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Hallescher Politiker bedroht

Hallescher Politiker bedroht: Wie Karamba Diaby Rassismus in Deutschland erlebt

Halle (Saale) - Die Proteste in den USA gegen Rassismus reißen seit Tagen nicht ab, auch in europäischen Städten wird inzwischen demonstriert. Anfeindungen wegen seiner Hautfarbe kennt auch der hallesche Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby (SPD). Mitte Januar wurden in der Fensterscheibe seines Büros in der Innenstadt fünf mutmaßliche Einschusslöcher ...

Von Christian Burmeister 05.06.2020, 11:50

Die Proteste in den USA gegen Rassismus reißen seit Tagen nicht ab, auch in europäischen Städten wird inzwischen demonstriert. Anfeindungen wegen seiner Hautfarbe kennt auch der hallesche Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby (SPD). Mitte Januar wurden in der Fensterscheibe seines Büros in der Innenstadt fünf mutmaßliche Einschusslöcher entdeckt.

Christian Burmeister sprach mit dem 1961 im Senegal geborenen Wissenschaftler und Politiker, der sich seit 2013 im Bundestag um Bildungs- und Arbeitsthemen kümmert, über die Situation in den USA, rassistische Anfeindungen im Internet und Toleranz in der Gesellschaft.

Herr Diaby, mit welchen Gefühlen blicken Sie momentan in die USA?

Karamba Diaby: Insgesamt mit großer Besorgnis, denn die Gesellschaft dort ist sehr tief gespalten. Die Schwarzen stellen einen großen Teil der Bevölkerung. Dieser kann nicht auf Dauer diskriminiert bleiben. Aber immerhin gibt es auch einige positive Zeichen. Beispielsweise machen nun viele US-Unternehmen deutlich, für wie schädlich sie diese Spaltung des Landes halten und geben Donald Trump Kontra.

Auch in Deutschland ist Rassismus wieder ein größeres Thema. Wie erleben Sie die Diskussion?

Das Thema wird aus meiner Sicht ernst genommen und breit und angemessen diskutiert. Allerdings bedaure ich es sehr, dass diejenigen, die vor allem von Rassismus betroffen sind, in der öffentlichen Diskussion nur eine sehr kleine Rolle spielen. Es sind vor allem Experten und Wissenschaftler, die dominieren.

Es wäre glaubwürdiger, wenn mehr direkt Betroffene zu Wort kämen. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Man muss allerdings auch sagen: Die Situation in Deutschland ist mit der in Amerika nicht eins zu eins vergleichbar. Trotzdem gibt es in Deutschland selbstverständlich Rassismus. Das kann und sollte man nicht weg diskutieren.

Die „Maischberger“-Sendung zu den USA sorgt vor allem bei Twitter für Kritik, weil keine Schwarzen eingeladen wurden. Sie teilen diese Kritik?

Nur teilweise. Dass beispielsweise Außenminister Heiko Maas zu Gast ist, finde ich völlig in Ordnung. Denn es geht in Amerika ja nicht nur um Rassismus, sondern insgesamt um eine Politik, die eine große Gefahr für die ganze Welt darstellt. Aber natürlich wäre es wichtig gewesen, auch schwarze Menschen in der Sendung zu haben.

Wir haben sehr engagierte Menschen und Organisationen mit migrantischem oder schwarzem Hintergrund, die ihre Sichtweisen und Erwartungen sehr klar formulieren. Ein Teil der Gesellschaft sehnt sich danach, stärker gehört zu werden. Da gibt es Handlungsbedarf.

In der Fußball-Bundesliga haben einzelne Spieler am letzten Spieltag aus Solidarität mit dem ermordeten George Floyd niedergekniet. Tut der Sport insgesamt genug gegen Rassismus?

Ich finde es sehr gut, wenn jemand Zeichen setzt und zeigt, dass ihm das Thema nicht egal ist. Im Fußball gibt es sehr deutliche rassistische Ausschweifungen, auch gegen schwarze Spieler. Aber gleichzeitig viele Vereine und Fangruppen, die sich deutlich mit Plakaten und Aktionen gegen Rassismus stellen.

Am Ende geht es aber nicht nur um den Sport, die Öffentlichkeit oder die Wirtschaft. Wir sind alle gefragt, etwas gegen negative Tendenzen zu unternehmen, die auf die Spaltung der Gesellschaft abzielen.

Sie selbst werden im Internet häufig in extremer Form rassistisch angefeindet. Wie stark belastet Sie das?

In meinem nicht-digitalen Alltag spielt das fast keine Rolle. Meine Arbeit als Abgeordneter für Halle läuft ungehindert. Aber natürlich kann man so etwas auch nicht völlig abschütteln. Ich freue mich sehr, dass es auf Hass-Attacken wahnsinnig viele Gegenreaktionen gibt. Das ist für mich, mein Team und alle, die unsere Arbeit unterstützen, sehr wichtig. Es macht mir Freude und stärkt mich in meiner Arbeit. Die Hetzer sind zwar laut, aber eine Minderheit.

Sollte bei rassistischen Äußerungen in den sozialen Medien stärker eingegriffen werden?

Absolut. Die Meinungsfreiheit darf nicht angetastet werden, aber das Internet ist auch kein rechtsfreier Raum. Und die Würde des Menschen - Artikel 1 des Grundgesetzes - ist unantastbar. Die Politik muss handeln, um die Schwächsten in der Gesellschaft zu schützen. Hass-Kommentaren muss aber auch von Nutzern entschieden widersprochen werden. Der Bundestag hat einiges auf den Weg gebracht, wir müssen beobachten, ob das ausreicht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten - welcher wäre das?

Dass alle in Deutschland Rassismus als ein ernstes Problem wahrnehmen. Es gibt Teile der Gesellschaft, die das Thema kleinreden. Was die Sensibilität angeht, ist da noch Luft nach oben. Rassismus ist ein Virus, Rassismus braucht ein Stoppschild, wo er sich auch zeigt - ob auf Omas 80. Geburtstag, auf der Firmenfeier oder im Stadion.

Für mich ist ein Schlüssel dabei politische und Medien-Bildung. Diese kann den Menschen helfen, die Dinge realistischer und differenzierter wahrzunehmen und gegen viele Fake News immuner zu werden. Wenn wir das Thema Bildung als Gesamtgesellschaft ernst nehmen, sind wir auf dem richtigen Weg. (mz)