Interview zum Abschluss der Serie

Interview zum Abschluss der Serie: „Männer haben Angst“

Halle (Saale) - Es lohnt sich, einen Blick auf spezielle gesundheitliche Probleme des Mannes zu werfen. Das hat die Serie „Der gesunde Mann“ gezeigt. Zum Abschluss sprach Bärbel Böttcher mit der Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalts, Dr. Simone Heinemann-Meerz. Sie ist Kardiologin und praktiziert seit 1994 als niedergelassene Ärztin in einer ...

Es lohnt sich, einen Blick auf spezielle gesundheitliche Probleme des Mannes zu werfen. Das hat die Serie „Der gesunde Mann“ gezeigt. Zum Abschluss sprach Bärbel Böttcher mit der Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalts, Dr. Simone Heinemann-Meerz. Sie ist Kardiologin und praktiziert seit 1994 als niedergelassene Ärztin in einer Gemeinschaftspraxis.

Frau Dr. Heinemann-Meerz, haben Sie ein Herz für Männer?
Heinemann-Meerz: Natürlich. Als Ärztin habe ich ein Herz für alle meine Patienten.

Männer sind anders krank als Frauen. Stellen Sie das auch in Ihrer Sprechstunde fest?
Heinemann-Meerz: Ja. Männer gehen später zum Arzt. Aber nicht, weil sie hart im Nehmen sind, sondern weil sie Angst haben. Sie haben Angst vor den Untersuchungen. Und sie haben Angst vor dem Ergebnis. Andererseits sind Männer, wenn sie denn zum Arzt gehen, in der Beschreibung ihrer Symptome genauer. Sie erzählen direkter was ihnen fehlt. Bei Frauen fällt die Beschreibung blumiger aus. Sie kommen später zum Punkt. Aber das sind meine Beobachtungen. Ich weiß wirklich nicht, ob das repräsentativ ist.

Tatsache ist aber, dass Männer weniger gesundheitsbewusst sind.
Heinemann-Meerz: Die entsprechenden Statistiken belegen es: Männer trinken und rauchen mehr als Frauen. Sie sind Bewegungsmuffel. Und es haben auch mehr Männer Übergewicht. Allerdings würde ich da die Unterschiede zwischen Männern und Frauen gar nicht so herausstellen. Denn die ungesunde Lebensweise ist ein Problem, das in Sachsen-Anhalt sehr viele Menschen betrifft.

Sind nicht Frauen dennoch gesundheitsbewusster?
Heinemann-Meerz: Es stimmt schon, Frauen sind in den Familien die Schlüsselfiguren, wenn es um die Gesundheit geht. In der Regel sind sie es, die auf eine gesunde Ernährung achten, sie sorgen dafür, dass die Kinder geimpft werden und dass entsprechende Früherkennungsuntersuchungen wahrgenommen werden.

Sind Männer da vielleicht einfach sorgloser?
Heinemann-Meerz: Also, ich habe auch viele Männer als Patienten. Und die werden nicht vorgeführt, sondern kommen freiwillig - nämlich weil sie um ihre Gesundheit besorgt sind.

Und wie viele werden von ihren Frauen geschickt?
Heinemann-Meerz: Das weiß ich nicht. Allerdings kommen nicht wenige mit ihren Ehefrauen. Die erklären mir dann ganz genau, was dem Mann fehlt. Mitunter muss ich sie bremsen, weil ich das von dem Mann gern selbst hören würde. Aber dass die Frau den Medikamentenplan verwaltet, nach Nebenwirkungen fragt und sich alles ganz genau erklären lässt, das erlebe ich häufig.

Was ja nicht schlecht sein muss.
Heinemann-Meerz: Na ja, ich lege den Männern ans Herz, sich auch selber stärker darum zu kümmern. Wenn die Frau aus irgendeinem Grund ausfällt, dann wird es bei manchem Mann schwierig.

Männer gelten als Vorsorgemuffel. Früherkennungsuntersuchungen nehmen nur wenige in Anspruch. Müsste es da vielleicht mehr spezifische Angebote für Männer geben?
Heinemann-Meerz: Es gibt genügend Früherkennungsuntersuchungen. Manche sind geschlechtsspezifisch, andere nicht. Wobei vielen gar nicht klar ist, dass das keine Vorsorge ist. Es geht darum, eine Krankheit möglichst zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen, an dem sie noch gut zu behandeln ist.

Umso mehr stellt sich die Frage: Wie können Männer dazu gebracht werden, sich öfter untersuchen zu lassen?
Heinemann-Meerz: Aufklären, aufklären, aufklären und indem die MZ solche Beitragsreihen druckt :-).

Die Stiftung Männergesundheit kritisiert, dass die ambulanten Angebote in den neuen Bundesländern dem Mann nicht gerecht werden. Termine seien schwer zu vereinbaren, Sprechzeiten für den arbeitenden Mann ungünstig, Wartezimmer voll. Teilen Sie die Kritik der Stiftung?
Heinemann-Meerz: Überhaupt nicht. Also erstens betrifft das alles auch die Frauen. Der Ärztemangel macht sich hierzulande gerade in ländlichen Gebieten bereits bemerkbar. Zweitens sprechen wir über Früherkennungsuntersuchungen. Es besteht kein Krankheitsverdacht, also auch kein Termindruck. Und da kann doch langfristig ein Termin vereinbart werden, für den sich der Betreffende dann Zeit nimmt. Was anderes ist es bei einem ganz konkreten Verdacht. Da ist sogar in den neuen Bundesländern relativ schnell ein Termin zu bekommen.

Sie sprachen es schon an. Sachsen-Anhalt, ist bei vielen Krankheiten und Lastern trauriger Spitzenreiter. Woran liegt das?
Heinemann-Meerz: Das ist ein soziales Problem. Wir haben ein niedriges Beschäftigungsniveau mit vielen Langzeitarbeitslosen. Zudem ist das Bildungsniveau verbesserungsbedürftig. Wir haben beispielsweise die meisten Schulabbrecher. Hinzu kommt ein hohes Durchschnittsalter der Bevölkerung, das heißt, auch demografisch haben wir deutschlandweit die ungünstigste Situation. Das alles wirkt sich aus.

Ist da was mit gesundheitlicher Aufklärung zu machen?
Heinemann-Meerz: Einen 50- oder 60-Jährigen können sie in seinem Verhalten kaum noch erziehen. Das Allerwichtigste ist es, Kinder an das Thema Gesundheit in allen seinen Facetten heranzuführen. Meines Erachtens müsste es ein Schulfach Gesundheitserziehung geben. Dort könnten Schüler beispielsweise lernen, worauf beim Einkauf zu achten ist, was auf der Verpackung von Lebensmitteln angeschaut werden sollte. Ihnen könnte beigebracht werden, was Vitamine sind, welche es gibt, wo sie enthalten sind und wie sie behandelt werden müssen, damit sie beim Kochen nicht zerstört werden. Es gibt da unendlich viele Themen, die den Kindern nahegebracht werden sollten. Sicher - das kostet Geld. Aber diese Investition würde sich lohnen.

Im Kindesalter ist das erfolgversprechend. Und welche Angebote können denn den anderen gemacht werden?
Heinemann-Meerz: Wir sollten da die Kirche im Dorf lassen. Es handelt sich um erwachsene Menschen. Die können sie nicht missionieren, gesund zu leben. Einen 50- oder 60-Jährigen vom Fernseher und der Bierflasche wegzuholen, dass ist nun wirklich nicht die Aufgabe der Gesellschaft. Angebote gibt es ja - etwa von den Krankenkassen. Doch sie erreichen damit nur diejenigen, die auch Angebote haben wollen. Wer etwas für seine Gesundheit tun möchte, der hat viele Möglichkeiten, die auch nicht unbedingt viel Geld kosten. Diejenigen, die das nicht möchten, die erreichen sie auch nicht, wenn sie ihnen hinterherlaufen. Das kostet nur unnütz Geld. (mz)