Muslimische Roma-Familie in Dessau

Muslimische Roma-Familie in Dessau: Bündnis kämpft gegen Abschiebung

Dessau - Nafias Zeugnis ist gut ausgefallen. Das Kind wird bald die zweite Klasse besuchen. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Bilal (6) wird bald die Regenbogenschule besuchen. Und die Drittjüngste, Amina (4), geht vorerst weiterhin in einen Kindergarten der Stadt, während Nesthäkchen Sara (2) in der Obhut der Eltern lebt. Wie lange die Familie noch in Dessau Roßlau leben kann, ist ...

Von Annette Gens 18.08.2015, 06:09

Nafias Zeugnis ist gut ausgefallen. Das Kind wird bald die zweite Klasse besuchen. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Bilal (6) wird bald die Regenbogenschule besuchen. Und die Drittjüngste, Amina (4), geht vorerst weiterhin in einen Kindergarten der Stadt, während Nesthäkchen Sara (2) in der Obhut der Eltern lebt. Wie lange die Familie noch in Dessau Roßlau leben kann, ist ungewiss.

Asylantrag wurde 2014 abgelehnt

Der sechsköpfigen Familie Gasi aus Serbien, die seit Mai 2014 in Dessau-Roßlau zu Hause ist, droht die Abschiebung. Ihr Asylantrag wurde im Juli 2014 abgelehnt. Auch die Härtefallkommission im sachsen-anhaltischen Innenministerium lehnte ihr Gesuch nach Prüfung im Januar dieses Jahres ab. Eine erneute Duldung lief zum 14. August aus und wurde bis zum November verlängert.

Auf die Situation der muslimischen Roma-Familie, die ihre „Kinder in Frieden großziehen will“ (Zitat Gazmen Gasi), machte jetzt ein parteiübergreifendes Aktionsbündnis aufmerksam. „Wir wollen, dass von Dessau ein Signal der Menschlichkeit ausgeht“, begründet der Dessauer Andreas Friske, der sich ehrenamtlich um die Belange der Familie kümmert, das Vorgehen. Kennengelernt hat Friske die Gasis im Parteibüro der Linken. Seit etlichen Wochen veröffentlichen er und der Berliner Publizist Holger Doetsch im Internet eine Petition, in der Bleiberecht für die Familie gefordert wird. Diese trägt mittlerweile 817 Unterschriften - rund 250 stammen von Bewohnern aus Dessau-Roßlau.

keine sanitären Einrichtungen und Essen aus der Mülltonne

Gazmen und Merita Gasi lebten mit ihren vier Kindern in dem Roma-Ghetto Ledina von Belgrad. Weder habe es da Wasser, noch sanitäre Einrichtungen, Strom oder Heizung gegeben. Das Häuschen hatten sie sich selbst gebaut. Der Monatslohn des Familienvaters - er arbeitete 14 Jahre als Gärtner - habe nur zwei Wochen gereicht. „Wir lebten den Rest des Monats aus der Mülltonne“, schildert Gazmen Gasi unmenschliche Lebensumstände. Er berichtet auch von Übergriffen von Hooligans. Dass er ein Roma sei, so sagt er, bekam er sein ganzen Leben zu spüren. In der Schule, im Berufs- und im täglichen Leben. Seine Frau sei traumatisiert worden, als sie mit ansehen musste, wie ihr Mann von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Anzeigen hätte er die Täter nicht können, weil Polizisten in Serbien anonym sind und „es im Lande korrupt“ zugehe. Um ihn als Muslim zu beleidigen, sei durch das Fenster des Hauses, in dem die Familie lebte, ein abgehackter Schweinekopf geworfen worden. Zwei Monate vor der Flucht aus Serbien fand er einen Zettel im Briefkasten. „Wir müssen alle Roma töten.“

Keinen. Über den Asylantrag entscheidet ausschließlich das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Asylanträge wurden als offensichtlich unbegründet abgelehnt. Ein anderer Schutzstatus (ethnische Minderheit) wurde nicht zuerkannt, Abschiebungsverbote nach Gesetz sind nicht festgestellt worden. Deshalb erging die Ausreiseaufforderung, die BRD innerhalb einer Woche nach Bekanntgabe der Entscheidung zu verlassen. Die Ausländerbehörde ist für den Vollzug der Abschiebung zuständig.

Nein. Weil ethnische Minderheiten in Serbien laut Einschätzung des Auswärtigen Amtes keine Repressalien zu erdulden haben. Ethnische Minderheiten haben in Serbien die Möglichkeit, Wohnraum zu erhalten, nehmen am Krankenversorgungssystem teil und erhalten - sofern sie ihr Leben nicht durch Arbeit absichern können - staatliche Unterstützung. Sie müssen sich dafür registrieren lassen.

Serbien gilt als sicherer Herkunftsstaat. Chancen auf positive Asylverfahren sind auf Einzelfälle bezogen und als sehr gering einzuschätzen.

Keinesfalls. Das Kind der Familie wurde im Herbst 2014 zwei Wochen lang in der psychiatrischen Klinik Uchtspringe begutachtet. Es hat Defizite, ist aber reisefähig. Die Mutter der Kinder wurde sowohl von der Amtsärztin als auch durch Fachärzte des St. Joseph-Krankenhauses begutachtet. Ein Verdacht auf eine Erkrankung hat sich nicht bestätigt.

Familie erwartet der Abgrund im Heimatland

Auf der Pressekonferenz, die am Montag Andreas Friske und Holger Doetsch einberufen hatten, wurde erklärt, dass die Familie schon deshalb nicht ausreisen dürfe, weil es die gesundheitlichen Umstände nicht erlaubten. „Der Sechsjährige leidet unter einer psychosozialen Störung. Er zeigt Auffälligkeiten einer manisch depressiven Stimmung“, erklärte Doetsch für Bilal. Zu Merita Gasi erklärte er, dass sie an „einer schizophrenen Störung leidet, hervorgerufen durch ein traumatisches Ereignis. Doetsch ist überzeugt: „Muss die Familie zurück in ihr Heimatland, wird sie am Abgrund stehen.“

Auch Dessaus Ausländerbeauftragter Harold Ibanez Vaca will sich für die Familie einsetzen. Es sei traurig, wie die Bundesrepublik mit ihrer Asylpolitik umgehe. Besonders bedauert Vaca, dass „ab 2016 Schnellverfahren für Asylanten“ durchgeführt werden sollen. Die Petition im Internet soll in diesen Tagen abgeschlossen und Dessau-Roßlaus Stadtoberhaupt Peter Kuras übergeben werden. Immerhin wollen 255 Dessauer darauf, dass der Familie Gasi ein Hierbleiben ermöglicht wird. (mz)