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MZ-Serie zum Anschlag von Halle - Teil 4Mit Video: 90 Sekunden reichen - Leipzigerin schafft Gedenkkultur auf Tiktok

Kann Gedenken auch auf Social-Media-Plattformen funktionieren? Ja, sagt Susanne Siegert, die es vormacht. Wie sie ihr Publikum erreicht.

Von Alexander Schierholz Aktualisiert: 28.09.2023, 13:10
Susanne Siegert nutzt ihren Kanal auf Tiktok, um den Holocaust und Antisemetismus zu thematisieren.
Susanne Siegert nutzt ihren Kanal auf Tiktok, um den Holocaust und Antisemetismus zu thematisieren. (Foto: Andreas Stedtler)

Leipzig/Halle (Saale)/MZ - Mit 14, 2006 in Oberbayern, schreibt Susanne Siegert in ihrem Tagebuch über einen Tanzkurs und ein Billy-Talent-Poster in einer Zeitschrift, die sie sich nach der Schule gekauft hatte. Stephen Nasser notiert mit 14 in seinem Tagebuch: „Andras, ich werde aus diesem Höllenloch lebend herauskommen, ich werde es zur Erinnerung an dich tun.“ Der ungarische Jude und sein Bruder Andras sind von den Nazis ins Lager „Mühldorfer Hart“, ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, deportiert worden. Wenige Wochen vor der Befreiung stirbt Andras in den Armen von Stephen.

Anschlag in Halle 2019: Leipziger schafft Gedenkkultur für NS-Opfer auf TikTok

Susanne Siegert macht diesen Kontrast auf in einem Video auf Tiktok, in dem sie über die Lebens- und Leidensgeschichte von Stephan Nasser berichtet. Einer von vielen Clips, in denen die in Bayern aufgewachsene Wahl-Leipzigerin über den Holocaust und die NS-Zeit aufklärt. Der Kanal unter dem Titel „keine.Erinnerungskultur“ hat rund 100.000 Follower. Zuletzt hat Siegert in 28 Tagen vier Millionen Menschen mit ihren Videos erreicht. Zeitgeschichte in 90 Sekunden.

Lesen Sie auch: Terroranschlag von Halle auf Synagoge - Alle Infos zum Anschlag von Halle, den Opfern des Attentats von 2019 und dem Täter

Die Zahlen zeigen: NS-Gedenken kann auch auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok funktionieren, die eher für unterhaltende Inhalte bekannt sind. Es kommt ganz auf die Zielgruppe an. Rund die Hälfte der regelmäßigen Follower von Siegerts Kanal ist unter 24. Eine Altersgruppe, für die Tiktok zum Alltag gehört – also ist Susanne Siegert eben auch dort.

Und was kann es Wirkungsvolleres geben, als mit dem eigenen Tagebuch-Eintrag als Jugendliche einen Bezug zur Lebenswelt ihres überwiegend jüngeren Publikums herzustellen? Siegert betont, sie sei keine Historikerin, es sei ihr wichtig, auf Augenhöhe mit ihren Followern zu agieren.

Aufklärungsarbeit über NS-Verbrechen auf Social Media

Dennoch, sagt sie: „Die Quellen müssen sicher sein.“ Für ihre Recherchen greift sie überwiegend auf die „Arolsen Archives“ zurück, ein in Nordhessen ansässiges internationales Forschungs- und Bildungszentrum zur NS-Verfolgung. Dessen Online-Archiv bietet eine Fülle an Material, Dokumenten, Fotos – und erklärt diese auch. „Es ist alles da“, sagt Siegert, „man muss es nur finden.“ Siegerts Themen sind breit gestreut.

Sie legt offen, was hinter Begriffen und Redewendungen aus der NS-Zeit, wie etwa „Arbeit macht frei“ steckt, widmet sich der Geschichte von Opfergruppen in Konzentrationslagern, etwa der Sinti und Roma, erklärt rechtsextreme Symbole. Und immer wieder gibt Siegert einzelnen NS-Opfern ein Gesicht und eine Stimme, indem sie deren Geschichten erzählt.

Das ist etwas, sagt sie, dass sie sich schon als Jugendliche gewünscht hätte: dass das Gedenken stärker die Opfer in den Blick nimmt. „Ich bin im Schulunterricht mit den Namen vieler Nazigrößen konfrontiert worden, aber kaum mit den Namen von Opfern.“ Statt von Erinnerungs- spricht sie lieber von Gedenkkultur – daher der Name ihres Tiktok-Kanals. Und für das Gedenken, findet sie, brauche es neue Formen – zumal immer mehr Zeitzeugen der Nazizeit sterben.

Gedenkstätten und offizielle Gedenkveranstaltungen, wie etwa zum Jahrestag des Anschlags von Halle, seien wichtig, betont sie. „Aber warum nicht Begegnungs- statt Gedenkstätten, in denen man Fragen stellen und diskutieren kann? Zum Beispiel mit Jüdinnen und Juden darüber, wie sie heute Antisemitismus erleben.“

Lob und Kritik für Aufklärungsarbeit in sozialen Medien

Siegerts intensive Beschäftigung mit der NS-Zeit fängt 2020 mit einem Instagram-Kanal zum ehemaligen Außenlager Mühldorfer Hart in Oberbayern an – quasi vor ihrer Haustür. „Aber ich wusste lange nichts davon“, sagt sie, „in der neunten Klasse sind wir mit der Schule bloß nach Dachau gefahren.“ Erst nach der Schulzeit erfährt sie von den NS-Spuren in ihrer Nachbarschaft und fängt an zu recherchieren. Hauptberuflich arbeitet sie in einer Marketing-Agentur im Social-Media-Bereich. So stellt sie sich schnell die Frage: Warum nicht Plattformen für eine neue Art des Gedenkens nutzen?

Für ihre Arbeit bekommt Siegert viel Zuspruch. Die positiven Kommentare überwiegen. Dennoch: Sie wird auch kritisiert, zuweilen angefeindet – meist von der Jetzt-muss-es-aber-auch-mal-gut-sein-Fraktion. User, die ihr vorschlagen, sie solle mal was über die Verbrechen des Kommunismus machen. Die relativieren. Ihre Erfahrung: „Die wollen gar keine Diskussion und haben keine Argumente.“ Solche Posts löscht sie deshalb meist gleich.

Und dann sind da noch diejenigen, die sich antisemitisch äußern. „Zum Glück eine Minderheit“, sagt sie. In einem Fall hat sie neulich Anzeige erstattet.

MZ-Serie: Der 9. Oktober und seine Folgen

Vor vier Jahren richtete ein rechtsextremer Täter aus Judenhass in Halle und dem Saalekreis ein Blutbad an, bei dem zwei Menschen starben. In einer elfteiligen Serie der MZ und des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt (Lamsa) lässt die MZ bis zum 7. Oktober Zeitzeugen zu Wort kommen. Ob und wie hat der Anschlag die Stadt verändert?

MZ-Reporter Denny Kleindienst bringt den Bodenaufkleber für den dritten Serienteil, den er geschrieben hat, am Steintor an.
MZ-Reporter Denny Kleindienst bringt den Bodenaufkleber für den dritten Serienteil, den er geschrieben hat, am Steintor an.
(Foto: Dirk Skrzypczak)

Mit großen Bodenaufklebern wird die Serie begleitet. Drei sind bereits zu finden: an der Synagoge, am Tekiez in der Ludwig-Wucherer-Straße und am Steintor. Auf die Aufkleber ist ein QR-Code gedruckt. Passanten, die ihn mit dem Handy scannen, sehen kurze Videos, in denen die Zeitzeugen ihre Erlebnisse am und um den 9. Oktober schildern.

Der Aufkleber zum vierten Teil wird Donnerstag auf dem Bahnhofsvorplatz aufgebracht. Pro Tag kommt ein weiterer hinzu, auch Merseburg wird für den Entenplan einen Bodenaufkleber erhalten.

Im fünften Teil geht es um Oberbürgermeister Bernd Wiegand und seine Erinnerungen an den Tag.