Glücklich in Südamerika

Glücklich in Südamerika: Dessauer Schüler Benjamin Killyen lebte ein jahr in Brasilien

Dessau - Benjamin Killyen lebte bei Familien in Brasilien. Zurück in Dessau, wirkt er gelassen. In Belo Horizonte hat er viele Freunde gefunden.

Von Annette Gens

Er postet Bilder, darunter eins von seinem schönsten Geburtstagsgeschenk. Das ist eine vier Meter lange Hängematte. Abgebildet ist Benjamin, wie er es sich in der Matte im Schatten von Bäumen darin gemütlich macht und wie er seine Heimat auf Zeit neugierig daraus beäugt.

Seinen 17. Geburtstag feiert der Dessauer zum ersten Mal ohne Eltern und Geschwister. Es wird trotzdem ein toller Tag. Alle brasilianischen „Familienmitglieder“ und Freunde gratulieren. In der Schule dröhnt als Glückwunsch ein deutsches Lied aus den Lautsprechern. Das war im April.

Seit wenigen Tagen ist Benjamin Killyen wieder in der Heimat. Ein Jahr lang lebte der Dessauer Schüler im mehr als 9.000 Kilometer entfernten brasilianischen Belo Horizonte. Die drittgrößte Stadt Brasiliens mit 2,5 Millionen Menschen ist ein Kontrastprogramm zu Dessau.

Benjamin fand es gut, Schuluniform zu tragen, vermisste „das Markengehabe hierzulande überhaupt nicht“

Man lebt dort ganz anders, sagt er. „Die Menschen sind herzlicher, gelassener, man drückt sich. Man nimmt Kritik nicht ganz so schwer wie hier.“ Nach dem einen Jahr Aufenthalt sagt Benjamin über sich: „Ich habe viele Freunde gefunden. Ich bin offener geworden für andere Menschen. Man sollte sie nicht nur nach ihrem Aussehen beurteilen.“

Er fand es gut, Schuluniform zu tragen, vermisste „das Markengehabe hierzulande überhaupt nicht“. Und er gewann offensichtlich Selbstvertrauen. Die Erfahrung, in einem fremden Land zurechtgekommen und neue Freunde gefunden zu haben, finden, hat ihn stärker gemacht.

Vor rund zwei Jahren dachte Benjamin zum ersten Mal über einen Auslandsaufenthalt nach. Es war nach einem Urlaub in Amerika. Zu Besuch waren die Killyens bei einer Familie, in der seine Mutter als 17-Jährige ein Jahr gelebt hat. Benjamin fand die Idee vom Auslandsaufenthalt gut.

Rotarier helfen finanziell und organisatorisch beim Austausch

Neben der Bewerbung über die Austauschorganisation „Rotex“ des Rotary Clubs, die der Dessauer Rotary Club finanziell und organisatorisch unterstützte, büffelte Benjamin mit Hilfe eines Computerprogramms portugiesisch. Wie zu erwarten, verlief der Start in Brasilien trotzdem nicht ganz sprachbarrierefrei.

Doch inzwischen beherrscht der 17-Jährige die Sprache fließend, muss manchmal nach seiner Rückkehr sogar nach deutschen Worten suchen, weil „man nach so langer Zeit auch portugiesisch denkt“, sagt er schmunzelnd und erzählt von den Unterschieden zwischen dem einen und dem anderen Land. In Brasilien ist der deutsche Winter ein Sommer und umgekehrt. Das Schuljahr beginnt im Februar.

Die Klassenstärke in den Schulen differiert erheblich von der in Deutschland. Normalerweise lernen bis zu 40 Schüler in einer Klasse. In Benjamins Klasse lernten 60 Jugendliche gemeinsam. Man rechnet dort übrigens noch ohne Taschenrechner, sondern muss den Kopf benutzen. Benjamin kommentiert das nicht. Lernen musste er aber auch, dass man anderen nicht alles zeigt, was man hat. So, wie man hierzulande mit Handy in der Hand durch die Straße geht, muss man in Brasilien damit rechnen, dass es gestohlen wird.

„Weihnachten hatte ich das erste Mal Heimweh“

Nicht immer müssen die Gasteltern auf Sicherheit pochen. Manchmal lehrt auch der Zufall. Als Gastschüler Benjamin zum Beispiel die Hoftür des Gehöfts nicht abschließt und daraufhin die Alarmanlage schrillt. Jedes Haus ist mit einem Zaun umgeben, auf dem meist Stacheldraht befestigt ist.

Und es gibt Alarmanlagen in sehr vielen Häusern, schildert er Unterschiede zu Deutschland. Dafür sind die Menschen, denen er begegnet, um so herzlicher. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Gastfamilie (der Wechsel ist von „Rotex“ gewünscht) wird er mit offenen Armen empfangen. Er hat Gastgeschwister und Freunde.

Er lernt die brasilianische Kampfkunst Capoeira kennen und schätzen. Er macht mit Freunden Party. Und er drückt mit ihnen die Schulbank - was sonst. Am meisten vermisst er das deutsche Weihnachtsfest - trotz Plätzchenbackens wie zu Hause. „Weihnachten hatte ich das erste Mal Heimweh.“

Während für seine ehemaligen Klassenkameraden das Abi naht, beginnt Benjamin mit der 11. Klasse

Wenn auch das absolvierte Schuljahr in Deutschland nicht anerkannt wird, so habe „ich in Brasilien schon einmal den Stoff der elften und zwölften Klasse behandeln dürfen“, erzählt Benjamin, dass er ab Mitte August wieder am Walter-Gropius-Gymnasium lernt.

Während für seine ehemaligen Klassenkameraden das Abi naht, beginnt für ihn mit der 11. Klasse die gymnasiale Oberstufe. „Das macht mir nichts aus“, sagt Benjamin. „Dafür habe ich ein Jahr im Ausland Erfahrung sammeln dürfen.“

Die Hängematte, das Geburtstagsgeschenk aus Brasilien, hängt inzwischen in Dessau. Und Benjamin hat sich fest vorgenommen, seine neuen Freunde wiederzusehen, vielleicht in Südamerika mal zu studieren. (mz)