Karamba Diaby

Karamba Diaby: Mit voller Kraft in den Bundestag

Halle (Saale)/MZ - Wieder dieses Café in der Innenstadt, das ihn so viel Nerven gekostet hat. Karamba Diaby macht gute Miene zu seinem Comeback an dem Ort, mit dem er ungute Erinnerungen verbindet, seit er sich hier vor Monaten mit dem Reporter eines großen Nachrichtenmagazins aus Hamburg traf. Und wenig später lesen musste, dass Halle, die Stadt, die Karamba Diaby von ganzem Herzen liebt, eine Hochburg des Rechtsradikalismus sei, in der seine Bundestagskandidatur für die SPD eine Art lebensgefährliches Experiment ...

Von Steffen Könau 31.08.2013, 16:28

Wieder dieses Café in der Innenstadt, das ihn so viel Nerven gekostet hat. Karamba Diaby macht gute Miene zu seinem Comeback an dem Ort, mit dem er ungute Erinnerungen verbindet, seit er sich hier vor Monaten mit dem Reporter eines großen Nachrichtenmagazins aus Hamburg traf. Und wenig später lesen musste, dass Halle, die Stadt, die Karamba Diaby von ganzem Herzen liebt, eine Hochburg des Rechtsradikalismus sei, in der seine Bundestagskandidatur für die SPD eine Art lebensgefährliches Experiment darstelle.

Diaby, schwarzer Anzug, weißes Hemd, rot-weiß gestreifter Schlips, ist heute noch sauer. Sauer auf sich selbst. „Wir hatten ein nettes Gespräch“, erinnert er sich, „aber wir sind gar nicht bis zu meinen Inhalten vorgedrungen.“ Von toten Tauben auf der Straße war dann im Artikel die Rede und von einer Verfolgungsjagd durch Nazis, die Diaby vor Jahren erlebt hat.

Noch Monate danach schüttelt der Mann mit der schmalen Brille den Kopf. Ja, sagt er, das habe ihn schockiert. „Ich wusste ja nicht, wie die Leute darauf reagieren.“

Aber die Leute, die aus seiner Sicht gut hätten stinkig sein können auf den gebürtigen Senegalesen, der vor 28 Jahren zum Studium in die DDR kam, sich hier verliebte, heiratete, zwei Kinder bekam, blieb und heute sagt, er sei natürlich ein Hallenser, haben sich vor ihre Stadt gestellt. Karamba Diaby bekommt leuchtende Augen, wenn er von den Offenen Briefen an die Hamburger Redaktion, dem Protest bei Facebook und dem Zuspruch erzählt, den er selbst bekam. „Das war genau das, was wir viel mehr brauchen“, sagt er, „Menschen, die mitmachen, sich einmischen, die ihre Stimme erheben.“

Zum Wahlkreis 72, in dem Karamba Diaby kandidiert, gehören neben Halle und Landsberg auch die Gemeinden Kabelsketal und Petersberg. Neben Diaby, der für die SPD antritt, kandidieren hier CDU-Mann Christoph Bergner, Cornelia Pieper für die FDP, der Grüne Sebastian Kranich, Petra Sitte für Die Linke, Dietmar Weichler von den Freien Wählern, der Pirat Stephan Schurig und Dirk Domicke für die Alternative für Deutschland.

Zuletzt hatte Petra Sitte für die Linke überraschend das Direktmandat gewonnen, sie holte vor vier Jahren 33,7 Prozent der Stimmen und beendete damit eine Ära, in der die SPD viermal hintereinander den Direktkandidaten stellte.

Nicht die erste jähe Wendung des Wählerwillens in Halle und Umgebung: Im selben Wahlkreis, der seinerzeit allerdings nur die Altstadt umfasste, während die Neustadt zum Saalkreis-Wahlkreis 292 gehörte, hatte die FDP bei den ersten freien Wahlen 1990 das Kunststück geschafft, ihr letztes Direktmandat zu erringen.

Diaby war immer so einer. Schon in seinem ersten Leben in der Schule im Senegal gab der Junge, der nach dem frühen Tod von Mutter und Vater als Waise aufwuchs, den Schülerrat. In die DDR kam er, ohne ein Wort Deutsch zu können. Wenig später wählten sie ihn schon zum Seminargruppensprecher. Dass Leute von der SPD, die er aus den vielen ehrenamtlichen Gremien kannte, in denen er sitzt, ihn letztes Jahr fragten, ob er nicht vielleicht für den Bundestag kandidieren wollen würde, geschah nicht, weil ein Mann mit schwarzer Haut als Experimentalkandidat absehbar für viel Aufsehen sorgen würde. Sondern weil Karamba Diaby umtriebig ist, gut vernetzt, engagiert und kommunikativ.

Immer wieder Gespräche

Geht Diaby durch die Stadt, und das tut er oft, sprechen ihn die Leute im Dutzend an. Jeder kennt den 52-Jährigen, der wiederum scheint seinerseits jeden zu kennen. „Meine Heimatstadt“, nennt er Halle. Hier lebt er schließlich schon länger als er im Senegal gelebt hat, hier sitzt er im Stadtrat, hier hat er seine Familie, seinen Freundeskreis, seine Wurzeln.

Er selbst weiß, dass er auf dem Exotenticket reist. Nur deshalb ruft die New York Times an, deshalb will die BBC ein Interview und wäre er nicht schwarz, würde kein Journalist aus Hamburg sich zum Plausch mit ihm in ein hallesches Eiscafé bemühen. Karamba Diaby ist bereit, das Spiel mitzuspielen, auch wenn ihm seit den Tagen, als er mit seiner Frau und den beiden Kindern überlegte, ob er das wirklich machen soll mit der Kandidatur, klargeworden ist, dass der Wirbel noch viel größer ausfällt als er geahnt hat. Festgelegt aber möchte er nicht werden auf die Rolle des ersten Afrikaners im Bundestag oder des Schwarzen, der für die Roten kandidiert. Diaby schmunzelt. „Ich finde es gut, wenn das Aufsehen um meine Person dafür sorgt, dass man deutschlandweit und weltweit für einen Moment nach Halle schaut“, sagt er, „aber eigentlich bin ich ja nicht nur schwarz, sondern auch Ostdeutscher, Akademiker, Familienvater und Brillenträger - unter anderem.“

Ein bunter Hund ist er, ein Hans Dampf in allen Gassen. Beim Hochwasser steht der dank Platz 3 auf der Landesliste ziemlich sichere künftige SPD-MdB mit der Schippe in der Hand zwischen lauter jungem Volk. Und Diaby agitiert nicht etwa, er schippt. An einem anderen Tag streift er durch die Kneipenmeile und verteilt Werbebierdeckel mit seinem Konterfei. Meist eine zeitraubende Angelegenheit, denn Karamba Diaby bleibt in der Regel an seinem Gegenüber kleben. Dann muss er Stellung beziehen, aufklären, dann muss er praktisch leben, was das Wort Volksvertreter sonst nur plakatiert.

Dann ist Karamba Diaby in seinem Element. Der Mann mit der hohen Stirn hat nie Angst vor Menschen gehabt. Ganz im Gegenteil, er genießt sie als Zuhörer wie als Widerpart. Schon als Student in einem fremden Land ging er auf Leute zu, schloss sie sich auf, wurde in die Familien eingeladen und lernte deutsche Sitten und Gebräuche so besser kennen als seine Mitstudenten. Neugier treibt ihn, Neugier auf das, was er nicht kennt.

„Wenn ich was anfange, dann richtig“, sagt er - eine Art Maxime, an der entlang der promovierte Chemiker sein ganzes Leben erzählen könnte. Das wiederum der Schlüssel zum Verständnis dessen ist, was Karamba Diaby will. Chancengerechtigkeit durch bessere Bildung nennt er es, und er kann das alles verständlich erklären bis hin zur Forderung nach einer Aufhebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern im Bereich der Bildung. Finanziell schwache Länder müssten Hilfe annehmen dürfen, um Bildungsangebote auszubauen, ist Karamba Diaby sicher. Denn Bildung sei der Schlüssel zu allem. „Die Zukunft einer Gesellschaft hängt davon ab, wie erfolgreich sie darin ist, gutausgebildete Leute hervorzubringen, die auch zusammenhalten.“

Eigene Geschichte als Befähigungsnachweis

Derzeit sehe er Generationen, die auf der Strecke bleiben, ganze Altersgruppen, in deren Ohren das Aufstiegsversprechen der Marktwirtschaft wie ein übler Witz klingen muss. Wenn er an dieser Stelle auf die Verfehlungen der Bundesregierung schimpft, klingt das ein bisschen wie angelernt, denn ein Volkstribun ist Karamba Diaby nicht. Dafür ist er authentisch, wenn er davon spricht, wie Bildung ihm selbst Türen geöffnet hat. Die Waise aus Dakar durfte Abitur machen und später sogar studieren, „weil man mir die Möglichkeit gegeben hat, Zugang zu bekommen“.

Diaby musste nie gebeten oder gar gedrängt werden, durch Türen zu gehen, die sich ihm öffneten. Nach dem Mauerfall macht er seinen Doktor, dann ist er bei Vereinen tätig, bei Bildungsträgern und Jugendwerkstätten, ehe er einen Job als Referent der Integrationsbeauftragten des Landes antritt, die eigene Geschichte als Befähigungsnachweis im Gepäck. „„Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe das alles selbst erfahren.“

Er hat seine Schlüsse daraus gezogen. Karamba Diaby, der sagt, er sei wegen Willy Brandt SPD-Mitglied geworden, spricht jetzt von sich selbst. Es kommt nicht darauf an, wer du bist, was du bist oder woher du bist, sagt er, sondern nur darauf, was du daraus machst. „Vielfalt schafft Werte“, hat er sich letzten Sommer, als er seine Wahlkampagne begann, als Motto ausgedacht. Karamba Diaby meint damit, dass es sich lohnen kann, Geld auszugeben, wenn das Menschen dabei hilft, durch ihre eigenen Türen zu gehen. Um Missverständnissen vorzubeugen, die er nun schon kennt, schiebt er nach: „Wenn ich von Förderung rede, dann meine ich nicht nur Migranten, sondern alle, die Förderung brauchen.“

Karamba Diaby will nichts falsch machen auf dem Weg in den Bundestag, der vorgezeichnet ist, selbst wenn es mit dem anvisierten Direktmandat nicht klappen sollte. Er hat dieser Tage seinen Jahresurlaub genommen, um mit voller Kraft Wahlkampf zu machen. Natürlich könne er sich immer noch eine Zukunft ohne Mandat vorstellen, sagt er. Aber da ist eine Tür ist offen. Und Karamba Diaby wird auf jeden Fall durchgehen.