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Die vergessenen Opfer des AttentatsDie vergessenen Opfer des Attentats: Wie Zeugen noch heute unter dem Anschlag leiden

Von Hagen Eichler 23.09.2020, 17:06
Ein Polizeihubschrauber in Wiedersdorf bei Landsberg. Bis an jenem 9. Oktober Hilfe kam, habe es „ziemlich lange“ gedauert, sagte ein Zeuge aus. Durch einen Schuss in den Nacken ist er bis heute arbeitsunfähig.
Ein Polizeihubschrauber in Wiedersdorf bei Landsberg. Bis an jenem 9. Oktober Hilfe kam, habe es „ziemlich lange“ gedauert, sagte ein Zeuge aus. Durch einen Schuss in den Nacken ist er bis heute arbeitsunfähig. dpa

Die Szene ist wie aus einem Alptraum: Ein Paar wird auf dem eigenen Grundstück von einem schwer bewaffneten Verbrecher überfallen. Beide werden angeschossen und blutend zurückgelassen. Der Frau gelingt es mit zitternden Fingern, den Notruf zu wählen. Die Polizei aber tut einfach nichts - schlimmer: Der Beamte am Telefon glaubt den Opfern kein Wort.

„Ich musste gefühlt 20-mal meinen Namen sagen“, erinnert sich Dagmar M. „Dass wir verletzt waren, das hat der gar nicht wahrgenommen. Der sagte, ich sollte rausgehen und gucken, wo der Schütze ist.“

Halle-Attentäter schießt Paar in Wiedersdorf nieder

Die Szene spielt am 9. Oktober 2019, eine Stunde nach dem gescheiterten Angriff des Rechtsterroristen Stephan B. auf Halles Synagoge. Auf der Flucht ist der Attentäter im kleinen Dorf Wiedersdorf im Saalekreis gelandet.

Er braucht dringend Ersatz für sein Fluchtfahrzeug, das zwei zerstörte Reifen hat. Er klopft an einer blauen Stahltür, hinter der Dagmar M. und ihr Lebensgefährte Jens Z. leben. Beide verweigern jedoch den verlangten Autoschlüssel, trotz vorgehaltener Waffe. Auf beide feuert der Angreifer je einen Schuss ab.

Opfer vom Staat tief enttäuscht

Das Projektil für Jens Z. tritt im Nacken ein, verfehlt die Wirbelsäule knapp und bleibt hinter dem rechten Ohr stecken. Die andere Kugel bohrt sich in die Hüfte seiner Lebensgefährtin.

Knapp ein Jahr später sitzen beide als Zeugen im Magdeburger Gerichtssaal. Schnell zeigt sich: Vom Staat sind sie tief enttäuscht. Sie fühlen sich ignoriert – und damit meinen sie nicht nur den Beamten am Notruf. „Wie lange mussten Sie denn warten, bis Hilfe kam?“, fragt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens.

„Da man uns zuerst nicht geglaubt hat, ziemlich lange“, antwortet Jens Z. mit Bitterkeit in der Stimme. Irgendwann sei ein Nachbar gekommen, sagt seine Lebensgefährtin. „Ich habe dem das Handy gegeben und gesagt: Sag’ du der Polizei, was Sache ist. Die glauben mir nicht.“

Die vergessenen Opfer von Wiedersdorf

Was die beiden schwer kränkt: Die Gewalttaten in Wiedersdorf stehen bis heute im Schatten des Geschehens von Halle. Zu den Gedenkveranstaltungen am Jahrestag des Terrors hätten sie vor kurzem eine Einladung bekommen, sagt Dagmar M.

Darin sei von „den zwei Tatorten“ die Rede gewesen - gemeint waren die Synagoge und der Döner-Imbiss, an denen der Attentäter jeweils einen Menschen erschossen hatte. Das Örtchen Wiedersdorf war nicht erwähnt. „Die Verletzten sind hinten runtergefallen“, sagt die Zeugin mit kaum gezügelter Empörung.

Paar traut sich nicht mehr aus dem Haus

Dabei ist das Paar schwer geschädigt. In Notoperationen wurden die Kugeln entfernt, doch bis heute sind beide arbeitsunfähig. Der 52 Jahre alte Mann berichtet von ständigen Kopfschmerzen. Das Projektil hat Nerven zertrennt, seither ist die rechte Körperseite eingeschränkt. Dadurch hat er auch seine Arbeit verloren: Sein befristeter Vertrag lief ohne Verlängerung aus. „Einen kranken Menschen übernimmt man nicht“, sagt er bitter.

Bis heute hätten sie keine Reha erhalten, sagt seine 51 Jahre alte Lebensgefährtin. Weil sie die Treppe zu ihrer Wohnung nicht mehr bewältigen kann, lebt das Paar jetzt bei den Eltern des Mannes im Gästezimmer. „Es hat sich alles verändert. Man traut sich nicht mehr aus dem Haus. Ich habe mein Enkelkind, das im August geboren wurde, bis heute nicht gesehen, weil ich die Strecke nicht fahren kann“, sagt Dagmar M.

Opfer wollten Autoschlüssel nicht hergeben

Ungeklärt bleibt, aus welchem Grund die beiden Opfer den geforderten Autoschlüssel verweigerten. „Ich habe ihn nicht“, sagten beide dem Täter.

Möglicherweise wollten sie aus prinzipiellen Gründen der Gewalt nicht weichen; vielleicht konnten sie die tödliche Gefahr nicht richtig einschätzen. Der abgewiesene Terrorist feuerte jedenfalls seine Pistole ab.

Attentäter: „Ich wollte sie nicht erschießen“

„Ich wollte sie nicht erschießen“, beteuert Stephan B. am Mittwoch vor Gericht. „Genaugenommen wollte ich sie nicht mal anschießen. Ich wollte nur den Schlüssel.“ Er stellt sich als Opfer seiner eigenen Technik dar. Da die selbstgebaute Pistole nach jedem Schuss geladen werden musste, habe er keinen Warnschuss abfeuern können: „Dann wäre ich ja entwaffnet gewesen.“ Aber warum schoss er dann auf den Hals eines Mannes, der direkt vor ihm stand?, fragt ein Nebenklage-Anwalt.

„Ich habe nicht gezielt. Ich habe so abgedrückt, wie ich die Pistole gehalten habe“, sagt der Angeklagte. Verteidiger Hans-Dieter Weber weist darauf hin, dass sein Mandant bei der Festnahme noch neun Patronen, Kaliber .38, in der Hosentasche hatte. Was er meint: Wenn er die beiden Dorfbewohner hätte erschießen wollen, hätte er das tun können.

Polizist schreit das Opfer an

Zu den Opfern von Wiedersdorf zählen auch zwei Taxifahrer, auf die der Terrorist wenig später stößt. In einer nahe gelegenen Autowerkstatt lassen die Brüder gerade Winterreifen aufziehen. Stephan B. erzwingt die Herausgabe eines Taxis und flüchtet in Richtung Autobahn.

Daniel W., der ältere Bruder, nimmt die Verfolgung auf und sieht, wie das Fluchtfahrzeug an der Autobahnanschlussstelle Wiedemar einen Polizeiposten passiert. W. hält an und fordert die zwei Beamten auf, den Wagen zu verfolgen. Die Antwort: „Geht nicht, wir sind der Kontrollposten für Halle.“

Polizisten lehnen Hilfe ab

Der Taxifahrer verfällt dann auf die Idee, den gestohlenen Wagen über den Hersteller zu orten. Als er dem Polizisten die Position des Flüchtenden mitteilt, zeigt sich der keineswegs dankbar für die Hilfe. „Der hat mich erstmal angeschrien, woher ich das weiß, und dass die Ortung Aufgabe der Polizei ist.“ Nicht zum ersten Mal an diesem 15. Verhandlungstag geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen.

Und es wird nicht besser. Auf Nachfrage seines Anwalts Florian Feige berichtet der Taxifahrer, dass sich der Opferbeauftragte der Bundesregierung mit ihm habe treffen wollen.

„Der Beauftragte hat Ihnen auch angeboten, nach Halle zu kommen, richtig?“, fragt Anwalt Feige.

„Ja“, sagt W.

„Und ist er auch nach Halle gekommen? “

„Nein.“ (mz)

Dieses Taxi raubte der Rechtsterrorist Stephan B. in Wiedersdorf. Der Taxifahrer Daniel W. nahm die Verfolgung auf.
Dieses Taxi raubte der Rechtsterrorist Stephan B. in Wiedersdorf. Der Taxifahrer Daniel W. nahm die Verfolgung auf.
Dirk Skrzypczak