hatte, die von einer Revolution ohne Samthandschuhe und einem Wechsel auf den sowjetischen Weg träumten. Am Tag danach greift Generalmajor Maercker durch.

Otto Kilian, der charismatische Chef des Arbeiterrates, wird in Schutzhaft genommen. Plünderer und Waffenbesitzer bekommen ein Ultimatum gestellt: Straflos bleibe, wer Waffen und Raubgut abgebe. Wer aber weiter Waffen horte oder als Plünderer auffalle, werde hart abgeurteilt.

Der Generalstreik, mit dem die ultralinke USPD versucht hatte, ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild zu etablieren, gerät unter diesem Druck ins Wanken. Als die Reichsregierung sich aus Weimar mit einem Flugblatt meldet, das verkündet „Die Sozialisierung ist da!“ und den Eindruck erweckt, „an die Stelle der schrankenlosen Privatwirtschaft“ werde nun eine „deutsche Gemeinwirtschaft“ treten, kippt die Stimmung unter den Streikenden.

Eine Delegiertenversammlung beschließt, den Aufstand zu beenden. Georg Maercker hat seine Aufgabe erfüllt. Ruhe und Ordnung sind wieder hergestellt. Maercker lässt in der Saalezeitung annoncieren: „Der von mir erklärte Belagerungszustand tritt nicht in Kraft“.