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  7. Stadt Halle Grundschulen: Neue Einzugsgebiete sorgen für Aufregung

Stadt will Grundschuleinzugsgebiete ändern Der „Riss“ durch Halle - Warum Grundschüler für Streit sorgen

Die Stadtteile Halle-Neustadt und Heide-Süd unterscheiden sich wie kaum zwei Stadtviertel in Arm und Reich. Ein zunächst nur interner Schul-Plan aus der Stadtverwaltung sorgt nun für großen Ärger.

Von Jonas Nayda Aktualisiert: 18.06.2024, 11:03
Von Heide-Süd nach Neustadt ist der Weg nicht weit. Was wie ein Riss zwischen beiden Vierteln immer weiter aufgeht, ist die Trennung zwischen Arm und Reich.
Von Heide-Süd nach Neustadt ist der Weg nicht weit. Was wie ein Riss zwischen beiden Vierteln immer weiter aufgeht, ist die Trennung zwischen Arm und Reich. (Foto: Marvin Matzulla)

Halle (Saale)/MZ. - Wer von Heide-Süd einen Spaziergang in die benachbarte Neustadt macht, bewegt sich zwischen zwei Welten. Von akkurat geschnittenen Hecken um Häuser für junge Familien, die im Sommer nicht ins Freibad, sondern in den eigenen Pool gehen können, gelangt man nach zehn Minuten Fußweg zu elfgeschossigen Wohnblöcken aus den 1970er Jahren, vor deren Eingängen Einkaufswagen parken. Genau diesen Spaziergang machen täglich Dutzende Kinder, die aus Heide-Süd in die Neustädter Grundschule „Am Heiderand“ gehen.

Halle: Kinder aus Heide-Süd sollen bald nach Kröllwitz zur Schule

Doch das soll sich bald ändern. Geht es nach Plänen der Stadtverwaltung, sollen Kinder aus Heide-Süd künftig nicht mehr in Neustadt zur Schule gehen, sondern in Kröllwitz. Der Weg wäre zwar vier Mal so weit und für Grundschüler somit zu Fuß nahezu unmöglich, aber die Grundschule Kröllwitz wäre in ihrem Bestand langfristig gesichert. Nicht nur diese Begründung ruft unter Stadträten Empörung hervor. Gegen die Pläne regt sich Widerstand. Sie scheinen radikal all dem zu widersprechen, was die Stadtverwaltung seit vielen Jahren umzusetzen versucht.

„Halle ist eine Stadt in Schieflage.“ Zu dem Schluss kommt die Stadtverwaltung selbst. Genauer gesagt der Fachbereich Städtebau, der diesen Satz als eine der Kernaussagen aus mehr als zwei Jahren Arbeit am „Runden Tisch Wohnen“ herauskristallisiert hat. „Neustadt trägt – noch vor den anderen Großwohnsiedlungen – die Hauptlast dieser Schieflage“, ist die zweite Kernaussage.

Schulbezirksänderung: Halle-Neustadt ist Sonderfall

Wer so etwas sagt, sollte es belegen können. Und das tut die Stadtverwaltung. Die Zahlen sind deutlich. 36 Prozent aller Neustädter leben von Sozialhilfe – in der restlichen Stadt sind es nur 9,8 Prozent. 54 Prozent aller Kinder in Neustadt leben von Sozialhilfe – in den übrigen Stadtvierteln sind es nur 15,6 Prozent. Fast jeder vierte Neustädter ist Ausländer – in der restlichen Stadt nicht mal jeder zehnte. Bei den Kindern ist die Diskrepanz noch größer. Fast jedes zweite Kind in Neustadt hat Migrationshintergrund.

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Laut einer wissenschaftlichen Studie liegt Halle bundesweit auf Platz drei der am stärksten von Segregation betroffenen Städte. Mit Segregation ist die räumliche Trennung zwischen armen und reichen Menschen gemeint. In den vergangenen zehn Jahren gab es in Halle den deutschlandweit stärksten Anstieg der Segregation. Die dritte Kernaussage der Stadtverwaltung lautet folgerichtig: „Bisherige Handlungsansätze in Neustadt haben positive Impulse gesetzt, konnten jedoch die Schieflage nicht ausgleichen.“

Dass nun die Kinder aus Heide-Süd, dem Stadtteil mit einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Sachsen-Anhalt (0,5 Prozent), anstatt in Neustadt in Kröllwitz zur Schule gehen sollen, dem klassischen „Reichenviertel“ der Stadt, dürfte die Schieflage wohl noch weiter verschlimmern.

Kritik an Segregation: Beigeordnete Brederlow rudert zurück

„Mich irritiert das sehr, dass die Stadtverwaltung mit so einem Vorschlag kommt“, sagt Linken-Stadtrat Hendrik Lange, der selbst in Neustadt lebt. Die Idee, Heide-Süd aus dem Einzugsgebiet der Grundschule „Am Heiderand“ zu streichen, sei „organisierte Segregation aus der Stadtspitze“, sagt Lange. Das dürfe auf keinen Fall passieren.

Katharina Brederlow (SPD), Halles Beigeordnete für Bildung und Soziales, ruderte jüngst bei einer Ausschusssitzung zurück, nachdem die Kritik öffentlich wurde. Es habe sich nur um einen internen Vorschlag gehandelt, quasi nur um ein Rechenmodell, sagte Brederlow. Ob die Heide-Süd-Kinder tatsächlich nicht mehr nach Neustadt sollen, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig unklar.

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Wie konkret die Pläne aber tatsächlich schon waren, beweisen unter anderem Kartenausschnitte, die der MZ vorliegen, auf denen die Schulbezirksveränderungen farblich dargestellt sind. In einem Entwurf für eine Beschlussvorlage heißt es außerdem, dass mit der Schulbezirksänderung der Grundschule Kröllwitz geholfen werden solle, die ansonsten rückläufige Schülerzahlen hätte.

Der Einzugsbereich der Neustädter Grundschule am Heiderand soll künftig verkleinert werden.
Der Einzugsbereich der Neustädter Grundschule am Heiderand soll künftig verkleinert werden.
(Foto: Marvin Matzulla)

Wann und ob die Verwaltung überhaupt eine Vorlage zur Änderung der Schulbezirke in den Stadtrat einbringt, ist unsicher. Zumindest aus dem Fachbereich Städtebau und Bauordnung scheint die Richtung klar zu sein. „Die Integrationsleistung sowie zukunftsfähige Transformation von Neustadt sind von gesamtstädtischer Bedeutung und verdienen höchste Priorität“, lautet die vierte Kernaussage des runden Tisches.