Lehrermangel in Halle

Lehrermangel in Halle: Zwischen Not und Sorge

Halle (Saale) - Der Lehrermangel ist in Halle angekommen, aber nicht überall. Drei Schulleiter erklären, wie stark er sie betrifft und welche Folgen dies für den Unterricht hat.

Von Anja Förtsch und Robert Briest

Der Lehrermangel ist in Halle angekommen. Die MZ untersucht in dieser Woche, welche Folgen das für die Schulen hat und welche Lösungsmöglichkeiten es in der Stadt gibt. Heute: Die Lage vor Ort – Besuch in drei Schulen.

Grundschule Hanoier Straße

Sabine Breier hält auf dem langen Flur kurz inne, hebt den Arm: Stille. „Es ist Ordnung im Haus, kein Chaos, trotz unserer brenzligen Situation.“ Ordnung ist der energischen Leiterin der Grundschule Hanoier Straße wichtig. Ihre 308 Schüler sollen sie grüßen, wenn sie sie morgens ins Haus lässt. Einen geordneten Unterrichtsablauf konnte Breier in diesem Schuljahr jedoch trotz vieler Bemühungen nicht immer aufrecht erhalten, weil ihr dafür schlicht die Mitarbeiter fehlten. Am Anfang des Schuljahres konnte sie mehrere Wochen keinen regulären Unterrichtsplan aufstellen. Nebenfächer wie Ethik und Musik lässt sie aus Personalnot nur im minimal erlaubten Umfang von einer Stunde pro Woche unterrichten.

Ende November war auch dies nicht mehr möglich. Für die 15 Klassen waren ihr noch neun Lehrer geblieben, der Rest war krank. In Absprache mit dem Landesschulamt setzte Breier den Unterricht aus. Die Schüler wurden drei Tage lang nicht betreut. Die Schulleiterin betont: „Unsere Lehrer bleiben nicht wegen Husten und Schnupfen zu Hause, sondern weil es nicht mehr geht. Sie sind ausgebrannt.“ Befördert wird der hohe Krankenstand wohl auch durch die Altersstruktur des Kollegiums. Dessen Durchschnittsalter liegt bei 52,3 Jahren. Von den 15 Stammlehrern sind fünf über 60 und damit kurz vor der Rente.

Ihre vier Förderschullehrer und die Sprachlehrerin setzte Breier bereits als Klassenlehrer der Regelklassen ein: „Ich hatte am Schuljahresanfang fünf erste Klassen, aber nur zwei Klassenlehrer“, Dieser Fremdeinsatz hat Folgen: „Ich kann die Förderkräfte nicht als solche einsetzen. Die 38 Kinder mit Förderbedarf bekommen deshalb keinen Förderunterricht.“ Auch Deutsch als Zielsprache für die Schüler mit Migrationshintergrund gibt es aktuell nicht. „Perspektivisch habe ich im nächsten Jahr dieselbe Situation: Zwei Klassenlehrer für fünf erste Klassen. Das geht nicht, da muss etwas passieren!“, fordert Breier.

Für eine solide Personalausstattung fehlen der Schule ihrer Meinung nach mindestens drei feste Mitarbeiter und ein pädagogischer Mitarbeiter. Bei der nun anlaufenden Stellenausschreibungsrunde ist zumindest eine Stelle für die Hanoier Straße eingeplant. Ob die auch besetzt werden kann, ist jedoch eine andere Frage. Nicht nur angesichts der Lage auf dem Lehrermarkt, sondern auch wegen der Lage der Schule in Silberhöhe. Der Ruf des Viertels habe schon viele verschreckt, auch temporäre Versetzungen seien deswegen abgelehnt worden, lediglich ein junger Kollege aus Eisleben und zwei Referendare seien nun kurzzeitig gekommen, berichtet Breier. „Sie finden keine neue Kollegen. Wir suchen seit Jahren einen pädagogischen Mitarbeiter.“ Erfolglos. Die Leiterin kann das nicht nachvollziehen: „Wir haben hier tolle Lehrer und Mitarbeiter, fleißige Schüler, Eltern, die für uns arbeiten.“

Sekundarschule „Heinrich Heine“

Auch der Ruf des Stadtteils Halle-Neustadt ist nicht der beste. Mandy Rauchfuß ließ sich davon nicht abschrecken, als sie vor etwa zwei Jahren die Schulleitung der Sekundarschule Heinrich Heine an der Eselsmühle übernahm. Seitdem führt sie 55 Menschen an; 50 Lehrer sowie fünf Schulsozialarbeiter und pädagogische Mitarbeiter. Dazu kommen noch drei Referendare. „Unsere Unterrichtsversorgung liegt derzeit bei 88 Prozent“, sagt Rauchfuß. Das bedeutet, dass für zwölf Prozent der geplanten Unterrichtszeit keine Lehrer bereitstehen. Vor allem für die Naturwissenschaften sowie für Hauswirtschaft, Technik und Wirtschaft fehlt Personal. „In den letzten Jahren fehlten immer auch Deutschlehrer, die haben wir inzwischen.“

Stolz zeigt Rauchfuß den Vertretungsplan für die nächste Schulwoche: Kein einziger Eintrag, jedes Feld der Din-A4-Tabelle ist leer, alle Lehrer sind wie geplant im Einsatz. „Wir können den Missstand von 88 Prozent nur wuppen, weil wir zusammenhalten, gesund bleiben und aufeinander aufpassen“, sagt Rauchfuß. Dieser Teamgedanke sei das Geheimnis und nicht nur auf das Lehrerkollegium beschränkt: Die Heinrich-Heine-Schule ist eine umgewandelte Ganztagsschule. Auf die Kinder warten nicht nur Unterrichtsstunden, sondern beispielsweise auch Musikproben im schuleigenen Tonstudio oder die Arbeit in der Fahrradwerkstatt. Das Modell schafft auch Verbundenheit zwischen Kindern und Lehrern. Auf dem Weg über den Schulflur laufen der Leiterin sechs Jungs entgegen, einer hat eine Verletzung am Auge. „Frau Rauchfuß, wir wollen was klären.“ Es habe eine Schlägerei gegeben, die Streithähne hätten sich aber schon wieder vertragen. Rauchfuß legt den Arm um die Jungs, der Verlierer schnieft noch einmal, alles wieder gut.

Um auf eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent zu kommen, fehlen noch fünf Lehrer, schätzt sie. Dass das Ministerium den Schuldienst kürzlich auch für Quereinsteiger geöffnet hat, hält sie für eine sehr gute Entscheidung. „Ich finde, dass Quereinsteiger eine große Bereicherung sind.“ An der Heinrich-Heine-Schule unterrichtet seit Neuestem ein studierter Landschaftsarchitekt Deutsch als Zielsprache. „Er macht das super. Und leitet zudem ganz tolle Projekte in der Natur.“

Gymnasium „Thomas Müntzer“

Das Thema Quereinsteiger sieht Thomas Gaube, Leiter des Giebichenstein-Gymnasiums „Thomas Müntzer“, ganz anders - nämlich „ganz kritisch“: „Wenn jeder ohne qualifizierte Ausbildung diesen Beruf ausüben könnte, dann bräuchte und gäbe es diese Ausbildung nicht.“ In seinen Augen müsse das pädagogische Handwerkszeug da sein, es genüge nicht, einfach nur Wissen zu vermitteln. Und außerdem, „welcher Betrieb lässt schon seine besten Leute gehen, um Quereinsteiger zu werden?“

An seiner Schule gibt es derzeit 80 Lehrer, sechs davon in Altersteilzeit. „Ich bin in der glücklichen Situation, in den letzten Jahren nie unter 100 Prozent Unterrichtsversorgung gefallen zu sein“, sagt Gaube, der auch Vorsitzender des Philologenverbands Sachsen-Anhalt ist. Die 103 Prozent Unterrichtsversorgung, die im Koalitionsvertrag zwischen CDU, SPD und Grünen festgeschrieben sind, hält er für zu kurz gegriffen. „Jeder Schulleiter und jeder Personalrat würde sagen, dass 106 bis 107 Prozent notwendig sind, allein schon um die Krankheitsfälle auszugleichen.“ Derzeit seien 13 seiner Lehrer krankgemeldet. „Das lässt sich nicht kompensieren. Die Eltern werden sich in den kommenden Jahren an Unterrichtsausfälle gewöhnen müssen.“

Noch ist die Stimmung an seinem Haus aber gut. Gaube läuft über den Schulhof seines Gymnasiums, ein Mädchen springt ihm entgegen, hält ihm einen schwarzen Haargummi hin. „Hallo, Herr Gaube. Können Sie den Herrn Döhler geben?“ Der Schulleiter nimmt den Haargummi: „Ja klar, kein Problem.“ Das Mädchen lächelt und ist auch schon wieder verschwunden.

Sorgen bereiten Gaube die Nachwuchsprobleme: „Es ist nach wie vor ein Problem, geeignete junge Kollegen zu finden, die nach der ersten Ausbildungsphase ein Referendariat in Sachsen-Anhalt machen.“ An seiner Schule sind derzeit drei Referendare beschäftigt, einer bis Jahresende und die restlichen beiden noch bis zum Frühjahr. Könnte er sich etwas von Bildungsminister Tullner wünschen, dann wären das mehr Referendariatsstellen. „Das würde die Motivation, im Land zu bleiben, steigern.“

Im Land bleiben heißt auch auf dem Land bleiben: „Die meisten Nachwuchslehrer wollen in die großen Städte Halle, Magdeburg oder Dessau“. Man müsse sich deshalb Gedanken machen, wie man den ländlichen Raum attraktiv macht, etwa mit Wohnungen, Kinderbetreuung oder Kultur. Generell brauche das Land mehr Lehrerstellen. Denn derzeit stünde ein Großteil der Lehrer im Land fünf bis zehn Jahre vor dem Ruhestand, so der Schulleiter.

Gaube, der selbst Mathematik und Physik lehrt, will trotz seines Amtes als Schulleiter für die Kinder greifbar bleiben. Für den Lernerfolg sei das sogar noch wichtiger als die genaue Höhe der Unterrichtsversorgung oder die Anzahl der Lehrkräfte an seiner Schule. „Die Schüler lernen nicht für das Fach, sondern für den Lehrer. Also muss man gut sein.“

(mz)