Islamismus

Islamismus-Beratungsstelle Dessau: Was kann eine Beratungsstelle leisten?

Dessau - Die Anschläge Anfang August haben die Bevölkerung aufgeschreckt. Mit den islamistisch motivierten Attentaten in Würzburg und Ansbach kam der Terror auch nach Deutschland.

09.08.2016, 04:00

Die Anschläge Anfang August haben die Bevölkerung aufgeschreckt. Mit den islamistisch motivierten Attentaten in Würzburg und Ansbach kam der Terror auch nach Deutschland.

Die Ereignisse haben heftige Diskussionen über den Umgang mit Geflüchteten und zur Sicherheitslage im Land ausgelöst. Sachsen-Anhalt will nun gegen islamistische Radikalisierung stärker vorgehen.

Ab 2017 wird in Dessau die erste Beratungsstelle des Landes eingerichtet. Träger ist das Multikulturelle Zentrum (MKZ). Das Team besteht aus drei Islamwissenschaftlern, von denen einer auch sozialpädagogisch geschult ist.

MZ-Redakteurin Lisa Garn sprach mit Tina Wiesner, die Teil des Teams sein wird, und Razak Minhel, Leiter des MKZ und selbst Muslim.

Nach all den Meldungen der vergangenen Wochen: Fühlen Sie sich derzeit sicher?

Minhel: In dieser hitzigen Diskussion müssen wir zuallererst Ruhe bewahren. Es kann jetzt nicht darum gehen, überall und in jedem Gefahr zu sehen. So lebt sich kein Leben. Es braucht einen sachlichen Blick und Kenntnisse. Und ja, ich fühle mich sicher in diesem Land und auch in Dessau.

Wiesner: Es sind Einzelfälle, die schocken. Wir dürfen jetzt aber nicht den Fehler machen, pauschal gegen andere zu urteilen oder uns zurück zu ziehen. Mit einer Abschottung erreichen Terroristen ihr Ziel: die Spaltung der Gesellschaft.

Viele sehen nun aber eine Gefahr, haben Ängste vor radikalen Islamisten. Verstehen Sie das?

Wiesner: Man muss den Ängsten Raum geben. Aber dann muss man die Fakten sehen und wie man mit den Ängsten umgeht. Man braucht Experten wie Islamwissenschaftler, Psychologen, auch Medien, die das Geschehen einordnen statt reine Stimmungsmache zu betreiben. Ich sehe sonst die Gefahr, dass die Stimmung insgesamt kippt.

Minhel: Es geht um mehr Sicherheit, das ist nachvollziehbar und richtig. Wichtig finde ich aber genauso: Es sind mehr Informationen nötig. Viele wissen zu wenig über den Islam oder dass es einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus gibt.

Wie lässt sich denn Radikalisierung stoppen?

Wiesner: Indem man früh Warnzeichen erkennt. Man muss dabei auf das Umfeld und Bezugspersonen setzen. Wir werden mit der Beratungsstelle ein professionelles Beratungsangebot aufbauen. Es richtet sich an Menschen, die sich um die Radikalisierung eines Angehörigen, Freundes oder Bekannten sorgen und Fragen haben.

Wer ist besonders gefährdet?

Minhel: Junge Menschen, die keine Sicherheit und keine Perspektive haben, die gesellschaftlich abgehängt sind und auch ein psychologisches Problem haben.

Wiesner: Menschen, die in einer Isolation leben, oder wie beispielsweise in Frankreich politisch in eine Abschottung geführt werden, weil sie in bestimmten Orten sich selbst überlassen wurden. Radikalisierung kann auch dort entstehen, wo im interkulturell Unverständnis herrscht, das in Ablehnung schlägt. Das Projekt will diesem gegenseitigen Unverständnis vorbeugen. Wir werden die Beteiligten intensiv begleiten.

„Wir gegen die schafft keinen Frieden“

Es gibt im MKZ bereits seit einem Jahr das Projekt - „Salam Aleikum - Friede sei mit Dir“ - das sich präventiv mit dem Islam beschäftigt. Was hat es bis jetzt gebracht?

Minhel: Mehr gegenseitiges Verständnis. Wir erklären, was der Islam ist, um Vorurteile, Ängste und Feindlichkeit gegenüber Migranten abzubauen. Das ist politische Fachbildung für Multiplikatoren der Gesellschaft, für Schulen, Behörden, Polizei, und auch für Moscheen in Sachsen-Anhalt. Wir bieten Beratung zu islamischen Themen an, in Seminaren und auch in Jugendcamps. Das tun wir gemeinsam mit islamischen Gemeinden.

Wiesner: Wir sind zur Anlaufstelle für Nicht-Muslime und Muslime geworden. Uns erreichen immer mehr Anfragen. Von Schulen und Kitas beispielsweise, in denen Eltern verunsichert sind. Unsere Aufgabe ist es, einen interkulturellen Dialog herzustellen. Wir vermitteln und sensibilisieren beide Seiten füreinander. Damit unterstützen wir Integration von Migranten - auch das ist Prävention gegen Extremismus. Insofern ist die Beratungsstelle ab Januar eine Erweiterung des Projekts

Was bedeutet für Sie Islamismus?

Minhel: Es ist der Missbrauch der Religion für politische Ziele. Die Radikalisierung und der Terror haben keine Religion und keine Heimat: Es ist purer Terror, purer Hass, pure Gewalt - unter dem Deckmantel des Islams. Terroristen fragen nicht, wo jemand herkommt. Die Anschläge treffen alle. Keine Religion sagt, dass man jemanden töten soll.

Wiesner: Gerade die aktuellen Ereignisse verstärken die Verunsicherung, weil sie Fragen aufwerfen. Zum Beispiel, woran man einen Islamisten erkennt. Aber ist denn jemand, der von seiner Religion begeistert ist, schon verdächtig? Wir wollen helfen, diese Dinge einzuordnen und Fakten vermitteln.

Wie reagieren denn islamische Gemeinden auf ihr Projekt? Oft wird ihnen vorgeworfen, sich abzuschotten.

Minhel: Die meisten sind offen, wenige nicht. Die Gemeinden müssen sich aber öffnen, sie müssen völlig klar kommunizieren, dass sie gegen Radikalisierung sind. Sie bekommen von uns das Grundgesetz in arabischer Sprache: Die Menschen sind in Sicherheit, sie bekommen Leistungen vom Staat - dann müssen sie sich an die demokratischen Spielregeln halten.

Wiesner: Das Problem ist doch, dass es keine oberste Instanz gibt, islamische Gemeinden sind wenig hierarchisch organisiert. Und die Frage ist: Wie werden sie finanziert? Eine Finanzierung ist dann schwierig, wenn dadurch andere Einflüsse hineinkommen, die schwer zu überblicken sind.

Minhel: Wenn Geld aus dem Ausland kommt, ist das problematisch. Ich appelliere an islamische Gemeinden, sich eine Struktur zu geben, in der eine Finanzierung innerhalb Deutschlands möglich ist. Dafür braucht es neue neue rechtliche Möglichkeiten.

Die Akzeptanz von Geflüchteten ist in den vergangenen Monaten gesunken. Ist die Stimmung bereits gekippt?

Wiesner: Es gibt Parteien, die aus den Ereignissen der letzten Wochen politisches Kapital schlagen. Sie heizen die Stimmung an. Aber ,Wir gegen Die’, das schafft keinen Frieden, sondern spaltet. Wir haben es in den letzten zwei Jahren erlebt: rechtsextremistische Gewalt im ganzen Land. Zu lange wurde vernachlässigt, dass mehr Bildung, Unterstützung und ein präventiver Zugang ein wichtiger Baustein für Integration ist.

Minhel: Wir dürfen Unsicherheiten und Angst nicht auf die richten, die nichts dafür können. Eine Frau mit Kopftuch ist keine Islamistin oder Terroristin. Die überwiegende Mehrheit von Migranten muslimischen Glaubens ist friedlich. Diese Menschen sind vor Krieg, Folter und Terrorismus geflohen, haben Verwandte verloren wie ich auch. Sie ziehen in ein sicheres Land und sie wollen mit uns arbeiten, das stelle ich immer wieder fest.

(mz)