1.700 Kilometer

Über Aschersleben nach Hettstedt: Ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit führt durch Region

Aschersleben - „Wir setzen uns für Klimagerechtigkeit ein und die sozialverträgliche Ablösung der Braunkohle in Deutschland, dass die Arbeitsplätze ersetzt werden“, sagt Wolfgang Löbnitz, der aus Hamburg stammt.

Von Regine Lotzmann 16.10.2018, 09:57

Ungewöhnlich ist der Anblick schon: Es ist ein ganzer Trupp mit Wanderschuhen an den Füßen und Plakaten in der Hand, mit Fähnchen und Rucksäcken. Dass diese auffällige Pilgergruppe, die für den Klimaschutz wirbt, nun gerade mit dem Zug in Aschersleben ankommt, ist allerdings mehr ein Zufall.

Und die Ausnahme. „Das war schlechte Planung“, gibt Wolfgang Löbnitz zu und spricht von einer viel zu langen Tages-Etappe. „Die hätten wir nie geschafft“, pflichtet ihm Anton Fiege bei, der mit den anderen Pilgern, die aus ganz Deutschland stammen, am Sonntagabend in Gatersleben angekommen ist und nun mit ihnen von Aschersleben weiter nach Hettstedt laufen will.

Von Aschersleben zu Fuß nach Hettstedt

„Es ist das erste Mal, dass wir mit dem Zug gefahren sind“, sagt auch Wolfgang Eber. Ansonsten ist die Gruppe auf dem ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit zu Fuß unterwegs: von Bonn nach Katowice, also vom Tagungsort der UN-Klimakonferenz im vergangenen Jahr zum aktuellen. 1.700 Kilometer.

Ein Vierteljahr. 80 Tagestouren sind dafür eingeplant, unterbrochen von zwölf Workshoptagen - darunter am vergangenen Wochenende in Quedlinburg und am kommenden Freitag in Halle. Ein Pilgerweg, der durch drei Braunkohlegebiete führt, durch das Rheinische, das Mitteldeutsche und Lausitzer Braunkohlerevier.

An 80 Tagen wird gewandert, an zwölf Tage wird beraten

Mit Düsseldorf, Hannover, Dresden und Potsdam auch durch vier Landeshauptstädte. Und durch Berlin, wo die Pilger der Regierung ihre Forderungen überreichen wollen.

„Wir setzen uns für Klimagerechtigkeit ein und die sozialverträgliche Ablösung der Braunkohle in Deutschland, dass die Arbeitsplätze ersetzt werden“, sagt Wolfgang Löbnitz, der aus Hamburg stammt. Wieso er das tut? „Weil wir auf Kosten der Menschen leben, die gar nichts zum Klimawandel beigetragen haben“, denkt er an kommende Generationen.

„Wir wollen das einfach ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken, weil es in der Politik kaum eine Rolle spielt“, sagt auch Wolfgang Eber von der Schwäbischen Alb.

35 bis 30 Kilometer legen die Pilger pro Tag zurück

Dafür haben die Pilger verschiedener Konfessionen ein mehrdeutiges „Geht doch!“ auf ihre Plakate geschrieben. Geht doch, weil Klimaschutz möglich ist. Und weil sie durch ihren Fußmarsch darauf aufmerksam machen wollen. „Etwa 25 Kilometer sind wir im Schnitt täglich unterwegs - das längste waren mal 33 Kilometer“, sagt Eber, der eine grüne Fahne trägt.

Die ist - wie passend - ganz spartanisch an einem Ast festgebunden, denn sie soll auf den Hambacher Forst aufmerksam machen, der dem Braunkohleabbau weichen soll. Auch dort war die Pilgertruppe und hat demonstriert. „Seit sechs Wochen sind wir schon unterwegs und haben vielleicht die Hälfte des Weges geschafft“, rechnet Eber vor, der sich selbst Wolfgang, der Dritte nennt.

„Weil es hier so viele Wolfgangs gibt“, sagt er lachend. Die Teilnehmer des Pilgerweges kommen aus dem ganzen Land. Quer durch alle Berufsgruppen. „Wir sind zum Beispiel Kirchenvertreter, Pensionäre und ganz viele Ingenieure.“ „Ich bin mit 73 der Älteste“, sagt Martin Michalski, der aus der Nähe von Rosenheim stammt.

„Überall geht bei uns das Wasser zurück”

Er könne die Klimaveränderungen auch in seiner Heimat spüren, begründet er, warum er mitpilgert. „Überall geht bei uns das Wasser zurück, das ist schlimm“, nennt er als Beispiel den Chiemsee. Unterwegs verteilen die Pilger deshalb Flyer und kommen abends mit den Kirchengemeinden ins Gespräch, bei denen sie übernachten.

In Katowice, wo die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens verhandelt werden soll, werden die Deutschen am 3. Dezember erwartet, wo sie während der Weltklimakonferenz mit Pilgern aus der ganzen Welt zusammentreffen. Dort wollen sie ihren Forderungen zum Ausstieg aus den fossilen Energien Nachdruck verleihen.

(mz)