Tiger eingeschläfert im Zoo Aschersleben

„Das ist keine Entscheidung, die man leicht fällt“

Dietmar und Rita Reisky hatten Kimmy vor 12 Jahren mit der Flasche aufgezogen. Nach zwei Operationen ging es dem Weibchen schlecht.

Von Regine Lotzmann
Kimmy, Besucherliebling des Zoos, wird den Ascherslebenern fehlen. Für sie war der Tod der weißen Tigerin ein Schock. Foto: Frank Gehrmann

Aschersleben - Alexander Becks Stimme ist belegt. „Mir tut es leid. Aber für Kimmy war es das Beste“, sagt der Ascherslebener Zooleiter, als er über die Einschläferung der weißen Tigerin informiert. Der ersten, die jemals in einem ostdeutschen Zoo geboren wurde. Und schiebt hinterher: „Das ist keine Entscheidung, die man leicht fällt.“

Doch der zwölfjährigen Tigerdame ging es in den vergangenen Tagen immer schlechter. Erst Anfang letzter Woche lag sie stundenlang unter dem Messer. Ein faustgroßer Tumor wurde ihr aus der linken Schulter geholt, Muskeln, Gewebe und Haut anschließend in filigraner Feinarbeit Schicht für Schicht wieder zusammengenäht.

Am Montag nun wurde ein weiterer Eingriff nötig. „Ihr Zustand hatte sich in den vergangenen Tagen zunehmend verschlechtert“, sagt Matthias Poeschel, Leiter der für den Zoo zuständigen Aschersleber Kulturanstalt (Aka). Zudem hatte sich die weiße Tigerin die OP-Naht aufgeleckt. „Die Wunde wurde noch einmal versorgt und neu vernäht“, berichtet Poeschel von der jüngsten Operation und erzählt, dass - da Kimmy einmal in Narkose lag - auch ihre rechte Seite klinisch untersucht wurde.

„Um dem Tier weitere Leiden zu ersparen, hat sich der Zoo in Abstimmung mit dem Tierarzt für eine Einschläferung entschieden.“

Matthias Poeschel, Leiter der Aschersleber Kulturanstalt

Dabei habe der Tierarzt an mehreren Stellen abgestorbene Hautareale entdeckt. „Da es sich bei der Tumorwunde und diesen Hautbereichen um großflächige Veränderungen handelt, musste aus tierärztlicher Sicht leider eingeräumt werden, dass es kaum Genesungschancen gibt“, informiert der Aka-Leiter über das Ergebnis der besorgten Diskussion. Und meint: „Um dem Tier weitere Leiden zu ersparen, hat sich der Zoo in Abstimmung mit dem Tierarzt für eine Einschläferung entschieden.“

Dietmar und Rita Reisky, die Kimmy mit der Flasche aufgezogen und das kleine Fellknäuel ein halbes Jahr lang bei sich zuhause hatten, hatten diese Entwicklung bereits vorausgeahnt. Am Morgen sei ihr Mann, der jahrelang in Aschersleben der Zooleiter gewesen ist, noch bei der weißen Tigerin gewesen, berichtet Rita Reisky. „Da sie nicht fressen wollte, hatten wir die Hoffnung, durch eine ihr vertraute Person vielleicht etwas zu erreichen.“

Der ehemalige Zooleiter Dietmar Reisky und seine Frau haben Kimmy, die erste weiße Tigerin, die im Ascherslebener Zoo geboren wurde, mit der Flasche großgezogen.
Foto: Frank Gehrmann

Das kranke Tier hatte ihn erkannt und angepustet, eine für Tiger typische Begrüßung. „Doch es ging ihr schon sehr schlecht“, weiß Rita Reisky, die ebenfalls eng mit dem Zoo verbunden ist. Ihr Vater hatte die Einrichtung mit aufgebaut, sie selbst jahrelang das Dschungelcafé und den Zooförderverein geleitet. Auch ihr tut der Abschied weh.

„Natürlich sind wir sehr traurig, denn Kimmy war ja unser Baby. Doch das Wichtigste für uns war, dass sie sich nicht lange quälen musste“, kann auch sie die Entscheidung von Zooleitung und Tierarzt nachvollziehen.

„Kimmy“, erklärt Rita Reisky weiter, „war ein liebes Tier. Sie hatte ein sanftes Wesen.“ Und das, obwohl ihr Start ins Leben kein leichter war. Denn ihre Eltern Karim und Kiara hatten sie verstoßen - wie oft üblich beim allerersten Wurf. Dazu kamen Probleme mit Becken und Beinen. Doch in den sechs Monaten, in denen Kimmy bei ihnen lebte, habe sich eine intensive Beziehung entwickelt. „Und wenn wir sie später im Zoo besuchten, dann freute sie sich immer sehr.“

Doch nicht nur Reiskys lag die kleine Tigerdame am Herzen. „Sie hatte einen großen Fanclub“, weiß die Ziehmutter. „Unsere Ascherslebener haben immer großen Anteil an ihrer Entwicklung genommen.“ Von der Namensfindung bis hin zum Ausbau ihres Freigeheges.

Das erste Kennenlernen: Damit die weiße Tigerin Kimmy nicht alleine war, bekam sie mit Kalle vor Jahren einen Gefährten. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden.
Foto: Susanne Thon

Das weiß auch Gerhard Müller, der neue Leiter des Zoofördervereins. Für ihn war die Nachricht von Kimmys Tod ein Schock. Es sei, als hätte man ein Familienmitglied verloren, gesteht der Staßfurter, der eigentlich nur wegen der Tigerdame auf den Zoo aufmerksam geworden sei. „Kimmy war vom ersten Tag an eine Kämpferin, die ihren letzten Kampf nun leider verloren hat“, sagt er. „Es ist ihr sanftes Wesen, das sie ausgemacht hat und das uns allen nun fehlen wird.“

Sie sei immer ein Besuchermagnet gewesen, das Maskottchen des Zoos - als kleine Kimmy und als große Kimmy. Er weiß, dass sich viele Menschen in Aschersleben um sie sorgten, sie ihnen nun fehlen werde. Auch dem Förderverein, der ihr ganzes Leben begleitet und jetzt einen Nachruf für sie ins Netz gestellt hat. „Wir wissen, dass wir sie vermissen und nie vergessen werden.“

„Unsere Ascherslebener haben immer großen Anteil an ihrer Entwicklung genommen.“

Rita Reisky, Ziehmutter von Kimmy

Auch Steffen Fleischer, der Präsident des Ascherslebener Rotary Clubs, zeigt sich bestürzt. Die Rotarier hatten vor Jahren die Patenschaft über die weiße Tigerin übernommen und gerade erst vor wenigen Wochen eine weitere Spende überreicht. „Wir wollten den Zoo unterstützen, da er ein attraktiver Standort für Aschersleben und die Umgebung ist“, nennt Fleischer die Beweggründe dafür.

„Beim letzten Frühjahrsputz haben wir extra auch das Gelände rund um ihr Tigergehege sauber gemacht - da haben wir sie zum letzten Mal gesehen“, sagt der Präsident. Und bedauert: „Das war so ein tolles Tier.“

Trauern wird aber auch Kalle, der normalfarbige Bengaltiger, der Kimmy jahrelang ein treuer Begleiter und Spielgefährte war - und nun alleine leben wird. Kalle kam aus einem Privatzoo bei Prag nach Aschersleben. Damit die 2009 geborene weiße Tigerin, die durch ihre Behinderung in keinem anderen Zoo untergekommen wäre, einen Gefährten hat.

„Kalle wird sicher alleine bleiben“, überlegt Zooleiter Alexander Beck. Denn bei ihm handele es sich um einen Hybridtiger - eine Mischung aus verschiedenen Rassen. Eine Zusammenlegung mit Kimmys Vater Karim, dem nun einzigen weißen Tiger, der noch in Aschersleben lebt, wird es nicht geben. Auch nicht mit den sibirischen Tigern, die ein Geschwisterpaar seien. Das würde nicht gut gehen, ist sich Beck sicher, der auch keine Schnellschüsse mag. „Alles bleibt erst einmal beim Alten.“ (mz)