Containern in Halle

Containern in Halle: Viele Studenten wühlen in Mülltonnen nach Lebensmitteln

Halle (Saale) - Irgendwie eklig, wie die sechs jungen Leute im Müll wühlen. Es ist 23 Uhr, die Supermärkte am halleschen Hermes-Areal haben schon längst geschlossen. Die Container stehen aber draußen, unverschlossen. „Da ist tatsächlich eine Ananas drin. Und um die Ecke gibt’s noch Eier“, flüstert euphorisch eine 26-Jährige der Gruppe zu, während sie sich tief vornüber in die Tonne beugt, um die Abfälle nach Verzehrbarem abzusuchen. Die junge Frau ist Studentin und geht gerade „Containern“. Oder wie es der deutsche Begriff passender beschreibt: ...

Von nicolas ottersbach und camilla von loeper

Irgendwie eklig, wie die sechs jungen Leute im Müll wühlen. Es ist 23 Uhr, die Supermärkte am halleschen Hermes-Areal haben schon längst geschlossen. Die Container stehen aber draußen, unverschlossen. „Da ist tatsächlich eine Ananas drin. Und um die Ecke gibt’s noch Eier“, flüstert euphorisch eine 26-Jährige der Gruppe zu, während sie sich tief vornüber in die Tonne beugt, um die Abfälle nach Verzehrbarem abzusuchen. Die junge Frau ist Studentin und geht gerade „Containern“. Oder wie es der deutsche Begriff passender beschreibt: Mülltauchen.

Protest gegen die Wegwerfgesellschaft

Die einen machen es aus Protest gegen die Wegwerfgesellschaft, die anderen wollen einfach nur etwas umsonst. Die Mülltaucher treffen sich an den Abfallanlagen von Supermärkten, um noch essbare Lebensmittel zu ergattern. Meist sehr erfolgreich. Denn jeden Tag landen pro Markt mehrere Kilo im Abfall, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen oder die Verpackung beschädigt ist. Und das, obwohl viele Lebensmittel schon an die Tafeln abgegeben werden.

„Wir arbeiten eng mit lokalen Hilfsorganisationen zusammen, so dass nur wenig Müll anfällt“, sagt Edeka-Sprecherin Marlies Poppe. Wieviel das ist, kann sie nicht sagen. Aber offensichtlich noch genug, dass sich - nach Insider-Schätzung - täglich mehr als zehn Leute davon für eine Woche den Kühlschrank füllen können. Und das nur an einem einzigen Markt. Vor allem bei Studenten ist Containern beliebt. In Halle, so sagen sie an diesem Abend, gibt es eine richtige Szene. In frostigen Nächten ist es wie eine Shoppingtour. Die Lebensmittel sind gut gekühlt und verfaulen nicht. Handschuhe benutzt bei diesen Temperaturen kaum jemand. Obst und Gemüse werden zu Hause nur noch abgewaschen und landen dann auf dem Tisch. „Im Sommer ist das natürlich anders, da habe ich auch schon in richtig verschimmelte Sachen gegriffen“, erzählt eine 29-jährige Studentin.

Weitere Informationen zum Containern lesen Sie auf Seite 2.

Sie bekommt Bafög, hat nicht viel zum Leben und spart durch das Mülltauchen jede Woche 30 Euro. Die junge Frau will nicht erkannt werden. In der Öffentlichkeit ist Containern nicht nur verpönt, es ist illegal. Laut Gesetz gilt es als Diebstahl und Hausfriedensbruch, wenn jemand Müll klaut. Allerdings streiten Experten darüber. Die einen meinen, dass der Müll entweder demjenigen gehört, der ihn weggeworfen hat. Oder der Abfallwirtschaft. Die anderen vertreten die Ansicht, dass der Supermarkt offiziell seinen Besitzanspruch aufgegeben hat, wenn er die Lebensmittel in die Mülltonne wirft. Diebstahl von Waren mit „geringem bis nicht vorhandenem Warenwert“ wird nach Paragraf 248 des Strafgesetzbuches auch nur auf Antrag verfolgt.

Märkte schließen Mülltonnen ab

Normalerweise führt der Antrag lediglich dazu, dass das Verfahren schnell eingestellt wird - zumindest so lange die Mülltonnen einfach nur geöffnet und keine Schlösser oder Absperrvorrichtungen beschädigt werden. „Leider schließen immer mehr Supermärkte ihre Mülltonnen ab, beim Edeka an der Merseburger Straße ist das jetzt so“, erzählt eine der Studentinnen. Das ärgert die Mülltaucher nicht nur, weil sie weniger Ertrag haben. Sondern vielmehr, weil Lebensmittel verschwendet würden.

Edeka-Sprecherin Marlies Poppe begründet die neuen Gitterkäfige mit dem Schutz vor Vandalismus. „Des Weiteren wurden Schadstoffe illegal in den Containern entsorgt“, sagt sie. Der Leiter einer halleschen Aldi-Filiale befürchtet sogar juristische Konsequenzen, falls jemand durch die den Verzehr des „Mülls“ erkrankt. Er weiß aber auch um die Müllproblematik. „Nicht alles, was wir wegschmeißen, ist ungenießbar“, erklärt er. Aber es dürfe wegen Hygienevorschriften auch nicht mehr in den Verkauf gelangen. Selbst an die Tafeln können Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, nicht mehr verschenkt werden. So landen in Deutschland jährlich mehr als 80 Kilogramm Nahrung pro Einwohner in der Tonne.

Die Franzosen sind da einen Schritt weiter: Dort dürfen ab sofort Lebensmittel, die im Supermarkt nicht verkauft wurden, nicht mehr weggeworfen werden. Produkte, bei denen das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, müssen den Tafeln, den Tierheimen als Futter oder der Landwirtschaft als Kompost zur Verfügung gestellt werden. Sonst drohen hohe Bußgelder. (mz)