Corona: Mehr Misshandlungen von Kindern?

Corona: Mehr Misshandlungen von Kindern?: Ärzte schlagen Alarm: „Lage ist dramatisch"

Halle (Saale) - Das Universitätsklinikum in Halle schlägt Alarm. Der Corona-bedingte Lockdown im Frühjahr mit geschlossenen Schulen und Kindertagesstätten hat in Halle zu einem deutlichen Anstieg von Verdachtsfällen auf Kindesmisshandlung geführt. „Diese Beobachtungen wie in anderen Regionen Deutschlands können wir bestätigen“, sagt Professor Jan-Henning Klusmann, Direktor der Kinderkliniken am Universitätsklinikum in Halle, der ...

Von Dirk Skrzypczak

Das Universitätsklinikum in Halle schlägt Alarm. Der Corona-bedingte Lockdown im Frühjahr mit geschlossenen Schulen und Kindertagesstätten hat in Halle zu einem deutlichen Anstieg von Verdachtsfällen auf Kindesmisshandlung geführt. „Diese Beobachtungen wie in anderen Regionen Deutschlands können wir bestätigen“, sagt Professor Jan-Henning Klusmann, Direktor der Kinderkliniken am Universitätsklinikum in Halle, der MZ.

„Zahl sogar vervierfacht": Mehr Missbrauch bei Kindern seit dem Lockdown

Die Lage sei dramatisch. „Seit April verzeichneten wir in der Kinderakutambulanz eine Verdopplung von Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Von August bis Oktober hat sich die Zahl sogar vervierfacht.“ Und es sei zu befürchten, dass mit der zweiten Coronawelle auch die Fälle von Kindesmisshandlungen wieder ansteigen.

Die Diagnosen reichten von sexuellen Übergriffen bis hin zu Anzeichen körperlicher Gewalt. Auch psychische Erkrankungen hätten bei Kindern zugenommen. „Kinder und Jugendliche müssen gerade jetzt geschützt werden. Sie haben besonders an den Folgen des Lockdowns gelitten.“

„Zahl sogar vervierfacht": Mehr Missbrauch bei Kindern seit dem Lockdown

Die Lage sei dramatisch. „Seit April verzeichnen wir in der Kinderakutambulanz eine Verdopplung von Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Von August bis Oktober hat sich die Zahl sogar vervierfacht.“ Und es sei zu befürchten, dass mit der zweiten Coronawelle auch die Fälle von Kindesmisshandlungen wieder ansteigen.

Die Diagnosen reichten von sexuellen Übergriffen bis hin zu Anzeichen körperlicher Gewalt. Auch psychische Erkrankungen hätten bei Kindern zugenommen. „Kinder und Jugendliche müssen jetzt besonders geschützt werden. Sie haben besonders an den Folgen des Lockdowns gelitten.“

Appell an die Politik: Schulen und Kitas offen lassen

Wie andere Mediziner in Deutschland appelliert auch Klusmann vor dem nächsten Corona-Gipfel der Bundesregierung mit den Ländern an Politik und das Gesundheitsämter, Schulen und Kindertagesstätten so lange wie möglich offenzuhalten und Quarantänen bei Kindern auf das absolut notwendige Maß zu begrenzen. „Der sprunghafte Anstieg von Verdachtsfällen nach dem Ende des Lockdowns zeigt, wie wichtig Schulen und Kitas auch als Kontrollinstanz sind, um Fälle von Kindesmisshandlung zu erkennen.“

Hinzu komme die soziale Komponente, die ein geregelter Tagesablauf gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien mit sich bringe. Klusmann verweist auf Studien, die sich mit dem Lockdown beschäftigt haben. Vor allem in kleinen Wohnungen fehlen bei Quarantänen oft die Rückzugsmöglichkeiten. Das Risiko, dass Konflikte eskalieren, steigt. „Wir haben auch Anzeichen von Verwahrlosung bei Kindern gefunden, weil sie beispielsweise keine geregelten Mahlzeiten mehr bekommen, wenn sie nur zu Hause sind.“

Träger von Nottelefonen berichten über Zunahme von sozialen Spannungen

Die Landesregierung weiß um die Probleme. „Wir wollen die Schulen offenhalten, so lange es vertretbar ist“, sagt Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Schule sei mehr als Bildung. Sie erfülle auch eine soziale Komponente. „Wenn es zu Missbrauch kommt, sind Schulen oft wichtige Hinweisgeber.“ Laut Sozialministerium werden von Jugendämtern und Trägern der Sozialhilfe große Kraftanstrengungen unternommen, damit sich Familien während der Pandemie nicht alleine gelassen fühlen.

„Insbesondere die Träger von Nottelefonen haben berichtet, dass es zu einer Zunahme von sozialen Spannungen und auch häuslicher Gewalt gekommen sein soll. Valide Statistiken dazu liegen jedoch nicht vor“, sagt Sprecher Martin Bollmann. Dem Ministerium sei aber bekannt, dass „insbesondere die kompletten Schul- und Kita-Schließungen im Frühjahr die Familien vor teilweise große Herausforderungen gestellt haben“.

Kinder laut Ärzten geringes Risiko für die Allgemeinheit

Professor Klusmann fordert, bei allen Einschränkungen zu bedenken, dass laut aktueller Studien insbesondere junge Kinder kein relevantes Reservoire für Coronainfektionen darstellen. „Wir mussten bislang noch kein Kind wegen Coronasymptomen klinisch behandeln.“ Nach allem, was man bisher wisse, verlaufe die Infektion bei Kindern entweder beschwerdefrei oder nur mit leichten Krankheitsanzeichen.

„Bei dem relativ niedrigem Risiko, das Kinder für die Allgemeinheit bedeuten, ist hingegen der potenzielle Schaden für Kinder groß, wenn sie in Quarantäne müssen.“ In Halle befanden sich zuletzt 693 Schüler in häuslicher Isolation. Aktuelle Zahlen wie die Stadt am Sonntag bekanntgeben. (mz)