Störtebeker-Festspiele

Störtebeker-Festspiele: Dessauer Schauspieler stirbt jeden Abend aufs Neue

ralswiek/dessau/MZ - Ist Störtebekers Schwiegervater ein Serienopfer? „Na ja, ich sterbe noch vor meiner Tochter“, sagt Hans-Jürgen Müller-Hohensee lachend. „Ich werde vom Bösewicht des Stücks, von einem gewissen Herrn Manteufel, hinterrücks erstochen. Das ist nicht fair“, sagt der Mann aus Dessau, aber weich. Schließlich falle er in den Sand von Ralswiek auf der schönen Insel Rügen. Tode auf dem Bühnenboden sind offenbar härter. Dafür laufe es sich schwerer im Sand. „Waden habe ich bekommen“, erzählt Müller-Hohensee, „du glaubst es ...

Von thomas altmann 31.07.2013, 18:57

Ist Störtebekers Schwiegervater ein Serienopfer? „Na ja, ich sterbe noch vor meiner Tochter“, sagt Hans-Jürgen Müller-Hohensee lachend. „Ich werde vom Bösewicht des Stücks, von einem gewissen Herrn Manteufel, hinterrücks erstochen. Das ist nicht fair“, sagt der Mann aus Dessau, aber weich. Schließlich falle er in den Sand von Ralswiek auf der schönen Insel Rügen. Tode auf dem Bühnenboden sind offenbar härter. Dafür laufe es sich schwerer im Sand. „Waden habe ich bekommen“, erzählt Müller-Hohensee, „du glaubst es nicht.“

Schauspieler im Ensemble des Anhaltischen Theaters

Hans-Jürgen Müller-Hohensee war, bis im Frühjahr der „Kirschgarten“ abgeholzt wurde, Schauspieler im Ensemble des Anhaltischen Theaters. Nun verbringt der Frührentner einen launigen Sommer auf Rügen und gehört zur Crew der „Störtebeker-Festspiele“, die mit dieser 21. Saison in einen neuen Zyklus starten. Bis sein Kopf in fünf Jahren fallen wird, segelt der Robin Hood aus Mecklenburg-Vorpommern durch sein legendäres Leben, mit Adler und Action, Pyrotechnik und Pferden. „Beginn einer Legende“ heißt Teil 1 des Zyklus, der seit dem 22. Juni und noch bis zum 7. September zu sehen ist, sechsmal die Woche, 67 Mal insgesamt. Nur sonntags stirbt keiner.

Die neue alte Geschichte beginnt mit einer neuen Besetzung - mit Bastian Semm als Hauptdarsteller und Kai Maertens als Regisseur. Der deutsch-dänische Krieg ist verloren. Klaus Alkun, Sohn eines verarmten Landadeligen, kehrt in seine Heimat zurück. Als Seefahrt und Handel gedeihen, wird in Wismar gewinnbringend die Nikolaikirche errichtet, federführend ist der skrupellose Kaufmann Langendoorp. Diesem untergeben, soll Henning von Manteufel nahe gelegener Lehmvorkommen wegen auch das alkunsche Anwesen in Besitz bringen. Es wird gemordet und gebrandschatzt. Die Braut des Erben und Tochter des Verwalters Bertram (Müller-Hohensee) wird verschleppt. Und irgendwann sind alle tot. Klaus Alkun, der in einem Saufduell mit seinem späteren Partner Goedeke Michels den Namen Stürzebecher erhält, überlebt und beginnt ein neues Leben, als Likedeeler (Gleichteiler), als Seeräuber und Legende.

Seine Eltern haben ihn nicht erkannt

Müller-Hohensee spielt auf Rügen eine Doppelrolle, eine „süße edle“ und eine fiese, „so eine Art Polizist“, Profoss von Wismar. An einer Stelle blieben ihm nur 35 Sekunden, um sich umzukleiden und die Bärte umzuhängen. Seine Eltern, welche die DVD gesehen haben , hätten ihn nicht einmal erkannt. Müller-Hohensee gefällt die Aufgabe und die Rolle. Er liebe Kostüme und Masken, und er schwärmt von den Proben, vom Team und vom Wetter. Und wenn es regnet? Auch nicht schlimm, dann säßen die Zuschauer auf der Naturbühne Ralswiek eingemummelt wie „Würste im Darm“.

Bis zu 8 000 Gäste sehen allabendlich Ann-Marie aus der Turmbaustelle fallen, zwölf Meter tief. So viele gut gelaunte Zuschauer, so viel Applaus - und morgens grasen Rehe auf der Weide vor dem Fenster. Müller-Hohensee ist von Rügen begeistert: Trotz der Tode und des schicksalhaften Geschehens, trotz und wegen der Arbeit sei es einer seiner schönsten Urlaube, „eine der schönsten Theaterzeiten meines Lebens“.