Struktureller Quantensprung

DRHV holt Nachwuchskoordinator und Co-Trainer - Wird Vanja Radic 2024 Jungandreas-Nachfolger?

Handball-Zweitligist Dessau-Roßlauer HV holt Vanja Radic als Nachwuchskoordinator und Co-Trainer. Was das für den Verein bedeutet und was mittelfristig passieren könnte.

Von Tobias Grosse
Das neue und zukünftige Bild: Vanja Radic an der Seite von Uwe Jungandreas.
Das neue und zukünftige Bild: Vanja Radic an der Seite von Uwe Jungandreas. fotos: Oliver Harloff

Dessau-Rosslau - Dass Uwe Jungandreas eine ganze Menge von Vanja Radic hält, kann man erkennen, wenn man einmal in die Tiefen der sozialen Netzwerke abtaucht. Etwas mehr als ein Jahr ist es jetzt her, dass Radic, damals noch Drittliga-Handballtrainer bei Magdeburgs Youngsters, mit einem Beitrag auf seinem privaten Facebookprofil die Talente Lukas Diedrich und Yannick Danneberg in die Bundesligen verabschiedete. Torwart Diedrich zog es zum Erstliga-Aufsteiger Essen und Rückraumhünen Danneberg zum Zweitliga-Neuling Dessau-Roßlau mit Cheftrainer Jungandreas. Der kommentierte Radic’ Beitrag in seiner ihm eigenen prägnanten Art würdigend mit: „Deine gute Arbeit.“

Dass Jungandreas eine Menge vom Trainerkollegen Radic hält, hat man auch hören können, als die beiden vor wenigen Tagen in der Dessauer Anhalt-Arena nebeneinander standen. „Vanja ist qualifiziert bis zum geht nicht mehr“, hat Jungandreas da mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht gesagt. Denn ab dem 1. August wird Radi? seine Qualitäten beim DRHV einbringen.

36 Jahre alter Bosnier lebt seit dem Jahr 2003 in Deutschland und arbeitete zuletzt beim SC Magdeburg

Der 36 Jahre alte Bosnier, der seit 2003 in Deutschland lebt und in den zurückliegenden fünf Jahren beim SC Magdeburg verschiedene Nachwuchsteams sowie die Drittliga-Youngsters trainiert hat, hat in der Vorwoche beim Dessau-Roßlauer HV einen Fünf-Jahres-Vertrag bis 2026 unterschrieben und wird ab der kommenden Saison Jungandreas’ Co-Trainer und Nachwuchskoordinator in Personalunion. Zugleich hat der Club den noch bis 2022 laufenden Vertrag mit Chefcoach Jungandreas bis 2024 verlängert.

Radic’ Verpflichtung ist für den Verein ein struktureller Quantensprung. „Ich freue mich riesig, dass das geklappt hat“, sagt Uwe Jungandreas, „das wird sehr viel Input geben.“ Der 59-jährige Trainerfuchs hat in den vergangenen Jahren nämlich bereits zweimal den Versuch gestartet, Vanja Radic nach Dessau-Roßlau zu holen. Jeweils erfolglos. Im dritten Anlauf hat es aber geklappt. „Er war mein Wunschkandidat. Und das war jetzt der letzte Schuss.“

Radic’ Wechsel in die Bauhausstadt hat eine enorme Bedeutung auf mehreren Ebenen. Zum einen ist da die Position des hauptamtlichen Co-Trainers, die, seit Jungandreas im Herbst 2014 beim DRHV angeheuert hat, unbesetzt und damit ein Problem war. Denn: „Im heutigen Profi-Sport ist das alleine eigentlich nicht zu händeln“, sagt Sebastian Glock. Vanja Radic, der wie Jungandreas die A-Lizenz besitzt und zudem noch die Ausbildung zum „EHF Master Coach“ abgeschlossen hat, ist also auf der einen Seite „eine Entlastung für Uwe“, führt der Manager des DRHV weiter aus. Auf der anderen Seite „können sich unsere Spieler so individuell noch besser entwickeln“. Und auch Jungandreas ist sich sicher: „Wir werden uns gut ergänzen.“

In den letzten Monaten hat Radic in Magdeburg die B-Junioren trainiert, nachdem er bis 2020 für die Youngsters in der 3. Liga zuständig war. Jetzt kehrt er also in den Männerbereich zurück und rückt - zumindest auf dem Papier - ins zweite Glied. Aber: „Das Wort Chef wird es zwischen uns nicht geben“, sagt Jungandreas, „das ist mir fremd in der Zusammenarbeit mit Leuten, mit denen ich auf Augenhöhe agiere. Es wird mehr ein Miteinander geben.“

Auch Vanja Radic sieht seine neue Rolle nicht als Rückschritt. Ganz im Gegenteil. „Es hängt nicht vom Namen der Rolle ab, sondern von den Aufgaben, die man hat“, findet er. In Magdeburg hat er unter Bundesliga-Coach Bennet Wiegert schon einmal in einer ähnlichen Rolle gearbeitet. „Ich weiß, was ich einbringen kann. Und ich bin sehr glücklich, dass ich von Uwe noch viel lernen kann.“ Um ihn dann vielleicht zu beerben?

Wenn Uwe Jungandreas’ neuer Vertrag 2024 ausläuft, könnte Radic nämlich sein Nachfolger werden. Das war in den Gesprächen zumindest schon einmal Thema, wie alle Beteiligten ganz offen gestehen. Jungandreas ist im Sommer 2024 62 Jahre alt, fast zehn Jahre DRHV-Trainer und generell schon 34 Jahre im Geschäft. „Was dann ist, darüber mache ich mir heute noch keine Gedanken“, sagt der Erfolgscoach zwar. Aber wirft auch noch ein: „Vielleicht wird ja dann Vanja mein Chef.“

DRHV will in Sachen Nachwuchsarbeit einen neuen Anfang nehmen

Es ist eine erstaunliche Langfristigkeit, mit der der DRHV mittlerweile plant. Und das im kurzweiligen Geschäft Profi-Sport. „Genau das ist es, was wir mit unserem langfristigen Projekt versuchen wollen aufzubrechen“, sagt Glock. Der Geschäftsführer hat selber erst im März einen neuen Vertrag bis 2024 unterschrieben. Zudem hat der Club ein Strategie-Papier entwickelt, das bis ins Jahr 2025 reicht. Eine Garantie auf Erfolg gibt es im Profi-Sport zwar bei aller Planung nicht, sagen Jungandreas und Glock. Doch: „Wir sind uns sicher, mit dem Personal die richtigen Schachzüge gemacht zu haben“, sagt der Manager.

Dazu gehört eben auch, dass Vanja Radic als Nachwuchskoordinator eine Jugendstruktur entwickeln soll, die - bei allem Respekt vor der aktuellen Arbeit - eines Zweitligisten auch würdig ist. „Uns ist bewusst, dass wir in den letzten Jahren im Nachwuchs nicht so präsent waren, wie wir uns das gewünscht haben“, sagt Vereinspräsident Hubert Ernst. Sebastian Glock geht sogar noch weiter: „Unser Konstrukt ist nicht gesund“, sagt er. „Wir haben eine Profi-Mannschaft, aber keinen Unterbau. Also müssen wir in den Nachwuchs investieren.“

Radic ist auch auf dem Gebiet sehr erfahren. Der 36-Jährige hat vor seiner Zeit in Magdeburg die Nachwuchsakademie von Dessau-Roßlaus Ligakonkurrenten Großwallstadt geleitet, zudem in Luxemburg im Nachwuchs gearbeitet. „Hier ist sehr viel Potenzial“, sagt Radic. Das mittelfristige Ziel des DRHV ist das Jugendzertifikat der Handball-Bundesliga, für das anspruchsvolle Kriterien erfüllt werden müssen. „Wir wollen schrittweise etwas aufbauen“, so Ernst. Dafür sollen auch die Vereine der Region Anhalt mit ins Boot geholt werden. „Nicht so, dass wir ihnen alles, was Talent hat, wegnehmen“, so Ernst, „sondern wir wollen uns gegenseitig helfen.“

Ach, und übrigens. Da die Geschichte ja mit dem Thema Anerkennung begonnen hat. Die beruht zwischen Uwe Jungandreas und Vanja Radic natürlich auf Gegenseitigkeit. Denn: „Uwe ist neben dem Vertrauen, das mir der Verein entgegenbringt, ein ausschlaggebender Grund, warum ich nach Dessau-Roßlau komme“, so Radic. „Er war der erste Mensch, den ich in Sachsen-Anhalt kennengelernt habe. Und schon damals war ich begeistert von seiner Offenheit und Ehrlichkeit, das hat mir imponiert.“