Nicht unumstritten

Nicht ganz unumstritten: Diese Kirche mitten in Dessau weicht einem Neubau

Dessau - Die Neuapostolische Kirche will in der Kantorstraße für 1,6 Millionen Euro ein neues Gemeindehaus errichten. Das ist nicht unumstritten.

Von Thomas Steinberg

Im April werden die Bagger anrollen - und die Kirche abreißen. Mitten in Dessau wird das geschehen, in der Kantorstraße, gerade einmal 200 Meter Luftlinie von der Museumskreuzung entfernt.

Eine Kirche in der Kantorstraße? Nach einer solchen befragt, dürften die meisten Dessauer nur mit den Achseln zucken: Da soll eine Kirche stehen? Doch es gibt sie – und zwar seit mindestens 81 Jahren. Nur: sie sieht erstens nicht aus wie eine Kirche mit Chor, Lang- und Querschiff und Turm, sondern erinnert an ein Mehrfamilienhaus mit angeflanschtem Flachbau. Und sie gehört zweitens der Neuapostolischen Kirche, die sich lange Zeit freiwillig abschottete und öffentlich kaum wahrnehmbar blieb.

Während der Bauphase kommt die Kirche bei der benachbarten evangelischen Georgengemeinde unter

Klaus Koselack kümmert sich in der Neuapostolischen Kirche Nordost hauptamtlich um Bau und Liegenschaften, ehrenamtlich ist er Bezirksältester in seiner Kirche. Der Bauingenieur steht am Montag im Dessauer Gemeindesaal, der Platz bietet für bis zu 1.000 Menschen. Normalerweise, sagt Koselack, besuchten 140, 160 Leute den Gottesdienst.

Am Wochenende - nach dem Ausräumen der alten Kirche - taten sie dies zum ersten Mal an einem neuen Ort. Die benachbarte evangelische Georgengemeinde bietet den neuapostolischen Christen „Asyl“ für ihre Gottesdienste. Koselack war von der Aufnahme angetan: „Wir haben uns nicht fremd gefühlt.“ Bis voraussichtlich zum September 2018 werden die neuapostolischen Gottesdienste in der Georgenkirche stattfinden. Dann soll das neue Gemeindehaus stehen. Von einem solchen ist im Bauantrag die Rede und nicht von einer Kirche wie bisher.

Der Neubau soll 1,6 Millionen Euro kosten

Auch äußerlich werden dem Neubau die Attribute einer Kirche fehlen. Der höher aufragende Gemeindesaal ist umgeben von einem eingeschossigen Gebäudeteil. Am ehesten deutet noch das neuapostolische Kreuz – über dem Wasser schwebend, eine aufgehende Sonne im Hintergrund – auf die kirchliche Nutzung hin.

1,6 Millionen Euro soll das Vorhaben laut Koselack kosten. Ein Neubau sei notwendig, weil zum Beispiel die Emporen der alten Kirche über keinen Notausgang verfügten, es keine ordentlichen barrierefreien Zugänge und Toiletten gebe.

Kritik am Neubau der Kirche von einem ehemaligen Bischof

Von einem „unsinnigen Vergolden der Spendengelder“ spricht hingegen Helmut König. Der 85-Jährige war bis zum Jahr 2000 Bischof in der Neuapostolischen Kirche und ist von Beruf Architekt. Die alte Kirche sei intakt und voll funktionsfähig, ihr Abriss müsse unbedingt verhindert werden.

König hatte am Wochenende bei Zeitung und Fernsehen angerufen, E-Mails mit einem Leserbrief versendet. Die Gemeinde, behauptet er, sei gespalten, was den Neubau angehe und fügt einer Mail an die Redaktion das Schreiben der Architektin Ilona Porstein an, „einer Christin, nicht Mitglied der Neuapostolischen Kirche“. Sie fordert den Kopf der Neuapostolischen Kirche Jean-Luc Schneider auf, den in Dessau geplanten „Seelenmord“ zu stoppen. (mz)

Mit rund 342.000 Mitgliedern ist die Neuapostolische Kirche die viertgrößte christliche Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Weltweit zählt sie knapp neun Millionen Mitglieder.

Entstanden ist die Neuapostolische Kirche im Jahr 1863 in Hamburg als eine Abspaltung von der Katholisch-apostolischen Kirche. Grund für die Trennung waren unterschiedliche theologische Auffassungen.

Das Emblem der Neuapostolischen Kirche stellt ein über stilisierten Wellen schwebendes Kreuz dar, am Horizont geht die Sonne auf.

An der Spitze der Kirche steht der so genannte Stammapostel, derzeit Jean-Luc Schneider. Dieses und andere Apostelämter werden in eine Tradition des urchristlichen Apostelamtes gestellt.

Bis in die 90er Jahre hinein galt die Neuapostolische Kirche als nahezu hermetisch abgeschlossen und streng hierarchisch organisiert. Seitdem wurde ein Öffnungsprozess eingeleitet, der eine Annäherung an andere christliche Konfessionen einschließt. (mz/tst)