Vor 90 Jahren

Vor 90 Jahren: Großes Tauziehen um die Elektrische Kleinbahn

Eisleben - Wiederbelebung der „Elektrischen“ steht auf der Tagesordnung im Mansfeldischen.

Von Burkhard Zemlin 28.11.2016, 14:00

Am 26. November 1926 richteten sich im Mansfeldischen viele Blicke auf das Landratsamt in Eisleben. Denn hier trafen auf Einladung des Landeshauptmannes Vertreter der zuständigen Behörden und interessierten Gemeinden mit Regierungspräsident Grützner und der Direktion der Betriebsgesellschaft der Elektrischen Kleinbahn zusammen, um darüber zu reden, ob und unter welchen Bedingungen die Wiederinbetriebnahme dieses vier Jahre zuvor stillgelegten Nahverkehrsmittels zu machen ist.

Stillgelegte Elektrische Kleinbahn stellenweise durch Omnibusse ersetzt

Die Hoffnungen auf ein gutes Ergebnis waren groß, weil die „Elektrische“ allgemein vermisst wurde. Zwar gab es hier und da mittlerweile einige Omnibusverbindungen, die aber die Kleinbahn nicht zu ersetzen vermochten. „Im ganzen Mansfelder Lande gibt es kaum einen Bewohner, der nicht das lebhafteste Interesse hätte an der Wiederinbetriebnahme dieser so außerordentlich wichtigen Bahn“, beschrieb das Eisleber Tageblatt die Stimmungslage und unterstrich, dass man daher auch „sehr gespannt“ auf das Ergebnis der Zusammenkunft sei und einen bedeutenden Schritt „vorwärts in dieser Frage“ erwarte.

Die Elektrische Kleinbahn im Mansfelder Bergrevier war von 1900 bis 1922 in Betrieb und soll allein im Jahr 1901 mehr als 6,4 Millionen Personen befördert haben. Die rund 29 Kilometer lange Strecke führte von Helfta über Eisleben, die Grunddörfer, Helbra, Benndorf, Klostermansfeld, Mansfeld und Großörner nach Hettstedt. Die Fahrzeit betrug bei einer Höchstgeschwindigkeit von 15 Stundenkilometern innerhalb der Ortschaften und 30 Stundenkilometern außerhalb reichlich zwei Stunden. Die Bahn verkehrte im 30-Minuten-Takt und verfügte in Eisleben über zwei Abzweige. Einer führte ab Kreuzung Hallesche Straße/Bahnhofstraße zum Bahnhof, ein zweiter ab Plan durch Lindenstraße, Poststraße, Schlossplatz, Klosterstraße, Klosterplatz, Freistraße bis zum Friedhof Magdeburger Straße, von wo zeitweilig eine Verlängerung bis zur Oberhütte im Gespräch war. (bz)

So groß das Interesse auch gewesen sein mag, als die Redaktionen der Eisleber Zeitung und des Eisleber Tageblattes die Absicht bekundeten, über das Treffen zu berichten, erfuhren sie, dass die Beratung unter Ausschluss der Presse stattfinden würde. Trotzdem drang anschließend einiges nach außen.

„Wie wir zuverlässig hören, haben die Verhandlungen einen wesentlichen Fortschritt in der endgültigen Regelung dieser Angelegenheit gebracht“, schrieb das Tageblatt und ergänzte: „Besonderes Interesse fand das Projekt einer direkten Kleinbahnverbindung zwischen Helbra und Eisleben.“

Allerdings lag auf der Hand, dass die Schaffung einer Direktverbindung zwischen Eisleben und Helbra kurzfristig ein Ding der Unmöglichkeit war.

„Selbst wenn der Bau beschlossen wäre, würde die Anlage der neuen Linie noch geraume Zeit in Anspruch nehmen, sodaß sich die Wiederinbetriebnahme der Kleinbahn, falls sie davon abhängig gemacht würde, sich noch sehr weit hinausschieben müßte“, fürchtete der Berichterstatter und fuhr fort:

„Schon aus diesem Grunde wäre es zu begrüßen, daß, um diese so wichtige Verkehrsfrage auf Grund der vorhandenen Möglichkeiten wenigstens sofort zu einem Teil zu lösen, die Strecke in ihrer bisherigen Linienführung über die Grunddörfer so bald wie möglich dem Verkehr übergeben wird, denn ihre Wiederinbetriebnahme dürfte, falls die Finanzfrage geklärt ist, technisch ohne allzu große Schwierigkeiten durchführbar sein und sich in etwa 7 – 8 Monaten bewerkstelligen lassen.“

Neue und kürzere Verbindung für Bahnverkehr favorisiert

Doch daran hatten offenbar weder die Betriebsgesellschaft der Kleinbahn noch das Regierungspräsidium mit Präsident Grützner ein Interesse. Statt den noch vorhandenen Gleiskörper in den Grunddörfern zu nutzen, favorisierten sie eine neue, kürzere Verbindung zwischen der Helbraer Straße in Eisleben und Helbra, unter Ausschluss der Grunddörfer.

Dass Kreisfeld, Hergisdorf, Ahlsdorf und Ziegelrode diesem Plan Widerstand entgegensetzen würden, konnte Grützner nicht verstehen und kündigte an: „Um diesen Widerstand zu brechen, stelle ich der Konzessionärin in Aussicht, eine neue Straße Eisleben – Helbra zu genehmigen und mit allen Mitteln darauf zu dringen, daß die Hauptlinie Helfta – Eisleben – Hettstedt wieder in Gang gesetzt wird. Die Straße Helbra – Eisleben würde von den Kommunalverbänden errichtet werden unter Zuschuß der Provinz.“ Aber daraus ist nichts geworden. (mz)