Dessau-Roßlau

Dessau-Roßlau: Feder seit einem halben Jahrhundert gespitzt

DESSAU/MZ. - Was? 50 Jahre schon? - Die Überraschung war Ursula Popp gelungen. Tatsächlich hatte keiner aus dem Literaturzirkel "Lyrik und Prosa" mit Popps Entdeckung gerechnet. Eher zufällig war der Dessauerin ein Beitrag von 1995 zu 35 Jahre Literaturzirkel in die Hände gefallen. Fast entschuldigend sagt Zirkelleiterin Ursula Hörig nun, dass ihr Feiern nicht so wichtig sind. Doch aus dem monatlichen Treffen der Zirkelmitglieder bei der Bürgerhilfe in der Törtener Straße wird nun eines, das etwas aus der üblichen Rolle fällt. Weil sofort die Gedanken in die Vergangenheit schweifen, aber auch in die Zukunft gelenkt ...

Von HEIDI THIEMANN 13.12.2010, 17:52

Was? 50 Jahre schon? - Die Überraschung war Ursula Popp gelungen. Tatsächlich hatte keiner aus dem Literaturzirkel "Lyrik und Prosa" mit Popps Entdeckung gerechnet. Eher zufällig war der Dessauerin ein Beitrag von 1995 zu 35 Jahre Literaturzirkel in die Hände gefallen. Fast entschuldigend sagt Zirkelleiterin Ursula Hörig nun, dass ihr Feiern nicht so wichtig sind. Doch aus dem monatlichen Treffen der Zirkelmitglieder bei der Bürgerhilfe in der Törtener Straße wird nun eines, das etwas aus der üblichen Rolle fällt. Weil sofort die Gedanken in die Vergangenheit schweifen, aber auch in die Zukunft gelenkt werden.

Ende der 50er Jahre war es, als durch die ehemalige DDR das Schlagwort vom "Bitterfeld Weg" die Runde machte. "Greif zur Feder, Kumpel" hieß es. 1960 gab es einen Literaturwettbewerb im Abus-Werk, der Zirkel Schreibender Arbeiter wurde aus der Taufe gehoben und von Schriftsteller Werner Steinberg geleitet. Der Germanist Werner Feudel und Manfred Richter übernahmen die Leitung danach. 1979 wurde sie in die Hände der Schriftstellerin Ursula Hörig gegeben. Mittlerweile war der Zirkel nach dem im Altai geborenen Schriftsteller und Regisseur Wassili Schukschin benannt. "Ich hatte von ihm noch nie zuvor gehört", lacht Hörig heute, doch dann sei sie von seinem Werk beeindruckt gewesen.

Als Hörig den Literaturzirkel übernahm, war das "widerstrebend, aber auf auf großes Bitten hin", erinnert sie sich. Bereut aber hat sie es in den über 30 Jahren nie. Früher wie heute, sagt sie, "bemühe ich mich, meine Arbeit zu machen, den Leuten etwas zu vermitteln". Lobhudelei aber gibt es nicht. Dass sie aber sowohl kritisch ist, als auch lobt, das schätzen die Zirkelmitglieder wie Heidrun Kligge oder Sigrid Lomsché sehr an ihr.

Zu Papier bringen die zur Zeit zwölf Zirkelmitglieder alles, was sie bewegt - in Lyrik und Prosa. "Nach der Wende waren vollkommen neue Themen aufgetaucht", sagt Hörig. "Was uns bis dahin bewegt hatte, das wurde verdrängt." Da wurden plötzlich nicht nur das Augenmerk auf Arbeitslosigkeit oder Begrüßungsgeld gelenkt, plötzlich gab es auch Dinge, mit denen sich die Zirkelmitglieder vorher nicht beschäftigen mussten: Wo treffen wir uns? Wo können wir unsere Werke veröffentlichen? Früher gab es den Patenbetrieb und Betriebszeitungen, die vieles druckten. All das gab es nun nicht mehr. Die Gemeinschaft ist dennoch geblieben. Über das Dessauer Kontaktbüro für Freie Kulturarbeit wurde die Basis erneuert. Anthologien wurden herausgegeben, auch ein Kalender gemeinsam mit dem Literaturkreis Wilhelm Müller und dem 1. Dessauer Mal- und Zeichenzirkel. Es gab viele Lesungen. Die neuen Werke zum Nikolaustag in der Buchhandlung Grosser vorzustellen, hatte Tradition. Auch in Coswig oder Zerbst fanden die Autoren ihr Publikum.

Die Veranstaltungen sind weniger geworden, aber sie sind doch auch wichtig für die Reflexion. Wie kommt das Geschriebene an? Erste Reflexionen freilich gibt es immer bei den Zirkel-Treffen. Die Kritiken seien sehr fruchtbringend, erzählt Heidrun Kligge. "Wenn ich nach Hause komme, dann setze ich mich gleich an den Computer." Und Ursula Popp schätzt den regelmäßigen Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten.

Manche der Zirkelmitglieder wie Sigrid Lomsché oder Sigrid Uhlig sind auch Mitglieder im Feien Deutschen Autorenverband. Zirkelleiterin Ursula Hörig freut das. Denn der gemeinsame Austausch sei wichtig. Uhlig beispielsweise leitet auch Kinderautoren an, außerdem bietet der Autorenverband Treffen von "Jung und Alt", um etwa schreibenden Studenten eine Plattform zu geben. Für Nachwuchs wird somit gesorgt.

Und gemeinsam gehen die Autoren auch auf Themensuche. 300 Jahre Kleinkühnau oder 800 Jahre Anhalt sind Jubiläen, bei denen sich der eine oder andere ganz sicher zu Wort melden wird.