Carolin Schulze

Carolin Schulze: Ein Hase aus Würmern

Halle (Saale) - Exakt 250 Gramm Mehlwürmer löffelt Carolin Schulze in den Mixer. „Das ist die eine Hälfte der Paste“, sagt sie. Die andere besteht aus gekochten Kartoffeln, die sie später mit Gewürzen hinzumengt. Was jetzt noch unappetitlicher Brei ist, wird später zu einem „falschen Hasen“. Die Industriedesign-Studentin hat nämlich ein Verfahren entwickelt, mit dem sie die Paste durch einen 3D-Drucker in jede beliebige Form bringen kann – in diesem Fall in die eines ...

Von Nicolas Ottersbach

Exakt 250 Gramm Mehlwürmer löffelt Carolin Schulze in den Mixer. „Das ist die eine Hälfte der Paste“, sagt sie. Die andere besteht aus gekochten Kartoffeln, die sie später mit Gewürzen hinzumengt. Was jetzt noch unappetitlicher Brei ist, wird später zu einem „falschen Hasen“. Die Industriedesign-Studentin hat nämlich ein Verfahren entwickelt, mit dem sie die Paste durch einen 3D-Drucker in jede beliebige Form bringen kann – in diesem Fall in die eines Schlappohrs.

Die Idee dazu kam ihr durch eine Lehrveranstaltung an der Burg Giebichenstein, in der es um sogenannte CNC-Technologien, der elektronischen Steuerung von Maschinen, ging. „3D-Druck hat mich dabei am meisten interessiert“, sagt die 28-Jährige. Allerdings wollte sie nicht wie sonst üblich mit Kunststoffen arbeiten. Eine Dokumentation über Insektenfarmen in Laos brachte sie auf Mehlwürmer als Grundmaterial. „Ich fragte mich, wie man das Essen von Insekten in Europa kultivieren könnte“, so Schulze.

In der Werkstatt der Kunsthochschule konnte sie zunächst einen vorhandenen 3D-Drucker nutzen, um erste Experimente zu machen. „Ich musste die Beschaffenheit der Paste herausfinden“, erzählt sie. Zum einen durfte das Gemisch nicht zu flüssig sein und seine Form halten, zum anderen durfte es die feine Düse nicht verstopfen oder gar verkleben. Nach Hunderten Versuchen stellten sich Kartoffeln, richtig dosiert, als idealer Zusatz heraus. „Das war ganz schön viel Arbeit, weil für jeden Durchlauf etwa zwei Stunden Vorbereitung nötig waren“, sagt Schulze, die vor ihrem Masterstudiengang bereits eine Holzbildhauerlehre sowie den Bachelor in Produktions- und Objektdesign absolviert hatte. Das half ihr bei der Drucker-Konstruktion: Anhand von frei zugänglichen Bauplänen und Software aus dem Internet entwickelte Schulze ein Gerät, mit dem sie ohne Druckluft Pasten drucken kann.

Falscher Hase wie in der Nachkriegszeit

Vorbild für den Hasen ist der bekannte Dürer-Hase, der im Gegensatz zu dem aus der Wurmmischung abstehende Ohren hat. „Außerdem gab es in der Nachkriegszeit ja den ’falschen Hasen’, der ebenfalls nicht aus Hasenfleisch bestand“, erklärt sie. Bevor das gedruckte Tier verzehrt wird, legt Schulze es zum Frittieren in heißes Öl oder kocht es. Beim Geschmack hat sie sich an Falafel-Rezepten orientiert. Die ersten Verkostungen gab es im Freundeskreis. „Und da waren die Resonanzen positiv, obwohl ich vorher erklärt haben, woraus das Gericht gemacht ist“, sagt Carolin Schulze.

Lösung für die Lebensmittelknappheit

Sie sieht in den Insekten die Lösung für aktuelle und drohende Hungersnöte, falls die Weltbevölkerung wie von einigen Studien vorhergesagt in den kommenden 30 Jahren auf über neun Milliarden Menschen wächst. „Wechselwarme Mehlwürmer haben einen sehr effizienten Biomasseumsatz“, erklärt sie. Zum Vergleich: Zehn Kilogramm Biomasse reichen für ein Kilogramm Rindfleisch - oder eben neun Kilogramm Würmer, die Larven von Mehlkäfern sind. Außerdem wird für das Insektenfarming viel weniger Platz und kein Wasser benötigt, die Zuchtkästen können in kleinen Einheiten gestapelt werden. Man könne sogar seine eigene Farm auf dem Balkon betreiben. Die Tiere sind echte Allesfresser, futtern Biomüll und Eierkartons gleichermaßen. Nahrhaft sind sie obendrein: In 100 Gramm Würmern stecken 45 Gramm Proteine und 30 Gramm ungesättigte Fettsäuren. „Eine kleine Portion reicht zum Sattwerden“, so Schulze.

Bisher sieht sie ihr Projekt nur als „Kampagne“, um Menschen auf Insekten als Nahrungsmittel aufmerksam zu machen. Durch den transparenten Herstellungsprozess hofft sie, dass auch die Europäer, denen das Verspeisen von Insekten eher fremd ist, neugierig und probierfreudig werden. „Es ist eine Handreichung zur Überwindung traditioneller Nahrungsgewohnheiten“, so Schulze. Die Wirtschaft ist mittlerweile auf sie zugekommen, das Thema Insekten liegt im Trend. Beim Wettbewerb „Bestform“ der Kreativwirtschaft Sachsen-Anhalt belegte sie mit ihrem Insektenfleisch in neuer Form den dritten Platz.