Halle

Halle: Am Bedarf vorbei

Halle (Saale)/MZ. - Vor zwei Wochen verabschiedete das Landeskabinett die Novelle des Kinderförderungsgesetzes (Kifög), gegen die sich nun Widerspruch bei Kita-Trägern und Elternvertretern regt. Mit Anja Pohl, Vorstandsmitglied im Stadtelternbeirat Halle, der die Eltern von Kindern in Kindertagesstätten vertritt, sprach Felix ...

03.05.2012, 19:55

Vor zwei Wochen verabschiedete das Landeskabinett die Novelle des Kinderförderungsgesetzes (Kifög), gegen die sich nun Widerspruch bei Kita-Trägern und Elternvertretern regt. Mit Anja Pohl, Vorstandsmitglied im Stadtelternbeirat Halle, der die Eltern von Kindern in Kindertagesstätten vertritt, sprach Felix Knothe.

Sie kritisieren die Kifög-Novelle heftig. Was haben Sie gegen den Ganztagsanspruch für alle?

Pohl: Wir begrüßen ganz eindeutig die Rückkehr zum Ganztagsanspruch. Aber wir sehen auch, dass damit große Probleme auf die Eltern, die Träger und die Einrichtungen zukommen.

Was genau meinen Sie?

Pohl: Problematisch ist, dass der Ganztagsanspruch zuerst nur für über Dreijährige gilt. Da sehen wir ganz praktische Probleme: Was machen Eltern, die Kinder über und unter drei Jahren haben? Auch Eltern, die ein Neugeborenes haben, hat man vergessen, denn nach dem Mutterschutz hat man keinen Ganztagsanspruch mehr. Das hat man unter den Tisch fallen lassen, obwohl die Kritik diesbezüglich seit Jahren laut ist. Das ist nicht familienfreundlich. Und dann gibt es handwerklich ganz viele Dinge, bei denen wir sagen, da hat man irgendwie nicht richtig mitgedacht.

Die Landesregierung will bis 2015 fast 50 Millionen in die Kitas stecken. Ist Ihnen das etwa zu wenig?

Pohl: Es ist schön, dass das Land Geld in die Hand nehmen will, aber wieder liegt der Fokus nur auf der Quantität. Das Land brüstet sich deutschlandweit damit, zahlenmäßig die beste Kinderbetreuung zu haben. Die Erzieherinnen aber laufen auf dem Zahnfleisch. Die Belastungsgrenze ist mehr als erreicht. Um wirklich dem Anspruch gerecht zu werden, den das Kifög auch stellt, nämlich etwa Sprachförderung zu betreiben oder auch nur das Bildungsprogramm "Bildung elementar" umzusetzen, fehlen einfach die Mitarbeiter.

Also doch zu wenig Geld?

Pohl: Ich als Laie kann nicht alle finanziellen Aspekte überblicken. Das kann auch nicht meine Aufgabe sein. Gleichwohl gibt es im Bündnis für ein kinder- und jugendfreundliches Sachsen-Anhalt sehr wohl Finanzexperten. Das Bündnis hat auch klare Finanzierungsvorschläge gemacht. Man kann uns also nicht den Vorwurf machen, nur pauschal Forderungen zu stellen und das begrenzte Budget aus dem Blick zu verlieren. Die Frage ist nur: Wo setzt man dieses begrenzte Budget bestmöglich zum Wohl der Kinder ein?

Was ist Ihr Vorschlag?

Pohl: Unser Vorschlag wäre, dass man den Ganztagsanspruch zunächst nicht für 50 Wochenstunden gewährt, sondern für 40 Stunden. Für die Eltern mit Bedarf für 50 Stunden sollte es die Möglichkeit natürlich weiter geben.

Haben Sie noch andere Forderungen?

Pohl: Ja. Wir wollen auch auf Landesebene eine gesetzlich legitimierte Elternvertretung. Im Schulbereich zum Beispiel gibt es das. Doch obwohl man uns das immer signalisiert hatte, ist sie in der Novelle nicht vorgesehen.

Das klingt nach argem Frust.

Pohl: In der öffentlichen Darstellung wurde bisher eher das tolle Gesetz gefeiert. Doch wenn man dahinterschaut und fragt, was die Kitas und die Erzieher eigentlich brauchen, dann geht die Novelle am Bedarf der Erzieher und der Eltern vorbei. Es gab im Vorfeld intensive Gespräche mit dem Ministerium. Und wenn man dann sieht, was hinten rausgekommen ist, dann kann man eigentlich nur gefrustet sein. Trotzdem geht es uns vor allem darum, wieder in den Dialog mit der Politik kommen.

Welche Aktionen sind dazu nun geplant?

Pohl: Es gibt Aktionen in verschiedenen Städten. In Magdeburg allein wurden in kurzer Zeit 6 500 Unterschriften gesammelt. Wir in Halle haben eine E-Mail-Aktion gestartet und hoffen da auf große Unterstützung seitens der Eltern.

Kommen Sie damit an?

Pohl: Ja, es gibt schon erste Reaktionen aus der Politik. Sowohl die Opposition als auch das Ministerium haben bereits geantwortet. Wir werden also wahrgenommen, und das ist das, was wir erreichen wollten.