Angst vor dem Wolf

Angst vor dem Wolf: Herde von Schäfer Klaus Altenkirch aus Dessau wird immer wieder angegriffen

Streetz - Inzwischen hat er über 30 Tiere verloren. Den Großteil der Schafe lässt er nun nachts im Stall.

Von Lisa Garn 25.10.2018, 13:07

Klaus Altenkirch ist nicht abergläubisch. Aber vielleicht hätte er diesen Satz nicht sagen sollen. An so etwas denkt er dann - jetzt, etwa eine Woche danach. „Dieses Jahr war kein Wolf da“, hatte der Schäfer am Abend noch zu seiner Frau gesagt.

Am nächsten Tag waren zehn Schafe tot. Mutmaßlich von Wölfen gerissen. Es ist das vierte Jahr in Folge, in dem der Streetzer Tiere durch Angriffe verliert. „Wenn das so weiter geht und noch mehr passiert, werde ich aufhören“, sagt der 67-Jährige.

Rund 300 Schafe besitzt der Streetzer Schäfer

Zuletzt fand Altenkirch am vorvergangenen Wochenende und am Montag darauf tote Tiere auf seinen Wiesen in und bei Streetz. Inzwischen hat sich die Zahl auf 13 erhöht, auch weil ein Tier an seinen schweren Verletzungen starb. Das Wolfskompetenzzentrum in Iden hat Proben mitgenommen. Diese werden an den Randbereichen der Bissstellen entnommen. „Die DNA wird jetzt ausgewertet. Dann wird sich zeigen, ob es ein Wolf war oder nicht“, erklärte ein Mitarbeiter am Montag.

Zweifel hat Altenkirch nicht: „Das waren Wölfe. Ich weiß, wie die Verletzungen aussehen.“ Rund 300 Schafe besitzt der Streetzer. Die meisten lässt er jetzt nur noch tagsüber auf die Weide und bringt sie abends in den Stall und die Koppel. „Ich kann sie auch nicht mehr an dieselbe Stelle bringen, an der es passiert ist. Die Schafe sind scheu geworden, rennen, wenn sie Hunde sehen. Sie haben Angst.“

Wolfskompetenzzentrum übernimmt die Schadensregulierung bei gerissenen Tieren

Und er selbst? „Nein, um mich nicht. Aber es ist nicht schön, was durch den Wolf passiert. Es ist ein grausamer Anblick. Und es ist auch ein finanzieller Verlust.“ Über 30 Tiere hat Altenkirch in den vergangenen Jahren verloren. Das Wolfskompetenzzentrum übernimmt die Schadensregulierung, 125 Euro für ein tragendes Tier, für andere 100. „Es ist nicht genug. Schafe leben fünf bis sechs Jahre, sie bringen jedes Jahr Lämmer. Und man hat sie ja auch groß gezogen.“

Im Moment fahre er jeden Tag „mit langem Hals“ zur Koppel. „Weil ich damit rechne, dass wieder welche getötet wurden. Ich will nicht noch mehr Tiere verlieren.“ Altenkirch hatte nach Angriffen in den vergangenen Jahren einen Elektrozaun, eine Art Netz, in 90 Zentimeter Höhe um die Weiden ziehen lassen. „Aber es gibt keinen absoluten Schutz. Selbst feststehende Zäune bringen nichts, da springen Wölfe drüber.“ Er habe lernen müssen, mit dem Wolf zu leben.

Um die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland werden kontroverse Debatten geführt

Altenkirch stammt aus Belzig, seit 1966 ist er Schäfer. Weil er als Kind bei seiner Tante auf dem Dorf jeden Tag Schafherden beobachten konnte. „Heute ist das ein aussterbender Beruf. Auch die Ansiedlung der Wölfe bringt Schäfer in Bedrängnis.“

Er weiß, dass der Wolf zu den streng geschützten Tierarten zählt. Um seine Rückkehr in Deutschland werden kontroverse Debatten geführt. Befürworter sehen das Tier als natürlichen Bewohner eines Ökosystems. Kritiker wie Landwirte und Jäger führen Attacken auf Tiere an und fordern, Wölfe zum Abschuss freizugeben.

Auch andere Schäfer, so Altenkirch, hätten inzwischen mehr Probleme mit Wolfsangriffen. Dieses Jahr sei ohnehin ein schwieriges gewesen: Die anhaltende Trockenheit hatte die Wiesen verdorren lassen, Altenkirch musste zukaufen. Er selbst bewirtschaftet zwar auch Land, doch statt normalerweise 250 Rundballen Heu gab es diesmal nur 70. „Ich werde meine Herde verkleinern, auf etwa 100 Tiere. Die bekomme ich auch in Notzeiten durch.“ Doch wenn noch mehr Schafe von Wölfen gerissen würden, dann sei für ihn komplett Schluss. „Man verliert die Lust. Wenn immer etwas passiert und man nie sicher sein kann.“ (mz)