Zwangsarbeit in Dessau

Wurden in DDR-Haftarbeitslager in Dessau 300 Frauen ausgebeutet?

Dessau - Zwischen Dessau-Süd und Kochstedt saßen zu DDR-Zeiten einst 300 Frauen im Gefängnis. Sie sollen dort Zwangsarbeit verrichtet haben - unter teils lebensgefährlichen Bedingungen.

Von Tina Schwarz

Nur eine Mauer und ein paar Lichtmasten stehen heute noch auf dem Gelände des ehemaligen Frauengefängnisses - von damaligen Insassinnen auch Haftarbeitslager genannt - zwischen Dessau-Süd und Kochstedt. Für Manfred Buchta steht fest: Diese erinnern an eine Zeit, in der etwa 300 Frauen, abgeschottet von der Öffentlichkeit, während ihres Strafvollzugs zur Haftarbeit gezwungen wurden.

Ausstellung zu Zwangsarbeit in der DDR im Dessauer Rathaus

Buchta von der Beratungsinitiative SED-Unrecht des Landes Thüringen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Seine Forschungsergebnisse hat er kürzlich im Rahmen einer Ausstellungseröffnung zur Zwangsarbeit in der DDR im Dessauer Rathaus vorgestellt. Seine Erkenntnisse basieren auf Dokumenten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit und Aussagen von fünf Zeitzeuginnen.

Kritik an Darstellungen zu Zwangsarbeit in Dessau zu DDR-Zeiten

Zu seinem Vortrag waren 40 Zuhörer gekommen - darunter auch Gäste, die Buchtas Darstellungen vehement widersprachen. „Ich spürte Widerstand während des Vortrags“, sagt er.

Die Kritiker seien zum Großteil selbst Wärter in dem Lager gewesen. „Einige beschönigten die Zustände dort. Andere wiederum waren mit der Bezeichnung als Haftarbeitslager nicht einverstanden, sondern drängten auf den Begriff Strafvollzugsanstalt.“

Der Komplex war 1974 neben der Magnetbandfabrik Dessau gebaut worden. So sollten zunächst zwei übrig gebliebene Bauarbeiterunterkünfte neben der Fabrik wieder genutzt werden. Mit den Jahren kamen immer mehr Baracken dazu.

„Diese haben die Insassinnen des Lagers mit bloßen Händen gebaut“, hat Buchta heraus gefunden. Innen war die Anlage mit einem zwei Meter hohen Zaun, einer Sperrzone und Hunden abgesichert. Von außen kamen noch einmal ein zwei Meter hoher Maschendrahtzaun, eine Sperrzone und eine Mauer mit Mauerkronensicherung hinzu.

Mit Bussen wurden die inhaftierten Frauen zur Arbeit gebracht. „Von dem Lager aus konnte auf relativ kurzem Weg eine Vielzahl von Betrieben erreicht werden.“ Laut einer Zeitzeugin arbeiteten die Inhaftierten für die Unternehmen Alutherm Rothemark, Gas- und Elektrogeräte Dessau, Fotochemisches Kombinat Wolfen, Magnetbandfabrik Dessau, Filmfabrik Wolfen und Metallwaren Blitz.

Frauen mussten Chromblöcke ohne Atemschutz schneiden

Dazu gehörte unter anderem zwölf Stunden lang monotone Fließbandarbeit, wie es in einer Broschüre der Stasi-Unterlagenbehörde Sachsen-Anhalts beschrieben wird. In manchen Betrieben war die Arbeit gesundheitsschädlich: So mussten die Frauen unter anderem Chromblöcke ohne Atemschutz schneiden, sagt Manfred Buchta.

In den Schlafunterkünften hatte jede Arbeiterin weniger als drei Quadratmeter Platz zum Leben. Vor allem Republikflüchtlinge und Ausreiseantragstellerinnen seien laut Buchta nach Dessau-Süd gebracht worden. Die meisten hätten bereits andere Anstalten wie den „Roten Ochsen“ in Halle oder diejenige in Morgenrot bei Quedlinburg durchlaufen.

16 Jahre lang sollen politische und kriminelle Gefangene bei der Zwangsarbeit ausgebeutet worden sein. Laut Broschüre wurden die Insassinnen umerzogen und für körperlich schwere und gesundheitsschädliche Arbeit eingesetzt. „Denn die DDR litt seit ihrer Gründung an einem chronischen Arbeitskräftemangel“, so Buchta.

Haftarbeitslager in der Nähe von DDR-Betrieben

Auch in der Nähe von Betrieben in anderen Bezirken gab es zu DDR-Zeiten so genannte Haftarbeitslager, weil Gefängnisse und Zuchthäuser meist zu weit entfernt lagen. Der Fall der Mauer besiegelte das Ende der DDR und damit auch das der Anstalt in Dessau-Süd, von der heute kaum noch etwas übrig ist geblieben ist.

Manfred Buchta will trotz des Widerstands weiter forschen und den Vortrag vor anderen Interessierten halten. Birgit Neumann-Becker, die Landesbeauftragte für Stasiunterlagen, die ebenfalls zur Ausstellungseröffnung im Dessauer Rathaus war, setzt sich derzeit dafür ein, dass eine Tafel zum Gedenken an das Haftarbeitslager und seine Opfer angebracht wird. (mz)