Vom Oma-Besuch zur Graffiti-Wand

Dessau/MZ. - Michael Porath heißt Aaron im richtigen Leben. Aaron ist sein Synonym in der Welt der verbogenen Buchstaben - alles legal gesprüht, versteht sich. Der Laie muss allerdings ganz genau hingucken, will er die Lettern entziffern. Wenn Passanten fragen, geht er auch mal zu seinem "style" und erklärt, indem er Buchstabe für Buchstabe mit der Hand nachfährt. "Die Leute sollen mitbekommen, dass wir auch nur normale Menschen sind, die einem Hobby nachgehen." Wenn er nicht sprayen würde, könnte Aaron genauso gut Modelleisenbahnen bauen, sagt er ...

Von Gina Apitz 10.04.2007, 17:00

Michael Porath heißt Aaron im richtigen Leben. Aaron ist sein Synonym in der Welt der verbogenen Buchstaben - alles legal gesprüht, versteht sich. Der Laie muss allerdings ganz genau hingucken, will er die Lettern entziffern. Wenn Passanten fragen, geht er auch mal zu seinem "style" und erklärt, indem er Buchstabe für Buchstabe mit der Hand nachfährt. "Die Leute sollen mitbekommen, dass wir auch nur normale Menschen sind, die einem Hobby nachgehen." Wenn er nicht sprayen würde, könnte Aaron genauso gut Modelleisenbahnen bauen, sagt er jedenfalls.

Mit 32 Jahren gehört Aaron zur älteren Generation unter den Sprayern. Seine Heimatstadt Dessau hat er schon vor langem verlassen. Heute lebt Aaron in Wien, besucht aber seine Familie und die alten Freunde regelmäßig. Wenn er hier ist, hetzt er vom Omabesuch zu den legalen Wänden der Stadt, um dort mit seinen Sprayer-Kollegen zu malen. Doch Spuren hat Aaron in Dessau schon vor langer Zeit hinterlassen. Gemeinsam mit anderen Sprayern malte er Aufträge in Jugendclubs, wie dem Haus Kreuzer. Die Spraydosen bekamen sie gesponsert.

"Gemalt habe ich eigentlich schon immer", sagt Aaron und verweist darauf, dass er schon als Schüler Comics gestaltete, die dann in der Schülerzeitung abgedruckt wurden. Als die Wende kam, war Aaron gerade 14. Seine Eltern schickten ihn auf ein Internat nach Wettin bei Halle, wo die künstlerische Begabung der Schüler gefördert wurde.

Dort lernte er ein paar Leipziger Sprayer kennen, nahm das erste Mal eine Sprühdose in die Hand. "Das war so mit 16, 17", erinnert er sich und betont, dass er zu Anfang nur so genannte "Charakter", das heißt Figuren im Comicstil, malte. "Bei den styles war ich mir unsicher", gibt Aaron zu und behauptet, dass das noch heute so sei. "Andere konnten das viel besser. Ich hatte Lust, Figuren zu malen."

Doch wer keine Schriftzüge malt, der bekommt in Sprayerkreisen nur wenig Anerkennung. "Fame", wie man den Ruhm intern nennt, kriegt man am meisten für illegale Aktionen. Und wie sah es damit aus? Grinsen. Nach seinem Abitur kehrt Aron nach Dessau zurück und absolviert seinen Zivildienst in einem Krankenhaus. Danach macht er ein Praktikum im Bauhaus. In dieser Zeit malte Aaron viel in Dessau, wurde vor allem durch die Aufträge bekannt. Sein Name soll sogar in einem Graffitilexikon auftauchen. Anerkennung sei ihm nie so wichtig gewesen, meint er lachend.

1996 beginnt Aaron ein Architekturstudium in Dresden und schließt es 2001 mit dem Diplom ab. Ein Jahr nach seinem Abschluss stellt ihn ein österreichisches Architekturbüro ein. "Ein gut bezahlter Job", meint Aaron. Inzwischen arbeitet er seit zweieinhalb Jahren in Wien, hat schon mehrere Architekturwettbewerbe gewonnen. Seit seinem Studium hatte er für Graffiti kaum noch Zeit. "Ich habe gemerkt, dass mir das Malen fehlt", sagt Aaron. Mittlerweile nimmt er sich am Wochenende wieder Zeit für sein Hobby. Das Sprayen betrachtet er dabei als Ausgleich zur rationalen Architektur. "Da gibt es keine Vorgaben, keine Regeln." Genau deswegen fasziniert ihn das Malen so sehr. "Alles ausprobieren", lautet sein Credo, das er auch den jüngeren Sprayern mit auf den Weg geben möchte. "Graffiti ist frei von allen Konventionen."