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Diskussion um „Dessau“Diskussion um "Dessau": Kritiker sprechen von Wortbruch und „Heiratsschwindel“

Dessau-Roßlau - Die Pläne für den neuen Stadtnamen „Dessau“ haben heftige Diskussionen ausgelöst. Befürworter und Gegner eines Bürgerentscheids stehen sich dabei nahezu unversöhnlich gegenüber.

Von Lisa Garn 13.06.2017, 06:51

Die Pläne für den neuen Stadtnamen „Dessau“ haben heftige Diskussionen ausgelöst. Befürworter und Gegner eines Bürgerentscheids stehen sich dabei nahezu unversöhnlich gegenüber.

Die einen sehen einen neuen Namen als Gewinn für beide Städte. Andere befürchten jedoch, dass es zu einer Spaltung kommt.

Gibt es bald einen Bürgerentscheid?

Vor dem Wochenende war durchgesickert, dass Stadträte am 21. Juni über einen Bürgerentscheid zum Stadtnamen abstimmen wollen.

Damit könnten Einwohner am Tag der Bundestagswahl entscheiden, ob Dessau-Roßlau künftig nur noch Dessau heißt. In einem zweiten Schritt könnte der Zusatz „Bauhausstadt“ oder „Die Bauhausstadt“ folgen.

Befürworter hoffen auf besseres Image

„Wir haben in den vergangenen Jahren versäumt, für die Stadt ein Image aufzubauen und ihr ein Profil zu geben“, sagt Mirko Kirschner, Vorsitzender des Wirtschafts- und Industrieclubs Anhalt (WIC) in Dessau.

Die Vereinigung ist die treibende Kraft für eine Umbenennung, unterstützt von weiteren Vertretern der Wirtschaft. „Wenn wir sichtbarer und interessanter für Externe werden wollen, müssen wir bekannter werden und brauchen ein besseres Image.

Mit einem neuen Namen hätten wir mehr Strahlkraft.“ Dabei steht der WIC vor allem für den Namen „Bauhausstadt Dessau“ als Marke.

Umbenennung noch vor Bauhausjubiläum?

„Die Moderne der Bauhaus-Epoche spiegelt sich bis heute in der Stadt wieder, mit all ihren Umbrüchen und Wandlungen. Das müssen wir transportieren und identifizierbarer werden“, sagt Kirschner.

Eine Umbenennung müsse jetzt durchgezogen werden, wenn das Bauhausjubiläum 2019 genutzt werden soll. Der WIC will nun auch eine Informationskampagne zum Bürgerentscheid vorbereiten.

Kritik an der Umbenennung

Gerade in Roßlau stößt das Vorhaben allerdings auf heftigen Gegenwind. Schon seit Monaten wird um den Stadtnamen intensiv in den Stadtratsfraktionen diskutiert.

Das Thema ist heikel, so richtig anfassen wollte es all die Jahre niemand - vor allem, nachdem die Roßlauer in einer Unterschriftensammlung 2013 erbittert um die Beibehaltung des Doppelnamens gekämpft hatten.

Damals hatte es den letzten großen Vorstoß zur Umbenennung gegeben. Doch jetzt scheint eine Mehrheit der Stadträte einen Bürgerentscheid mitzutragen - fünf von sechs Fraktionen haben den Vorschlag befürwortet.

Eine klare Identität würde sich die Doppelstadt mit einer Umbenennung geben, sagt Stefan Hinrichs, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Dessau.

Roßlau ist wütend über das Vorhaben

„Wir setzen damit einen Anker. Ähnlich wie Wittenberg mit dem Reformationsjubiläum steht die Stadt für ein Thema, das vermarktet werden kann.“ Dafür müsse man jetzt den Mut haben - auch wenn in Roßlau die Kritik schon jetzt laut wird.

„Der Ärger ist nachvollziehbar. Am Ende ist es aber eine Abwägung: Was bringt die größeren Chancen und den größeren Gewinn für die gesamte Stadt?“

Doch in Roßlau kocht die Wut. Der Meinsdorfer SPD-Stadtrat Hans-Peter Dreibrodt spricht von „Heiratsschwindel“ und Verrat: „Der gemeinsame Stadtname war ein Versprechen, das nun nach zehn Jahren gebrochen wird.

Doppelname war ein Versprechen der Fusion

Die Fusion wäre ohne diese Zusage nie gekommen. Und der Name ist doch fast das einzige, was wir davon noch haben.“ Mit einem möglichen neuen Namen würde auch das mühsam gewachsene Identitätsgefühl zerstört. „Davon bleibt nun nichts mehr übrig. Das werden die Roßlauer auch nicht verzeihen.“

Dreibrodt beklagt aber auch, dass hinter verschlossenen Türen diskutiert worden sei, er selbst habe von der Beschlussvorlage erst am Freitag erfahren. „Ein Thema von so großer historischer Bedeutung hätte öffentlich in den Ausschüssen behandelt werden müssen. Das hier ist eine Nacht-und Nebelaktion.“

Bürger haben das letzte Wort

Der Roßlauer CDU-Stadtrat Hans-Joachim Mau sieht die Wunde wieder aufreißen, die mit der Fusion der beiden Städte entstanden war.

Er kritisiert, dass Bürger in der aktuellen Debatte nicht beteiligt wurden. „Nur Beteiligte aus Politik und Wirtschaft wussten davon. Mit Einwohnern hat keiner gesprochen.“

Daran ändere auch nichts, dass Bürger bei einer Abstimmung am 24. September das letzte Wort hätten. „Sie können nur mit Ja oder Nein stimmen, haben aber keine Chance, ihre Meinung zu sagen.

Roßlau hat weniger Einwohner als Dessau

So schafft man sich im eigenen Lager die schlechtesten Verbündeten.“ Zumal Roßlau bei einem Bürgerentscheid mit ungleichen Mitteln kämpfen müsse: Zwar könnten im September nur die Wahlberechtigten ihr Kreuz setzen, allerdings ist der Stadtteil mit rund 13.000 Einwohnern deutlich kleiner als Dessau mit etwa 70.000 Einwohnern. (mz)