AfD-Kritik und Pächterfrust

Streit an der Adria: Dauercamper in Dessau unzufrieden mit dem Pächter

Dessau - Ein hartnäckiges Gerücht verunsichert die Dauercamper. Was die AfD damit zu tun hat und warum der jetzige Pächter die Nase voll hat.

Von Heidi Thiemann 04.01.2017, 11:35

Still ruht der See - doch der Schein an der Adria trügt. Denn bei den Dauercampern rumort es. Was mit einer fünf Prozent höheren Pachtforderung zu tun hat, aber eben nicht nur.

Eberhard Bimek ist einer der Pächter, die unzufrieden sind. Erst seit gut einem halbem Jahr ist der ehemalige Polizist auf dem Platz. Peter Uhlendorf ist dagegen schon seit 42 Jahren sommers wie winters dort.

An der Adria selbst sogar schon länger - seit 1958. Denn da war er Mitglied bei den Tauchsportlern geworden. Der See und sein Umfeld sind ihm ans Herz gewachsen. Doch zuletzt sei die Unzufriedenheit größer geworden.

Vieles auf dem Capmingplatz ist veraltet

Weil die Pacht für das neue Jahr angehoben werden soll und vieles auf dem Campingplatz veraltet ist und neu gemacht werden müsste, wie beispielsweise die Sanitär- und Duschanlagen, der Kinderspielplatz, das Auslichten der Bäume und anderes mehr.

Vor allem aber auch, weil das Gerücht wabert, dass Thomas Jetzke gar nicht der neue Betreiber sei, also gar keine höhere Pacht verlangen könne.

Der „Waldbad“-Pächter Thomas Jetzke hatte im April 2015 nach dem Waldbad auch die „Adria“ übernommen, die seit 2006 von Uwe Schlawig betrieben worden war.

In den Händen des Vorgängers blieb der Hochseilgarten. Badesee und Campingplatz gingen durch Erbbaurechtsvertrag an Jetzke. Der Stadtrat hatte dem mit großer Mehrheit zugestimmt. Denn Jetzke hatte sich auch verpflichtet, die finanziellen Rückstände, die der Vorgänger bei der Stadt hatte, zu übernehmen. Das Zahlungsziel, gibt der neue Eigentümer zu, „wurde aber nach hinten verschoben“.

Camper und AfD wollen von der Stadt wissen, wer der Pächter der Adria ist

Andreas Hernig von der AfD-Fraktion vertritt den Standpunkt, dass der Stadtrat seine Zustimmung zur Übernahme zum Grundstück des Campingplatzes beziehungsweise des gesamten Grundstücks des Strandbades noch nicht erteilt habe.

Eben weil die Zustimmung zur Übernahme an Bedingungen geknüpft war, „die bislang nicht erfüllt sind“. Dabei geht es unter anderem um eine fünfstellige Summe, aber auch um Sanierungsmaßnahmen, die nicht erfolgten. Nicht nur das ärgert Hernig. Schon beim Vorbesitzer hätte man handeln müssen. „Das hatte die Stadt versäumt“, sagt der Stadtrat - und gibt ihr die Schuld am Dilemma.

Ein Schreiben der AfD-Fraktion wurde auf dem Campingplatz verteilt, Camper Bimek wandte sich daraufhin an den Oberbürgermeister: „Ich will wissen, wer der Pächter ist.“

Bimek bekam Post von der Stadt. Absender: Robert Reck, Beigeordneter für Wirtschaft und Kultur. Darin bestätigt Reck, dass Jetzke sehr wohl derzeitiger Besitzer des Objektes Strandbad Adria ist. „Insofern obliegen ihm alle Rechten und Pflichten.“ Reck geht von einer „berechtigten Pachtforderung von Herrn Jetzke“ aus.

Wurden die Camper zum Zahlungsboykott aufgerufen?

Bimek beruhigt das nicht. Auch, weil die Pacht auf ein anderes Konto als bislang gezahlt werden solle. Einem Brief von Jetzke misstraut er. Jetzke hatte darin nicht nur dargelegt, dass das neue Konto eines seiner Bankkonten sei „und damit geht das eingezahlte Geld auch bei mir ein“, der Verpächter nahm auch Bezug zum Schreiben der AfD.

Das sei keine offizielle Verlautbarung der Stadtverwaltung Dessau. Jetzke vermutet „private Interessen“ dahinter. Noch nie, sagte er der MZ, habe eine Stadtratsfraktion einen „Eingriff in den Betriebs- und Geschäftsablauf“ vorgenommen und verwahrte sich dagegen. Wie auch gegen den Zahlungsboykott, zu dem die Dauercamper aufgerufen worden seien.

Zahlungsverweigerern, kündigt der Besitzer an, werde er rechtlich begegnen. So sei er etwa beim Strom in Vorleistung gegangen. Manche Camper hätten gezahlt, manche aber auch nicht.

Jetzke glaubt nicht, dass dies die letzte Einmischung seitens der AfD gewesen ist. „Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.“ Weshalb er die Nase voll hat und sagt: „Ich möchte von dem Vertrag zurücktreten.“ Wenn der Stadtrat seine Zustimmung erteile, könne der Vertrag rückgewickelt werden.

Adria-Betreiber hat gleich mehrere Investitionen angekündigt

Dabei hatte der Bad- und Campingplatzbesitzer noch vor wenigen Wochen erneut um Vertrauen bei den rund 70 Dauercampern geworben. Er kündigte für 2017 den Einbau von Wasseruhren an, das Zurückschneiden beziehungsweise Fällen von Bäumen, Investitionen im Bereich der Rezeption und der Toilettenanlagen. Instand gesetzt werden soll auch der Zaun zwischen Bad und Campingplatz. Eingerichtet werden soll kostenfreies W-Lan.

„Es ist auf dem Campingplatz auch schon einiges passiert“, reklamiert Jetzke für sich. So sei der Weg instand gesetzt worden, sei die Rezeption durchgehend besetzt.

Zwar sei der Platzwart nicht ständig in der Rezeption zugegen, wie es einige Camper fordern, denn das sei Quatsch, sagt Jetzke. „Er ist telefonisch erreichbar.“ Perspektivisch solle der Platzwart in die Wohnung auf dem Adria-Gelände ziehen, wo jetzt noch der vorherige Betreiber Zuhause ist. Doch ob es dazu kommen wird, ist fraglich.

Geht es nach dem AfD-Mann Hernig, sei es „die einfachste Sache der Welt, einen neuen Betreiber für die Adria zu suchen“. Mehrere Interessenten, gibt er zu, hätten schon angefragt. „Das macht mich ja so stutzig.“

Im letzten Jahr war die schlechteste Badesaison für die Adria seit 2010

Thomas Jetzke lächelt zu all dem müde: Warum hatte die Stadt denn das Bad privatisiert? „Weil das ein Zuschussgeschäft war.“ Das Minus schnell in ein Plus umwandeln, könne auch kein Privater, zumal viel investiert werden müsse.

Und obwohl der Sommer 2016 gut war, so Jetzke, war die Badesaison die schlechteste seit 2010. Die Einnahmen vom Campingplatz seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und die Erhöhung der Pacht sei im übrigen die erste seit zehn Jahren. (mz)