Bis Jahresende ist eine Bewerbung möglichSport hilft behinderten Menschen gegen die Einsamkeit

Zum dritten Mal sollen engagierte Personen und Organisationen in Sachsen-Anhalt von der Stiftung Evangelische Jugendhilfe in Bernburg als „Friedensengel“ ausgezeichnet werden. Welche Bedeutung die Ehrung für eine Preisträgerin aus Köthen hat.

Von Torsten Adam 27.11.2022, 09:07
Sabine Elstermann, „Friedensengel“ des Jahres 2021, betreut zusammen mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang Max (links) in Köthen das erste Specialhockey-Team in den Neuen Bundesländern.
Sabine Elstermann, „Friedensengel“ des Jahres 2021, betreut zusammen mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang Max (links) in Köthen das erste Specialhockey-Team in den Neuen Bundesländern. (Foto: Torsten Adam)

Bernburg/Köthen/MZ - „Da hat uns überhaupt erstmals jemand wahrgenommen“, sagt Sabine Elstermann über ihre überraschende Ehrung als „Friedensengel 2021“. Die Stiftung Evangelische Jugendhilfe hatte die 57-jährige Mutter eines mit Down-Syndrom geborenen Jungen im vergangenen Jahr ins Rampenlicht gerückt, um ihr beispielhaftes ehrenamtliches Engagement zu würdigen.

Erstes Team im Osten Deutschlands

Sabine Elstermann ist in Köthen Trainerin des ersten Specialhockeyteams in den Neuen Bundesländern. In der vor vier Jahren gegründeten Mannschaft haben geistig behinderte Menschen über den Sport zusammengefunden. Die 14 Frauen und Männer sind zwischen 17 und 41 Jahre alt, wohnen überwiegend in Heimen in Köthen und Umgebung.

Große Vorfreude auf jedes Training

„Gäbe es Hockey nicht, wären die meisten sehr einsam“, sagt die Mitarbeiterin des Kreisjugendamtes Anhalt-Bitterfeld, die von ihren Kolleginnen als „Friedensengel“ vorgeschlagen wurde. Denn über die Beschäftigung in Werkstätten hinaus hätten Geistigbehinderte kaum Möglichkeiten, ihre Freizeit aktiv zu gestalten. Wie groß dieses Bedürfnis ist, stellt Sabine Elstermann immer wieder bei ihren Schützlingen fest. „Sie sind froh, mal aus den Heimen herauszukommen und was anderes zu erleben.“ Die Freude auf jeden Dienstag und Freitag sei riesig - dann ist Trainingszeit. Der gemeinsame Sport fördere Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit. Diese positive Entwicklung erlebe sie hautnah an ihrem Sohn Martin. „Er blüht jetzt, mit 33, richtig auf. Das ist wie ein Wunder“, sagt Sabine Elstermann.

Ein schöneres Leben

Als Martin mit dem Down-Syndrom geboren wurde, haderte sie mit dem Schicksal. „Das war erstmal ein Schock.“ Etwa drei Jahre habe sie gebraucht, um ihn zu verdauen - und dann die Behinderung ihres Sohnes als Chance zu begreifen. „Das Leben lebt sich schöner als Mutter eines ,Downies’.“ In der Retrospektive sagt Sabine Elstermann: „Das ist das schönste Geschenk des Himmels.“

Sprung in die Nationalmannschaft

Diese Lebensfreude überträgt die Köthenerin, die seit 45 Jahren selbst Hockey spielt, auf ihre Mannschaft. Jeder sei für den anderen da, zum Beispiel beim Binden der Schnürsenkel. Das gemeinsame Training hat die gehandicapten Sportler nicht nur als Mannschaft zusammengeschweißt. Damit einhergegangen ist ein Leistungssprung, der gar nicht im Vordergrund stand. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagt Sabine Elstermann. Mit Marcus Steffen, Jasmin Weichert und Alex Spannenkrebs sind vor wenigen Tagen gleich drei Spieler in die Nationalmannschaft berufen worden, um an den Special Olympic World Games 2023 in Berlin teilzunehmen. Die Wettkämpfe sind vergleichbar mit einer Weltmeisterschaft.

Preisgeld statt Sponsor

Auf dem Weg in die deutsche Leistungsspitze hat auch das von der Stiftung Evangelische Jugendhilfe ausgelobte Preisgeld geholfen. Sabine Elstermann finanziert mit den 5.000 Euro die Fahrt zu Turnieren, zu Lehrgängen der Nationalmannschaft an der Sporthochschule Köln, gemeinsame Mannschaftsabende im Kino oder beim Grillen. Denn solche Aktivitäten finanziere kein Sozialamt. Auch Sponsoren gebe es nicht, die das Team unterstützen würden.

Beispielgebend

Das beim Cöthener Hockey Club 02 integrierte Team hat inzwischen Nachahmer gefunden. Es ist Vorbild für eine in Braunschweig auf die Beine gestellte Mannschaft. „Und in Leipzig will sich jetzt auch ein Specialhockey-Team gründen“, weiß Sabine Elstermann und freut sich über die wachsende Konkurrenz, die die Möglichkeit zu mehr Wettkämpfen eröffnet.

Uns hat der Preis wahnsinnig geholfen.

Sabine Elstermann

„Uns hat der Preis wahnsinnig geholfen“, bilanziert die 57-Jährige. Sie rät allen Ehrenamtlichen, sich an der neuen „Friedensengel“-Ausschreibung zu beteiligen und bis Jahresende Bewerbungen einzureichen. „Das Ehrenamt verdient diese Anerkennung. Vieles werde als selbstverständlich genommen. Wenn jeder ein Stück von dem abgibt, was er besonders gut kann, würde es unserer Gesellschaft besser gehen“, sagt sie mit Überzeugung.

Der Frieden im Kleinen

Und mit der selben Überzeugung glaubt Klaus Roth, dass der Frieden im Kleinen beginnt. „Nur wer mit sich selbst Frieden hat, ist in der Lage, auch ein friedliches Umfeld zu schaffen. Ein schönes Ziel für das neue Jahr, Frieden schaffen! Kriege gibt es genug, Unruhe finden wir überall. Nehmen Sie sich einen kleinen Bereich vor, zum Beispiel auf der Arbeit, in der Familie, in Ihrem Ortsteil und seien Sie der Friedensengel“, schrieb der Vorstandsvorsitzende in seinem alljährlichen Weihnachtsbrief 2018 an die mehr als 1.300 Mitarbeiter der Stiftung - damals nicht ahnend, welche Bedeutung das Wort „Frieden“ angesichts des Ukraine-Kriegs in den vergangenen Monaten auch in Sachsen-Anhalt gewonnen hat. „Aus diesem Aufruf heraus entwickelten wir die Idee, diese ,Friedensengel’ mithilfe eines Preises tatsächlich sichtbar zu machen“, sagt Stiftungssprecherin Saskia Lotz.

Preisverleihung im Frühjahr

Zum dritten Mal verleiht die Stiftung Evangelische Jugendhilfe im Frühjahr 2023 in Bernburg den Engagement-Preis „Friedensengel“. Er wird in den drei Kategorien „Der unbekannte Friedensengel“, „Beispielhafte Initiative“ und „Öffentliches Wirken“ vergeben und ist jeweils mit einem Preisgeld von 5.000 Euro verbunden.

Online bewerben

Bis zum Einsendeschluss am 31. Dezember 2022 können von jedermann Menschen und Organisationen aus Sachsen-Anhalt geehrt werden, die in ihrer Arbeit Vorbild sind im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, Menschenrechte, Inklusion, soziale Gerechtigkeit, nachhaltigen Umgang mit der Umwelt, interkulturelle und interreligiöse Verständigung sowie zur Überwindung von Rassismus. Nominierungen von „Friedensengel“-Kandidaten sind über ein Online-Formular einzureichen auf www.friedensengel.stejh.de.

Bisherige Preisträger

Zur jüngsten Preisverleihung 2021 wurden Sabine Elstermann aus Köthen, der Verein zur Förderung krebskranker Kinder Halle und Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer ausgezeichnet. Bei der Premiere 2019 waren Thomas Baum aus Biendorf, Michael Marquardt aus Magdeburg und der MZ-Verein „Wir helfen“ die Preisträger.