Dessau-Roßlau

Dessau-Roßlau: Friedhofsstille legt sich über den Rosenhof

DESSAU/MZ. - "Mann, da bin ich schon erleichtert, dass im Haus keine Gewalt verübt wurde", berichtete am Dienstag der 23-jährige Manuel. Er gehörte am 21. Juni zu der Gruppe junger Männer, die den grausigen Fund in der 2. Etage vom Rosenhof gemacht hatten. Die Botschaft davon machte stadtweit die Runde. Auf der Straße, in der Schule oder in Behörden - die Leute nahmen sehr wohl Anteil am Geschehen in dem waldigen Viertel im Dessauer Norden, wollten über die Entwicklungen Informationen aus erster ...

Von SILVIA BÜRKMANN 12.07.2011, 17:56

"Mann, da bin ich schon erleichtert, dass im Haus keine Gewalt verübt wurde", berichtete am Dienstag der 23-jährige Manuel. Er gehörte am 21. Juni zu der Gruppe junger Männer, die den grausigen Fund in der 2. Etage vom Rosenhof gemacht hatten. Die Botschaft davon machte stadtweit die Runde. Auf der Straße, in der Schule oder in Behörden - die Leute nahmen sehr wohl Anteil am Geschehen in dem waldigen Viertel im Dessauer Norden, wollten über die Entwicklungen Informationen aus erster Hand.

Gewichen bei den Hausbewohnern ist inzwischen die nervliche Anspannung um den Mann, der immer den Briefkasten des Mieters leerte, den die Finder-Gruppe für den Toten hielt. Direkt angesprochen, wies sich der Mann vor den Fragenden aus. Mit dem Personalausweis. Er also ist der angemeldete Mieter und Briefkasten-Besitzer. Und quicklebendig.

Keine Gewalteinwirkung

Auf dem Schreibtisch der ermittelnden Staatsanwaltschaft werden nun die Vorgangsakten zugeklappt und die Ermittlungen eingestellt. Die Rechtsmedizin in Halle konnte den Toten als eine zweite, amtlich für den Rosenhof gemeldete Person identifizieren, "als einen 50-jährigen Mann, der nicht durch die Hand Dritter zu Tode kam", formuliert Oberstaatsanwalt Christian Preißner. Es lägen keine Anzeichen von Gewalteinwirkung vor.

Die Identifizierung hatte drei Wochen gedauert, da die Leiche bereits stark verwest war. Das Zeitfenster für den Todeszeitpunkt ist weit. "Ob drei, fünf oder sieben Monate, das wissen wir nicht genau." Zu viele Bedingungen wirkten ein. Preißner schließt nicht aus, dass der Tod bereits Ende 2010 oder Anfang 2011 eingetreten sein und der kalte Winter den Zerfall verzögert haben könnte.

Der Durchbruch bei der Identifizierung sei mit einem DNA-Abgleich gelungen. Von der in der Wohnung gemeldeten Person habe sich DNA-Material angefunden. Und das wies die entscheidende Anzahl übereinstimmender Merkmale zu einer der Leiche entnommenen Probe auf, die eine zweifelsfreie Identifizierung möglich machte. "Das verdanken wir der enormen Fortentwicklung der DNA-Untersuchungen in den letzten 20 Jahren", ist Preißner zufrieden, einen ungeklärten Todesfall geklärt zu haben. Der Leichnam könne jetzt ordentlich bestattet werden.

"Das ist schon traurig und schicksalhaft." Aber es komme so selten nicht vor: Ältere Leute, die allein und ohne soziale Kontakte zurückgezogen leben, sterben auch allein. Und werden nicht vermisst.

Derweil ist es ruhiger geworden rund um den Fundort des lange unerkannten und verwesten Mitmenschens. "Leider aber noch nicht sauberer", warten sowohl Manuel als auch seine 18-jährige Freundin Elina bislang vergeblich auf Wohnungseigentümer oder Vermieter. Das von der Polizei angebrachte amtliche Siegel sei längst abgelöst, die Wohnungstür stehe einen Spaltbreit offen. "Und daraus stinkt es immer noch", so der ein Stockwerk tiefer wohnende junge Mann, an dessen Wohnzimmerdecke sich die Absonderungen des Leichenzerfalls abzeichnet hatten.

Das städtische Amt für Gebäudemanagement als Vermieter konnte bislang die Wohnung noch nicht betreten. "Von der Polizei liegt noch keine offizielle Freigabe vor", sagt Stadtsprecher Carsten Sauer, dass daher die eingetretenen Schäden noch nicht beurteilt und die notwendigen Reparaturen noch nicht eingeleitet werden konnten. Eine Art von Friedhofsstille legt sich über den Rosenhof.

Keine Reaktion auf Missstände

Wie der an asthmatischen Beschwerden leidende Manuel verspürt auch Elina zunehmende Allergien, die sie auf die ungesunde Wohnumgebung zurückführt. "Die Leute, die hier wohnen müssen, können einem nur Leid tun, aber richtig kümmern tut sich doch keiner", sagt die junge, schmale Frau mit dem feuerroten Haarschopf traurig. Alles, was man im Fernsehen gezeigt bekomme über den sozialen Absturz von Hartz IV-Empfängern, das sei "gar nichts im Vergleich zu den Realitäten und Missständen im Rosenhof". Die beiden jungen Leute, Elina nach Abschluss des Berufsvorbereitungsjahres, Manuel nach dem Hauptschulabschluss auf der Abendschule, nehmen nach den Sommerferien jetzt eine nächste Etappe in Angriff. Sie wollen den Realschulabschluss, "um neuen Schwung aufnehmen zu können".