Großkühnau

Großkühnau: Erste Polizeikirche der Bundesrepublik

Grosskühnau/MZ - Was macht eine Polizeikirche aus? Nicht etwa ein Martinshorn, das statt einer Kirchenglocke ertönt und die Menschen zum Gottesdienst ruft. Weder ein Blaulicht auf dem Altar noch ein Anstrich des schlichten Backsteinhauses in blau, der Farbe der Polizeiuniformen und Polizeifahrzeuge. Großkühnaus Kirche bleibt auch künftig, wie sie ist, und sie bleibt vor allem weiterhin im Dorf - auch wenn sie seit gestern einen neuen Titel trägt. Sie ist weiterhin (ohne Blaulicht und Martinshorn!) ein Ort der ...

Von Annette Gens 26.03.2014, 20:40

Was macht eine Polizeikirche aus? Nicht etwa ein Martinshorn, das statt einer Kirchenglocke ertönt und die Menschen zum Gottesdienst ruft. Weder ein Blaulicht auf dem Altar noch ein Anstrich des schlichten Backsteinhauses in blau, der Farbe der Polizeiuniformen und Polizeifahrzeuge. Großkühnaus Kirche bleibt auch künftig, wie sie ist, und sie bleibt vor allem weiterhin im Dorf - auch wenn sie seit gestern einen neuen Titel trägt. Sie ist weiterhin (ohne Blaulicht und Martinshorn!) ein Ort der Besinnung.

Schon- und Schutzraum für Polizisten

Die Großkühnauer Gartenreichkirche war schon eine Radfahrerkirche. Das 184 Jahre alte Gotteshaus wurde am Mittwochnachmittag darüber hinaus zur ersten Polizeikirche der Bundesrepublik geweiht. Sie soll fortan neben der Nutzung durch die kleine Kirchengemeinde des Ortes ein Schon- und Schutzraum für Polizisten sein, die fernab ihrer Dienststellen Einkehr und Ruhe finden wollen, sei es beim Anzünden einer Kerze, beim Betrachten eines Bildes oder beim Meditieren fernab ihrer anspruchsvollen und und angespannten beruflichen Tätigkeit.

Der Grundstein für die Großkühnauer Kirche wurde im April 1828 gelegt. Finanziert durch Herzog Leopold Friedrich wurde der Bau im September 1830 vollendet. Als zuständiger Baumeister gilt der Hofbaurat Ignazio Pozzi. Belegt ist dies jedoch nicht sicher.

Die Großkühnauer Kirche fasst 100 Personen, die darin Gottesdienst feiern können. Sie ist an der Stelle schon der zweite Kirchenbau. Und sie hat eine Besonderheit: Ihre Glocke stammt aus dem 11. Jahrhundert. Die Glocke trägt die Inschrift „in hore beate marie virg“ (Zu Ehren der seeligen Jungfrau Marie).

Schon vor dem Bau der ersten Großkühnauer Kirche um das Jahr 975 gab es in der Burg Kühnau eine Kapelle. Der Ort selbst wurde bereits 945 gegründet. Die alte Feldsteinkapelle ließ Herzog Leopold 1828 abreißen und eine neue Kirche im neoromanischen Stil entwerfen. Sie war als Ergänzung zum nahen klassizistischen Schloss gedacht. Die Kirche ist Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt und dürfte der einzige Kirchenbau im Besitz des Landes sein.

In dem Gottesdienst, der am Mittwoch durch Gemeindepfarrer Stephan Grötzsch und Michael Bertling, den Polizeiseelsorger der Evangelischen Landeskirche Anhalts, abgehalten wurde, verdeutlichte u.a. für das sachsen-anhaltische Innenministerium Karl-Heinz Willberg, dass Polizeiseelsorger wie Bertling einen „erheblichen Beitrag für die Regenerierung der Leistungen der Mitarbeiter im Polizeidienst“ leiste. Schutz und Geborgenheit, die von der Kirche ausgehen, seien in dieser schnelllebigen Zeit ein Trost, konstatierte der Ministerialdirigent.

„Die Zusammenarbeit mit der Kirche hat uns vorangebracht“, schaute Willberg auf seine Zeit als Polizeipräsident in der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost und die dort gesammelten Erfahrungen zurück. Die Zusammenarbeit mit dem Seelsorger Bertling erfährt mit einem konkreten Ort nun eine neue Qualität.

Dauerausstellung über Polizeiseelsorge

Auf den Weg gebracht hatte das Projekt von einer Polizeikirche nicht zuletzt der Polizeiseelsorgebeirat in Anhalt, dem Vertreter der Landeskirche und der Polizeidirektion Ost angehören, erinnerte Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig an einen Prozess, der lange vorbereitet worden war und nun mit Leben gefüllt werden soll. Die Kirche wird - in Abstimmung mit der Großkühnauer Gemeinde - für Schulungen und Veranstaltungen der Polizeiseelsorge genutzt. Noch 2014 soll eine Dauerausstellung über Polizeiseelsorge eröffnet werden. Darüber hinaus ist ein Familienfest im Sommer geplant, sagt Bertling, der in den Dienststellen durchschnittlich pro Woche zehnmal als Seelsorger gefragt ist und 10 bis 15 Beratungsgespräche führt. Seine „Gemeinde“ ist eine besondere, nicht nur, weil ihre Mitglieder bei schlimmen Ereignissen wie bei Unfällen, Bränden und Kriminalstraftaten ihren Dienst tun müssen. „Die meisten Polizisten“, weiß Bertling, „sind außerdem konfessionell nicht gebunden.“