Debatte um den Gimritzer Damm

Debatte um den Gimritzer Damm: „Man muss die Zeit abwarten“

Halle/MZ - Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) liefert sich seit Juli einen Streit mit dem Land um den Gimritzer Damm. An einem Septemberabend sollten alle Beteiligten einmal an einen Tisch. So zumindest lautete die Einladung der MZ an Burkhard Henning, Direktor des Landesbetriebs für Hochwasserschutz (LHW), an die Stadt und an den ehemaligen Halle-Neustädter Landtagsabgeordneten Peter Brüll (CDU), der sich zuvor mit eigenen Vorschlägen an die MZ gewandt hatte. Brüll und Henning kamen, der Stuhl der Stadt blieb jedoch leer; man werde „an derartigen Diskussionsrunden nicht teilnehmen“, hieß es. Das Gespräch führte Felix ...

Von Felix Knothe 09.10.2013, 19:44

Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) liefert sich seit Juli einen Streit mit dem Land um den Gimritzer Damm. An einem Septemberabend sollten alle Beteiligten einmal an einen Tisch. So zumindest lautete die Einladung der MZ an Burkhard Henning, Direktor des Landesbetriebs für Hochwasserschutz (LHW), an die Stadt und an den ehemaligen Halle-Neustädter Landtagsabgeordneten Peter Brüll (CDU), der sich zuvor mit eigenen Vorschlägen an die MZ gewandt hatte. Brüll und Henning kamen, der Stuhl der Stadt blieb jedoch leer; man werde „an derartigen Diskussionsrunden nicht teilnehmen“, hieß es. Das Gespräch führte Felix Knothe.

Herr Henning, wann kommt der neue Deich am Gimritzer Damm?

Henning: Wenn alles optimal läuft, kann er Ende nächsten Jahres schon eine Hochwasserschutzfunktion übernehmen. Das bedingt aber, dass alle zuständigen Stellen reibungslos zusammenarbeiten und wir die offenen Fragen mit möglichen Betroffenen klären können.

Die Stadt hätte ihn aber womöglich schon diesen Herbst fertig gehabt.

Henning: Das ist unrealistisch, weil viele Dinge zu beachten und zu prüfen sind. Das fängt bei der Baugrundprüfung an und hört bei der wasserwirtschaftlichen Prüfung nicht auf. Man braucht eine Genehmigung und ein ordentliches Planfeststellungsverfahren, so wie es die Gerichte ja auch festgestellt haben. Der Deich ist in einem sehr schlechtem Zustand, das hat niemand beschönigt. Aber wir haben viele alte Deiche im Land. Deswegen ist unser Ziel, bis 2020 alle Deiche saniert zu haben. Das Wort Jahrhunderthochwasser können wir jetzt zwar getrost wegwerfen, aber mit etwas Glück erleben wir so etwas nicht mehr, bis die Deiche fertig sind.

Die Halle-Neustädter sollen sich einfach aufs Glück verlassen, solange der Deich nicht steht?

Henning: Da haben Sie mich missverstanden. Mit Glück meine ich, dass wir uns nicht nach einem Hochwasser sehnen. Wir ziehen die Deichsanierung jetzt in kürzerer Zeit durch, das ist unser Ziel. Ich bin auch in Fischbeck gewesen, dort müssen wir acht Kilometer Deich erneuern. Auch dort kann ich doch nicht versprechen, dass das zu Weihnachten fertig ist.

Herr Brüll, was sagen Sie als früherer Neustädter Politiker dazu?

Brüll: Ich werde immer auf Seiten der Neustädter sein, da bin ich befangen. Aber es ist auch nicht so, wie es manchmal dargestellt wird: Die da oben in Magdeburg machen nichts für uns - so ist es ja nicht. Man muss beim Deichbau Regeln einhalten, da hat der Oberbürgermeister von Halle keine Privilegien. Zur Zeit werden jedoch Ängste geschürt. Die verbalen Angriffe gegen die Landesbehörden führen aus meiner Sicht eher zum Gegenteil dessen, was gewollt ist.

Ist die Hochwassergefahr nicht realer als zuvor?

Brüll: Welche Alternativen haben sie denn, wenn morgen ein Hochwasser ist? Sie haben nur diesen Deich, den Gimritzer.

Ist er so marode, wie der Oberbürgermeister sagt, oder kann man ihn verteidigen, wie der Minister sagt?

Henning: Es ist unsere fachliche Meinung, dass man ihn verteidigen kann. Man kann doch nicht ernsthaft sagen, wir verteidigen nicht, nur weil der neue Deich nicht fertig ist. Deshalb haben wir der Stadt das Angebot gemacht, uns Maßnahmen für den Extremfall zu überlegen. Wir haben heute den kleinen Vorteil, mehr Erfahrungen zu haben.

Dafür haben wir aber einen noch schlechteren Deich. Wie genau könnte man ihn denn verteidigen?

Henning: Das ist kein Zauberwerk. Man braucht einen konkreten Katastrophenplan. Bei Hochwasser muss ein Mechanismus anlaufen. Man müsste abholzen, Punkt eins. Zweitens könnte man mit einer Vorschüttung arbeiten, also quasi einen Stützdeich dagegen bauen, allerdings nur bis zu einer bestimmten Höhe. Das ginge in zwei Tagen. Dazu müsste man einmal eine Trockenübung mit dem Katastrophenstab machen, damit im Ernstfall auch logistisch alles klappt. So etwas gemeinsam zu machen, war unser Angebot.

Als Bernd Wiegand mit dem Deichneubau begann, stand Ihr Stellvertreter Hans-Werner Uhlmann neben ihm und begrüßte das Vorhaben. Warum will der LHW heute nichts mehr davon wissen?

Henning: Dr. Uhlmann ist einfach davon ausgegangen, dass die Stadt das rechtlich geprüft hat. Sie hat ja gesagt, sie kann den Damm als Notstandsmaßnahme bauen. Wir aber können das nicht beurteilen. Wenn es rechtlich zulässig gewesen wäre, wäre es auch unsere Pflicht als Landesbehörde gewesen, die Stadt zu unterstützen. Herr Uhlmann hat der Stadt nie gesagt: „Machen Sie es als Notstandsmaßnahme.“ Es ist nicht fair, es so darzustellen, als wäre das unsere Idee gewesen.

Brüll: Die eigentliche Frage ist doch, was passiert, wenn der Wiegandsche Damm gebaut wird. Ich sehe das Problem, dass die Fläche zwischen altem und neuem Deich als Überflutungsfläche verloren geht. Dadurch steigen bei Hochwasser die Wasserstände. Bedroht ist dann vor allem die Altstadt.

Henning: Die Variante, den Deich entlang der Saaleschleife zu bauen kommt von uns. Wir müssen nun den Nachweis erbringen, dass ein anderer daraus keinen Nachteil hat. Wir haben eine hydraulische Modellierung veranlasst. Das Ergebnis liegt noch nicht ganz vor.

Das Gutachten der Stadt sagt: Kein Problem, das Wasser steigt nicht.

Henning: Das ist ein Vorgutachten, das lediglich den Nahbereich der geplanten Baumaßnahme berücksichtigt. Wir wollen jedoch mit dem von uns beauftragten Gutachten eventuelle Auswirkungen der Baumaßnahme auch auf Bebauungsgebiete außerhalb des direkten Nahbereiches untersuchen. Die Detailberechnungen stehen noch aus. Aber wahrscheinlich ist der Effekt im nicht messbaren Bereich. Denn mit mehr Wasser steigt auch die Abflussgeschwindigkeit. Es gibt also keine signifikante Erhöhung des Wasserspiegels. Zumindest gehen wir momentan davon aus.

Brüll: Ich halte das für einen großen Irrtum. Ein direkt an die Saale gerückter Deich führt nach meinen Berechnungen zu erhöhten Wasserständen.

Sie waren als Hydrologe schon beim Bau von Halle-Neustadt beteiligt. Wieso hat man trotz der Gefahr durch Hoch- und Grundwasser überhaupt dort gebaut?

Brüll: Die Probleme lagen nach meinen Untersuchungen damals auf der Hand. Also hatte ich eine Verschiebung des Plangebiets nach Westen vorgeschlagen. Das wurde von politischer Seite nicht zugelassen. Es hieß, Horst Sindermann, der damalige 1. Sekretär der Bezirksleitung Halle, habe gesagt: „Die Holländer bauen im Wasser, was die im Kapitalismus können, können wir im Sozialismus erst recht.“ Also wurde Halle-Neustadt gewissermaßen im Wasser gebaut. Seitdem muss das Grundwasser abgepumpt werden.

Sie schlagen nun den Rückbau östlicher Teile Halle-Neustadts vor.

Brüll: Das ist ein langfristig gemeinter Vorschlag, abhängig vom Wohnungsbedarf. Wenn man in der Stadtplanung die Wahl hat, sollte man, wenn irgendwo zurückgebaut werden muss, das dort machen, wo die Gefährdung am stärksten ist. Ich schlage außerdem vor, auf freien Flächen in Neustadt Gehölze anzupflanzen, um Grundwasser zu binden. Ich weiß, dass das nur einen marginalen Effekt hat, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Viel wichtiger ist, dass die marode Brunnengalerie saniert werden muss. Sie ist unverzichtbar. Allein die Brunnen verhindern die Vernässung von Halle-Neustadt.

Haben Sie auch eine kurzfristige Lösung?

Brüll: Alle Anrainer eines Flusses haben den Wunsch nach gutem Hochwasserschutz. Das geht nicht von heute auf morgen. Man muss da auch eine gewisse Disziplin fordern, die Zeit abzuwarten. Ich habe für jeden Hallenser Verständnis, der keine nassen Füße bekommen will. Aber die Natur ist manchmal auch unbarmherzig, die greift zuweilen hart durch. Kurzfristig sollten dringend die Hochwasservorhersagen an flussoberhalb gelegenen Pegeln verbessert werden. Die Pegel Halle-Trotha aber auch Camburg können für Halle-Stadt nicht die richtigen Daten liefern. Langfristig sollten zudem Polder flussoberhalb von Halle eingerichtet werden, um die Abflussmengen bei Hochwasser deutlich zu verringern.