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  7. Lehrermangel an Grundschule: Klassen seit Wochen ohne Unterricht in Dessau

Eltern resignierenNur noch vier Lehrer - Dessauer Grundschule schickt Klasse zum Lernen nach Hause

Sieben Wochen nach Schuljahresbeginn haben die 2.Klassen der Grundschule Kreuzberge in Dessau immer noch keinen richtigen Unterricht. Wie die Lage ist, was das Schulamt sagt und was die Eltern fordern.

Von Sylke Kaufhold Aktualisiert: 17.10.2022, 12:34
Schüler der Klassen 2a ud 2b protestieren zum zweiten Mal, denn sie haben immer noch zu wenige Lehrer.
Schüler der Klassen 2a ud 2b protestieren zum zweiten Mal, denn sie haben immer noch zu wenige Lehrer. (Foto: S. Böckelmann)

Dessau/MZ - Für die Klasse 2b der Grundschule Kreuzberge stand in dieser Woche Homeschooling im Stundenplan. Um in die Schule gehen zu können, gab es zu wenige Lehrer. Die Eltern sollten den Wochenarbeitsplan am Montag in der Schule abholen.

Es ist die Spitze der personellen Notlage seit Schuljahresbeginn. Ein normales Unterrichtsgeschehen gab es für die Zweitklässler dieser Schule bisher noch nicht. Bereits Anfang September hatten sich Eltern an das Landesschulamt und die Öffentlichkeit gewandt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.

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Es gab Gespräche. Aber keine Verbesserung der Bedingungen. Im Gegenteil. „Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert“, macht Mario Falkenthal deutlich, dessen Tochter die 2b besucht. Für die acht Klassen der 1. bis 4. Klassenstufe seien aktuell vier Lehrer da. Keine Schulleiterin. In dieser Woche gab es zusätzlich einen Krankheitsfall - deshalb das Homeschooling.

Zu wenig Lehrer: Dessauer Grundschüler seit Wochen ohne richtigen Unterricht

Bei den Eltern der 2b macht sich nach sieben Wochen Resignation breit. Den täglichen Lernmarathon am Nachmittag, um das aufzuholen, was in der Schule nicht passiert ist, haben alle aufgegeben. „Das halten wir nicht durch, wir Eltern nicht und die Kinder erst recht nicht“, sagt Jessica Opel. Sie habe den Umfang auf ein normales Maß zurückgedreht.

Dass sie aber als Eltern dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Kinder den Lernstoff können, der ja gar nicht vermittelt werde, macht sie wütend. „Was ist mit der Schulpflicht, die gilt ja wohl nicht nur für uns?“ Diese werde unter den schwierigen personellen Bedingungen durch die Teilnahme der Schüler am Distanzunterricht in Form der gestellten Aufgaben erfüllt, sagt Tobias Kühne, Sprecher des Landesschulamtes dazu.

Sieben Wochen ohne Unterricht: Eltern in Dessau sauer auf Schule

Große Hoffnung hatten die Eltern in die Elternversammlung gesetzt, die am Mittwochabend stattfand. Doch weder eine Vertreterin der Schulleitung noch eine des Landesschulamtes - beide hatten ihr Kommen angekündigt - waren anwesend. Lediglich die Klassenleiterin der inzwischen zusammengelegten 2a und 2b war gekommen. Nach ihrer Auskunft sollen nach den Ferien zwei neue Lehrer als Quereinsteiger an die Schule kommen. „Das glauben wir erst, wenn sie da sind“, bleibt nicht nur Mandy Moltrecht skeptisch.

Nicht zu unrecht, wie aus der Antwort des Landesschulamtes zu entnehmen ist. Demnach waren im September zwei Stellen für die Schule ausgeschrieben. „Auf beide Stellen lagen Bewerbungen vor. Eine Bewerberin hat das Einstellungsangebot angenommen. Der Einstellungsprozess läuft“, teilt Kühne mit. Die Bewerbung auf die andere Stelle sei mit Verweis auf die MZ-Berichterstattung über die Situation an der Grundschule zurückgezogen worden. Wann die eine Kollegin kommen wird, steht laut Kühne noch nicht fest. Der Zeitpunkt könne vom Landesschulamt auch nicht beeinflusst werden. „Die Dienstaufnahme soll aber grundsätzlich so schnell wie möglich erfolgen.“

Landesschulamt sucht händeringend nach Lehrern

Laut Behördensprecher ist aktuell für die Grundschulen der Stadt Dessau eine Regionalstelle ausgeschrieben. Gibt es Bewerber, würde das Landesschulamt versuchen, diese auf die Grundschule Kreuzberge zu lenken. Prinzipiell biete die Einstellung über Regionalstellen eine größere Flexibilität für beide Seiten.

Warum können keine Lehrer abgeordnet werden, solange die Situation derart prekär ist an einer Schule, fragen die Eltern und loben das Engagement der Mathelehrerin aus der Grundschule Tempelhof. „Das ist der einzige normale Unterricht, den unsere Kinder haben.“ Weitere Abordnungsmöglichkeiten von anderen Schulen seien derzeit nicht vorhanden, erklärt Tobias Kühne dazu.

„Die Grundschule ist weiter auf der Liste der Schulen mit Vertretungsbedarfen geführt. Sobald sich darauf jemand bewirbt, kann gehandelt werden. Leider ist das seit Monaten nicht der Fall.“ Unverständlich ist für die Eltern auch das große Ungleichgewicht zwischen den Grundschulen der Stadt. „Wir laufen mit einer Lehrerversorgung von 60 Prozent, in Kochstedt sind es 109 Prozent“, zählt Jasmin Jürges auf. „Warum kann hier nicht ausgeglichen werden?“

Mario Falkenthal hat sich mit einem Hilferuf an die Landtagsabgeordneten der Stadt und den Ministerpräsidenten gewandt.