Herkömmliche OP nicht möglichKrebs Säugling: Ärzte im Klinikum Kröllwitz in Halle retten Baby durch Mikrokatheter-OP

Halle (Saale) - Kurz nach der Geburt stellten die Ärzte im Krankenhaus Wernigerode bei Louis einen Tumor in der Hüftgegend fest, der fast so groß wie ein Tennisball war. Die Blutwerte bei dem Neugeborenen waren extrem schlecht.

Von Walter Zöller 29.09.2017, 09:05

„Das ist ein toller Tag, wir können jetzt mit unserem Kind nach Hause“, sagt René Francke. „Wir sind überglücklich und absolut erleichtert“, bringt auch Ehefrau Kathrin ihre Gefühle auf den Punkt.

Noch stehen die beiden in einem Zimmer der Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums Halle. In einem Bettchen liegt ihr erst wenige Wochen alter Sohn Louis - befreit von einem äußerst seltenen Gefäßtumor, dem Ärzte des Klinikums mit einem schwierigen Eingriff seine zerstörerische Kraft genommen haben.

Gleich wird das Baby noch einmal untersucht, bevor sich die Familie in ihren Heimatort Darlingerode im Harz aufmachen kann.

Lebensgefährlicher Tumor in der Hüftgegend 

Dort begann im August eine Geschichte, die dem Baby und den Eltern alles abverlangt hat. Kurz nach der Geburt stellten die Ärzte im Krankenhaus Wernigerode bei Louis einen Tumor in der Hüftgegend fest, der fast so groß wie ein Tennisball war. Die Blutwerte bei dem Neugeborenen waren extrem schlecht.

Noch in der Nacht wurde das Baby mit einem Rettungshubschrauber in die Uniklinik nach Halle geflogen, dort kam es sofort auf die Intensivstation der Kinderkrebsabteilung.

Gerinnungsversagen durch Tumor: Baby droht zu verbluten

„Der Tumor führt zu einem totalen Gerinnungsversagen. Das Blut fließt fast vollständig in die Geschwulst“, sagt der Radiologe Professor Walter Wohlgemuth. „Das Baby drohte innerlich zu verbluten.“

Eine herkömmliche Operation war nach Angaben von Wohlgemuth nicht möglich, da die bösartige Geschwulst für einen Eingriff an einer äußerst ungünstigen Stelle lag.

„Außerdem bestand die Gefahr, dass das Baby während des Eingriffs verblutet wäre“, beschreibt der Radiologe die schwierigen Umstände.

Eine medikamentöse Behandlung hätte nur über einen längeren Zeitraum erfolgen können. Doch diese Zeit blieb den Ärzten nicht mehr.

Zudem war nicht klar, ob die verschiedenen Medikamente überhaupt anschlagen würden. „Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Das Kind schwebte in akuter Lebensgefahr“, so der Mediziner.

Krebs-OP: Minimalinvasive Katheter-Eingriffe im Klinikum Kröllwitz

Die Ärzte in der Kinderkrebsstation wussten um den Ernst der Lage. Sie zogen mit Wohlgemuth einen Radiologen hinzu, dessen Fachgebiet sich im vergangenen Jahrzehnt rasant gewandelt hat. Weiter verbessert haben sich nicht nur die diagnostischen Möglichkeiten, mittlerweile zählen Katheter-Eingriffe durch Radiologen - von viel moderner Technik wie Computertomograph und Magnetresonanztomograph unterstützt - in vielen Krankenhäusern zum medizinischen Alltag.

Statt großer Wunden genügen kleine Schnitte; der Arzt manövriert kleinste Sonden im Körper des Patienten zu der Stelle, an der der eigentliche Eingriff erfolgen soll. Wohlgemuth hat seinen Dienst in Halle am 1. Juni dieses Jahres angetreten.

Er soll die Radiologie im Universitätsklinikum weiterentwickeln, wobei ein Schwerpunkt auf der Behandlung von angeborenen Gefäßfehlbildungen liegt. Darunter leiden oft auch Kinder, die stundenlangen Eingriffe sind extrem kompliziert. Wohlgemuth gilt als Experte auf diesem Gebiet.

Krebs bei Baby Louis: Operation dauerte drei Stunden

Davon profitierte auch der kleine Louis. „Für mich waren der Tumor und seine Behandlung kein Neuland.“ Während seiner Zeit am Universitätsklinikum Regensburg habe er „wahrscheinlich die meisten in Deutschland aufgetretenen derartigen Fälle behandelt - und zwar mit einem minimal-invasiven Eingriff“, so der Radiologe.

Während der dreistündigen Operation erkundeten Wohlgemuth und sein Team zunächst mit Hilfe eines Kernspintomographen die genaue Struktur des Tumors. Dann führte der Radiologe einen extrem kleinen Katheter in der Leiste des Babys ein und leitete die Sonde direkt zum Tumor.

Bösartiger Tumor bei Säugling an Uniklinik Halle entfernt

Dabei habe es sich nach Angaben von Wohlgemuth um einen feinmechanischen Eingriff gehandelt, den in Deutschland nur wenige Kliniken in Angriff nehmen können.

So hatte der Mikrokatheter, der in einer komplizierten Aktion durch den Körper des winzigen Babys geführt wurde, einen Durchmesser von lediglich einem Millimeter. „Mithilfe winzig kleiner Partikel wurden alle Tumorkanäle verschlossen. So konnte der Blutzufluss gestoppt werden“, beschreibt der Mediziner das Ziel des Eingriffs.

Der Tumor ist also von der Durchblutung abgeschnitten worden. Die Geschwulst bekam keine Nahrung mehr. „Das Baby ist gerettet, das ist ein echtes kleines Wunder“, sagt Wohlgemuth und hebt die „hervorragende Kooperation“ mit den Ärzten in der Kinderkrebsstation hervor. Dies sei ein Beispiel dafür, wie verschiedene Disziplinen einer Klinik miteinander kooperieren.

Gefäßtumor nach OP in Halle nicht mehr gefährlich

Die Geschwulst werde sich mit der Zeit entweder von alleine zurückbilden oder aber sie werde operativ entfernt, sagt der Mediziner Caspar Kühnöl von der Kinderkrebsstation. Auf jeden Fall aber sei der Tumor nicht mehr gefährlich.

Die Rettung ihres Kindes war für die Eltern nicht nur ein kleines, sondern ein großes Wunder. Sie waren in der kritischen Zeit immer ganz nah bei ihrem Baby, haben im Gästehaus der Universitätsklinik übernachtet und inständig gehofft, dass Louis überlebt.

Mittlerweile hat die Familie der Alltag in Darlingerode wieder eingeholt - mit einem von einem bösartigen Tumor geheilten Baby. (mz)