Alles schön gerechnet?

Alles schön gerechnet?: Warum Planetarium auf Abrissliste geriet, ist bis heute unklar

Halle (Saale) - Als die Flut vor fünf Jahren gewichen war, landete das weltweit einzigartige Bauwerk auf der Abrissliste. Warum es dort hingeriet, ist bis heute unklar.

Von Steffen Könau

Als die Flut Mitte Juni vor fünf Jahren abgetrocknet war, kamen die Trupps mit den Kärchern. Wasser und Hochdruck sollten das Raumflugplanetarium „Sigmund Jähn“ auf der Peißnitz schnell wieder betriebsbereit machen. „Der Projektor hat schon einige Hochwasser überlebt“, war René Schlesier, Chef der Nachwuchsastronomen, damals optimistisch, vielleicht schon im Juli wieder öffnen zu können. Auch Judith Marquardt, Halles zuständige Kultur-Beigeordnete, hoffte wenig später, „dass es 2015 wieder ein Planetarium gibt“.

Dass es dasselbe sein würde, sagte sie ausdrücklich nicht. Dabei wird der Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens zur Abschätzung der Sanierungskosten an dem 1978 errichteten Bau erst Wochen später erteilt. Erst im Januar und Februar 2014 wird ein Gutachter das Gebäude besichtigen, sogar erst im Oktober 2014 wird seine vorläufige Bewertung vorliegen, die davon ausgeht, dass eine Sanierung rund 4,8 Millionen Euro kosten wird.

Frühe Entscheidungen für Neubau des Planetariums

Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Rathausspitze schon längst entschieden. Lange bevor der Stadtrat im November 2014 für den Neubau eines Planetariums auf dem Holzplatz stimmt, hatte die Verwaltung, wie Judith Marquardt jetzt auf MZ-Anfrage einräumte, bereits neun mögliche Standorte für das neue Planetarium untersucht.

Darunter seien die Franckeschen Stiftungen, das alte Gasometer, die Andalusierstraße, die Blücherstraße, der Heinrich-Heine-Felsen, Weinbergweg sowie Roßplatz gewesen, beschreibt Judith Marquardt. Alles „Standortvorschläge der Bürgerinnen und Bürger, der Gesellschaft für astronomische Bildung Halle und der Stadtverwaltung“ (Marquardt), die „auf ihre Eignung untersucht“ worden seien.

„Grobe Konzeptstudie für einen Neubau des Planetariums im Gasometer“

Lange bevor das endgültige Schadensgutachten, laut Landesverwaltungsamt auf den 29. Dezember 2014 datiert, vorliegt, lässt die Stadt schon eine „grobe Konzeptstudie für einen Neubau des Planetariums im Gasometer“ (Marquardt) erstellen. Aufgrund dieses Konzepts stimmt der Stadtrat am 26. November 2014 dem Neubau zu.

Das alte Planetarium, wenig später noch als Baudenkmal anerkannt, da es sich um einen einmaligen Bau der sogenannten Ostmoderne handelt, steht nun auf der Abrissliste. Das Haus, das auf einer Erfindung des „Schalen-Müller“ genannten halleschen Architekten Herbert Müller beruht, ist ganz ohne fachkundige Bewertung von einem Gebäude, an dem „erhebliche Schäden eine Nutzung derzeit nicht möglich“ machen, wie es im vorläufigen Gutachten heißen wird, zu einem „technischen Totalschaden“ geworden, wie es die Stadtverwaltung nennt.

Schadensgutachten rechnet Sanierungskosten von 4,8 Millionen zusammen

Den Begriff selbst möchte im Rathaus niemand erläutern, er sei „vom Gesetzgeber“ definiert, heißt es. Ein „technischer Totalschaden“ liegt laut Definition dann vor, wenn der beschädigte Gegenstand nicht mehr in seinen vorigen Zustand versetzt werden kann. Dazu müssen die Beschädigungen so erheblich sein, dass der Aufwand für ihre Beseitigung zu hoch wäre.

Ein Eindruck, den das Schadensgutachten im Fall des Planetariums nicht erhärtet: Das rechnet Sanierungskosten von 4,8 Millionen zusammen und kalkuliert dabei nicht eben sparsam, wie die prognostizierten Kosten der Bestuhlung im Vorführsaal zeigen: Ein Stuhl ist mit tausend Euro angesetzt, ein Sitz im Vorraum mit 500 Euro. Dagegen wirken Kosten von rund sechs Millionen für ein komplett neues Planetarium, wie sie der Gutachter vorhersieht, gar nicht so teuer. Und die acht Millionen Neubaukosten, die die „grobe Konzeptstudie“ den Stadträten in Aussicht stellt, sind so viel mehr auch nicht, zumal das Geld aus dem Fluthilfefonds kommen soll.

Teurer Neubau für Planetarium in Halle

Der „technische Totalschaden“ aber öffnet noch viel größere Spielräume, denn der Begriff wird zur Steilvorlage für eine Investition in ganz anderen Größenordnungen. Aus dem Neubau für acht Millionen Euro ist nachaktuellen Planungen einer für 14,1 Millionen Euro geworden. Etwa dem Dreifache dessen, was dem Schadensgutachten zufolge eine Sanierung des Gebäudes auf der Peißnitzinsel gekostet hätte - selbst inklusive 180 funkelnagelneuer Tausend-Euro-Sitze.

Das Raumflugplanetarium „Sigmund Jähn“ ist Ende des Jahres 1978 eröffnet wurden. Zwei Jahre lang wurde der Bau mit 130 Sitzplätzen errichtet, und das in einer besonderen Weise. Hyperbolische Paraboloidschalen aus Beton bildeten ein langgezogenes Dach, auch die Außenwände waren aus diesen Schalen hergestellt. Der Abriss des Planetariums begann Anfang des Jahres.

Wann genau die interne Entscheidung fiel, das Planetarium abzureißen, ganz egal, wie hoch das Schadensgutachten den Sanierungsaufwand taxieren würde, vermag in der Verwaltung niemand mehr zu sagen. Ein Fragenkatalog zum genauen Ablauf der Entscheidungsprozesse, den die MZ im Januar einreichte, blieb zum überwiegenden Teil unbeantwortet. Auf die Frage, wann es erste Überlegungen zum Neubau gab, antwortet die Beigeordnete zum Beispiel mit dem Termin des Stadtratsbeschlusses vom November 2014. Der dieser Auskunft zufolge also völlig spontan und ohne jede Vorbereitung einer Entscheidung gefallen wäre, auf die Marquardt jedoch gleichzeitig ausdrücklich hinweist, wenn sie die Standortsuche beschreibt.

Sicherer neuer Standort direkt an der Saale?

Nach dreimonatigen Recherchen sieht sich die Stadt nicht dazu in der Lage, herauszufinden, wann das Landesverwaltungsamt ihr mitgeteilt hat, dass jede weitere Nutzung des alten Planetariums untersagt ist. Dabei hatte Judith Marquardt eine angeblich so lautende Auflage zuletzt im Stadtrat bemüht, um die Notwendigkeit des - immerhin auch 283.000 Euro teuren - Abrisses des denkmalgeschützten Hauses trotz Dutzender vorliegender Nachnutzungsangebote zu unterstreichen.

Selbst bei der Beantwortung der Frage, wann und warum die Stadt beschlossen habe, auf jeden Versuch eines Verkaufs, einer Schenkung oder der Verpachtung des alten Planetariums zu verzichten, verweist Judith Marquardt auf das Landesverwaltungsamt.

Auskunft geben kann die Stadt immerhin zum Bodenniveau des Planetarium-Neubaus direkt an der Saale. Mit 79,67 Metern über Normalhöhennull wird das Gebäude immerhin 3,29 Meter höher liegen als sein Vorgänger auf der Peißnitz. Aber auch 1,86 Meter niedriger als das Multimediazentrum, das beim Jahrhunderthochwasser vor fünf Jahren so gründlich überspült worden war, dass bis heute 19,8 Millionen für die Sanierung eines Hauses aufgewendet werden mussten, dessen Bau ursprünglich nur hatte 26 Millionen kosten sollen, dann aber knappe zehn Millionen teurer geworden war. (mz)