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Angebot für Grundschüler Verschämtes Gekicher und große Aufmerksamkeit: Theaterprojekt gegen sexuelle Gewalt in Dessau-Roßlau

Was ist sexueller Missbrauch und wie kann ich mich dagegen schützen? Das lernten Viertklässler der Grundschule Kreuzberge mit Hilfe eines mehrteiligen Theaterprogrammes.

Von Sylke Kaufhold Aktualisiert: 17.06.2024, 20:48
Spielerisch bringen   David Teubner und Lara Fiedler den Viertklässlern das schwierige Thema nahe.
Spielerisch bringen David Teubner und Lara Fiedler den Viertklässlern das schwierige Thema nahe. fotos: thomas Ruttke

Dessau/MZ. - Es war ein ganz schönes Gekicher, als die Viertklässler die Worte „Penis“ und „’Scheide“ hörten. Auch die „Geschichte“ , wo der Mann im Auto dem Mädchen seinen Penis zeigte, wurde zunächst mit Gekicher und lustigen Bemerkungen kommentiert.

Doch schnell wurde es wieder ernst. Und die Kinder sehr aufmerksam. Die dritte und die vierte Klasse der Grundschule Kreuzberge erlebten in dieser Woche ein ganz besondere Projekt. Die theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück war zu Gast, mitgebracht hatten die beiden ’Schauspieler ein Präventionsprogramm „Mein Körper gehört mir“ zum Thema sexueller Missbrauch. In verschiedenen Szenen stellen die Schauspieler David Teubner und Lara Fiedler dar, wie und wo körperliche Grenzen verletzt werden und welche ganz verschiedenen Facetten sexueller Missbrauch hat. Auch die oben beschriebene Szene im Auto gehört dazu. „Auch wenn das Kind nicht angefasst wird, ist das sexueller Missbrauch“, erklärt Lara den Jungen und Mädchen.

Schauspieler zeigen großes Einfühlungsvermögen und treffen Sprache der Kinder

Die Kinder lernten in dem dreiteiligen Theaterprogramm vor allem aber auch, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen und - ganz wichtig - wie sie überhaupt erkennen, dass etwas nicht stimmt mit dem netten Mann, der sie auf ein Eis eingeladen hat oder ihnen seinen niedlichen Hund zeigen will. Kindgerecht bringen David Teubner und Lara Fiedler das schwierige Thema nahe. Dabei gelingt es ihnen sehr gut, Hemmungen und Tabus zu überwinden. Indem sie über diese Dinge offen reden und den Kindern verdeutlichen, dass das etwas Normales ist.

Dies ist auch ein Punkt, den Michaela Böttcher von der Beratungsstelle Wildwasser für Opfer mit sexuellen Missbrauchserfahrungen setzt. „Kinder können über sexuelle Übergriffe oft nicht sprechen, weil sie das Erlebte nicht in Worte fassen können. Sie schweigen. Oft auch, weil sie sich schuldig fühlen oder vom Täter unter Druck gesetzt werden“, sagt Böttcher. Dass das Programm ganz viele mögliche Situationen beschreibt und diese dann mit den Kindern gemeinsam analysiert werden, gefalle ihr ganz besonders, denn so werde es für die Kinder erfassbar.

Die Beratungsstelle Wildwasser, zu deren Aufgabe auch die Präventionsarbeit gehört, kooperiert seit fünf Jahren mit der Theaterwerkstatt und erhält durch die Stadt Dessau-Roßlau die dafür erforderlichen Fördermittel. Mitarbeiterin Kathrin Stähr wird in der kommenden Woche noch einmal in die Klassen kommen und mit den Schülern über das Gehörte und Gesehene sprechen.

Initiatorin des Projektes war Schulsozialarbeiterin Romina Conrad. „Die Statistik und das Wissen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, waren für mich Anlass, das Thema an meiner Schule zu bringen“, berichtet sie. „Hier präventiv gegenzusteuern, ist für mich das Wichtigste.“ 78 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden im Jahr 2022 bei der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau aktenkundig, ähnlich viele waren es in den Jahren zuvor. Auch Michaela Böttcher weiß um die hohe Dunkelzahl. „Wir haben hauptsächlich dieses Dunkelfeld in der Beratung.“ Also Frauen, die ihren Missbrauch nie angezeigt oder darüber geredet haben.