Sense, Garben, Puppen

Sense, Garben, Puppen: Hochschule zeigt Getreideernte wie vor 100 Jahren

Strenzfeld - Mitarbeiter der Hochschule Anhalt zeigen Ernte-Technik von früher und heute. Dies ist bald auch als Video zu sehen.

Von Susanne Schlaikier 24.07.2020, 09:56

Mit Schwung holt Roland Uebrig aus und schneidet mit der Sense gekonnt die Getreidehalme ab. „Das ist Technik, die begeistert“, sagt Dieter Orzessek, ehemaliger Präsident der Hochschule Anhalt und noch immer als Professor im Ruhestand tätig.

Es ist nicht das erste Mal, das Hochschul-Mitarbeiter Roland Uebrig eine Sense in der Hand hält. Das sieht selbst der Laie sofort. Und auch wenn es längst fortschrittlichere Methoden zum Ernten gibt, so hat Uebrig sichtlich Spaß daran. „Es ist auch so ein bisschen wie ein Hobby“, sagt er.

Uebrig hat schon mehrfach als so genannter Schnitter bei der historischen Ernte auf dem Feld in Strenzfeld geholfen, die stets vor dem Historischen Erntefest stattfindet. Nur ist dieses Mal auch eine Kamera ganz nah dran, die das Ganze filmt, während Dieter Orzessek die einzelnen Schritte kommentiert.

Weil 2020 kein Erntefest stattfindet, werden historische Erntetechniken demonstriert

Denn in diesem Jahr wird es wegen der Corona-Pandemie kein Erntefest geben. Aber dafür ein Video, das über Youtube zu sehen sein wird und die Landwirtschaft damals und heute zeigen soll. „Es gibt viele Interessenten“, weiß Orzessek. Und damit das Erntefest, das 2021 wieder stattfinden soll, im Gedächtnis bleibt, sei man auf die Idee mit dem Video gekommen.

Während also Roland Uebrig das Getreide mit der Sense mäht, wird es von fünf Frauen gerafft und zu Garben gebunden. Genauso wie es vor etwa 100 Jahren üblich war. Gedroschen wurde das Getreide später.

„Das war früher ein großes Ereignis, wenn Drusch war“, weiß Dieter Orzessek. Es habe in den Dörfern einen großen Druschplatz gegeben, zu dem jeder Bauer sein Getreide brachte. War einer fertig, musste er schnell den Platz räumen, denn der nächste war an der Reihe.

Die Garben werden zum Nachreifen zu Puppen aufgestellt

Nach dem Binden werden die Garben zu Puppen aufgestellt. Das habe man so gemacht, wenn das Getreide noch nicht ganz reif war, erläutert Orzessek. Und damit das auch so authentisch wie möglich aussieht, hatte der Professor im Ruhestand zuvor extra in einem Buch von 1922 nachgelesen.

Das Getreide in Strenzfeld wird aber nicht nur zu Anschauungszwecken angebaut, sondern tatsächlich auch für die Forschung verwendet. Auf 1.400 Einzelparzellen werden ganz unterschiedliche Getreidearten angebaut, darunter herkömmliche wie Weizen, Roggen, Gerste und Hafer. Aber auch alte Sorten wie Zweikorn (Emmer) oder Einkorn.

„Und zum ersten Mal haben wir auch Quinoa angebaut“, sagt Orzessek. In jüngster Vergangenheit hatte es auch schon Versuche mit Soja gegeben. Denn nach den langen und trockenen Sommern zuletzt würden auch Sorten probiert, die trotz Dürre gedeihen.

Nachdem das erste Getreide mit der Sense geerntet ist, kommt ein historischer Mähbinder aus den 1930er Jahren zum Einsatz, was seinerzeit schon ein Fortschritt war. Gezogen wird er von einem Lanz Bulldog, der mit lautem Tuckern über das Feld fährt.

Nach der Ernte mit der Sense kommt ein Mähbinder aus den 1930er Jahren zum Einsatz

Das Getreide wird vom Mähbinder abgeschnitten und zu Garben gebündelt. Schließlich setzt Carlo List von den Oldtimerfreunden aus Atzendorf einen Mähdrescher E175 aus dem Jahr 1964 in Gang. List lenkt das restaurierte Fahrzeug routiniert über die Parzelle.

Das drei Meter breite Schneidwerk schneidet viele Getreidehalme zugleich ab - und ist damit natürlich viel effektiver als Sense und Mähbinder. Gleichwohl ist das noch nichts im Vergleich zu dem modernen, etwa zwei Jahre alten Claas-Mähdrescher, der abschließend vorgeführt wird.

In dieser Zeit haben die Landfrauen das Getreide auf einen historischen Wagen geworfen, der später wiederum vom Lanz Bulldog abgeholt wird. Nach der Arbeit gibt es für alle Beteiligten noch einen herzhaften Imbiss mit Fettbemme und Wasser, ähnlich wie anno dazumal.

Nach der Ernte gibt es für alle Beteiligten einen Imbiss mit Fettbemme und Wasser

Mit den Aufnahmen auf dem Feld ist das Video aber nicht fertig. Am 28. August soll es noch einen Ernte-Korso auf der Strenzfelder Allee geben - so, wie alljährlich zum Erntefest. Nur wird der eben dieses Jahr kleiner ausfallen und ohne Publikum sein.

Es wird aber wieder gefilmt. Anschließend, so kündigt Dieter Orzessek an, wird es eine Vesper-Tafel in der Scheune geben. Das Ergebnis der Video-Aufnahmen soll voraussichtlich Ende August für alle an der Landwirtschaft Interessierten zu sehen sein. (mz)