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Alternative BestattungPodiumsdiskussion in Aschersleben über Reerdigung als Bestattungsmethode

Was wird aus dem Menschen nach dem Tod? Aschersleben strebt mit der Reerdigung die Möglichkeit einer alternativen Bestattung an. Ein Meinungsaustausch.

Von Kerstin Beier 14.11.2022, 08:00
Die Bestattungskultur ist in einem beständigen Wandel, Friedhöfe längst mehr als ein Ort der Trauer.
Die Bestattungskultur ist in einem beständigen Wandel, Friedhöfe längst mehr als ein Ort der Trauer. (Foto: Frank Gehrmann)

Aschersleben/MZ - Eine Podiumsdiskussion zum Thema Reerdigung? Also zum sensiblen Bereich des menschlichen Lebensendes? Warum eigentlich nicht? Das Thema betrifft jeden, und Aschersleben könnte zu einem Vorreiter werden, wenn es um diese alternative Form der Erdbestattung geht. Auf dem Friedhof in Aschersleben wird der Bau einer Reerdigungskapelle, eines Alvariums, angestrebt.

Bereits vor einem Jahr hat der Stadtrat beschlossen, die Möglichkeit der Reerdigung in die Friedhofssatzung aufzunehmen. Und steht dabei im Moment noch im Dissens zum Bestattungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Eine Novelle ist geplant, aber noch ist ungewiss, ob der Gesetzgeber die Bestattungsart zulassen wird.

Meinungsaustausch über Reerdigung bei Podiumsdiskussion im Ascherslebener Bestehornhaus

Die Podiumsdiskussion im Bestehornhaus diente dem Meinungsaustausch. Und auch dem Austausch von Erfahrungen, denn eingeladen war unter anderen Pablo Metz, Gründer der Firma „Meine Erde“ in Berlin, die die ersten Reerdigungen bereits durchgeführt hat. In Schleswig-Holstein ist die alternative Bestattungsform seit Februar möglich, Berlin und Sachsen stehen kurz davor.

Weitere Gesprächspartner waren André Könnecke, Vorsitzender des Verbandes der Friedhofsverwalter Deutschlands und als Chef des Bauwirtschaftshofes Betreiber des Ascherslebener Friedhofs, CDU-Landtagsabgeordneter und bekennender Christ Tobias Krull sowie Wolfgang Ruland, Obermeister der Bestatterinnung Sachsen-Anhalt. Zudem ist er einer der Geschäftsführer des Krematoriums in Schönebeck. Moderiert wurde die Veranstaltung von Trauerrednerin Anika Klotzbücher.

Im Podium von links:  Bauhof-Leiter André  Könnecke, CDU-Landtagsmitglied Tobias Krull, Moderatorin Anika Klotzbücher, Obermeister der Bestatterinnung Sachsen-Anhalts Wolfgang Ruland, Firmengründer Pablo Metz.
Im Podium von links: Bauhof-Leiter André Könnecke, CDU-Landtagsmitglied Tobias Krull, Moderatorin Anika Klotzbücher, Obermeister der Bestatterinnung Sachsen-Anhalts Wolfgang Ruland, Firmengründer Pablo Metz.
(Foto: Kerstin Beier)

Oberbürgermeister Steffen Amme, der die Veranstaltung eröffnete, befürwortet die Alternative als klimafreundliche Bestattungsart, die keine fossilen Brennstoffe braucht und seiner Meinung nach im Einklang mit dem Bestattungsgesetz und auch mit den christlichen Traditionen unserer Kultur steht.

Mit dieser Einschätzung folgt er den Argumenten von Pablo Metz. Dessen Meinung nach sind mit einer Reerdigung alle wesentlichen Bedingungen des Bestattungsgesetzes erfüllt. Beispielhaft nennt er die Einhaltung der Totenruhe, den Friedhofszwang als Bestattungsort, den pietätvollen Umgang mit dem Verstorbenen. Im Prinzip sei die Reerdigung lediglich eine Form der Erdbestattung.

André Könnecke stellt in seiner täglichen Arbeit fest, dass die Menschen „auch im Tod individueller behandelt werden wollen“. Diesem Wunsch versuche man mit vielfältigen Grabarten gerecht zu werden. Die Idee der Reerdigung passe zudem genau ins Konzept der Kreislaufwirtschaft, die Aschersleben auf die Tagesordnung gesetzt hat.

Reerdigung als Bestattungsmethode laut Gesetz nicht zulässig

Tobias Krull ist ebenfalls der Meinung, dass es neue Angebote braucht und widerspricht damit einer Stellungnahme des zuständigen Ministeriums, das die Reerdigung nach den geltenden Gesetzen für nicht zulässig hält. Aber: Eine Überarbeitung des Gesetzes sei in Arbeit.

Das klare Ziel aller laufenden Diskussionen sei es, „innerhalb der nächsten zwölf Monate Rechtssicherheit zu haben.“ Danach gefragt, wie die Kirche dazu steht, meint er, es sei schwierig, von „der Kirche“ zu sprechen. „Für mich und die meisten Christen ist diese alternative Beerdigungsform vertretbar, aber es braucht Aufklärung.“

Wolfgang Ruland begrüßt im Grunde eine weitere alternative Möglichkeit zur Einäscherung, die derzeit mit 90 Prozent die verbreitetste Bestattungsform in Sachsen-Anhalt ist. Er widerspricht in der Diskussion jedoch dem Eindruck, die Krematorien seien wahre Dreckschleudern. Er verweist auf modernste Filtertechnik und hohe Umweltstandards. Überdies würde es heute schon Krematorien geben, die ohne Erdgas auskommen. Er denkt, dass die Reerdigung mittelfristig ein „Nischenprodukt“ bleiben wird.

Viel Zuspruch und ein klarer Wunsch an den Landtagsvertreter ist aus dem Publikum zu hören. „Die Thüringer haben es uns vor 150 Jahren vorgemacht“, spricht Holger Dietrich die ersten Einäscherungen an. „Wir Sachsen-Anhalter sollten es noch ein bisschen besser machen.“ Frank Hänsgen zollt allen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, Respekt. „Ich kann hier nichts Anstößiges erkennen und wünsche mir, dass es diese Möglichkeit alsbald geben wird.“