Musiker VAUU

Wie der Berliner Musiker VAUU trotz Legasthenie Texte schreibt

Berlin - Der Berliner komponiert und schreibt Texte. Wie macht er das trotz Lese-Rechtschreib-Schwäche?

Von Iris Stein 07.05.2016, 16:42

Wie beschreibt man diesen Mann? Das kommt auf die Perspektive an. Höflich, zugewandt, sympathisch mag die Sicht derjenigen sein, die dem 28-Jährigen altersmäßig voraus sind beim Kennenlernen. Ein cooler Typ, offen, mit Selbstbewusstsein, das mögen seine Fans von ihm denken. Recht haben beide. Vincent Bauck, der sich VAUU nennt, ist Musiker. Und er ist auf vielerlei Weise außergewöhnlich, so viel steht fest. Das betrifft seinen Werdegang, die Musikrichtung, die er sich ausgesucht hat, seine Begabungen und Schwächen - und die Art, wie er damit umgeht.

Ein Übertalent, heißt es im Netz

Doch der Reihe nach: Der Berliner wird als Rapper, als Hip-Hop-Sänger bezeichnet. Ein Übertalent, heißt es von ihm im Netz. Er selber sagt: „Meine Musik geht eigentlich weit vom Hip-Hop weg, schon in Richtung Pop. Vieles, was ich mache, ist sehr melodisch und reicht über Sprechgesang hinaus.“ Das Ungewöhnliche: Eine musikalische Ausbildung hat er nie gemacht, zudem fand er erst spät zu seiner Leidenschaft. Und er muss auch noch mit einem Handicap zurechtkommen, das bei einer musikalischen Karriere gleich mehrfach hinderlich ist: VAUU ist Legastheniker.

Das Fremdwort bezeichnet eine angeborene Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), die den Erwerb geschriebener Sprache behindert. Dabei sind vor allem die Lesefertigkeiten eingeschränkt. Textverständnis, gelesene Worte wiederzuerkennen, korrekte Wortschreibung - das alles macht Legasthenikern Schwierigkeiten. Oft sind genetische Veranlagungen die Ursache dafür, außerdem Probleme mit der Verarbeitung von Informationen über das Sehen und Hören. Es liegt auf der Hand, dass damit das Schreiben von Texten und Noten - die ja mit Buchstaben bezeichnet werden - nicht eben eine einfache Sache ist, auch wenn eine LRS nichts mit der Intelligenz zu tun hat. Doch VAUU setzt noch einen drauf: Seit Jahresanfang ist er in einem Fernseh-Spot zu sehen, der für Akzeptanz und Toleranz gegenüber Legasthenikern auf sämtlichen RTL-Sendern wirbt.

Als Rapper Schwäche bekennen

Das muss man erst mal drauf haben: als Rapper unterwegs sein und zugleich Schwächen bekennen. Ausgerechnet in diesem Metier. Doch wer ihn in dieser Richtung anspricht, erntet lediglich Schulterzucken. Sich einschüchtern lassen, durch das Handicap behindert fühlen? Das ist VAUU in seinem ganzen Leben nicht passiert, vielmehr: Er hat es nie zugelassen. Und deshalb ist es für ihn nur folgerichtig, mit der Schwäche souverän umzugehen. „Meine Freunde wissen sowieso, was los ist“, sagt er, „mein Management weiß Bescheid und jede Freundin, der ich jemals eine SMS geschrieben habe, auch.“ Weil er aber weiß, dass nicht jeder so reagieren kann wie er, hat er sich für die Kampagne zur Verfügung gestellt.

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„Er ist ein Glücksfall“, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie (Rechenschwäche). Hilfe und Beratung will der Verband bieten, Mut und Zuversicht an die Betroffenen vermitteln, dass sie Menschen wie alle anderen sind, denen aus ihrer Schwäche keine beruflichen Nachteile erwachsen müssen. Die Defizite können zwar behandelt werden, verschwinden aber nie vollständig. Kein Grund, sich verstecken zu müssen. Genau deshalb gibt es die Fernseh-Kampagne zur LRS, die das ganze Jahr laufen wird. „Die Gesellschaft reduziert in Deutschland nur allzu oft Fähigkeiten eines Menschen auf die Rechtschreibkompetenz“, sagt Annette Höinghaus, „wir wollen zeigen, dass das kurzsichtig ist.“

LRS muss nicht einschränkend sein

Im täglichen Leben muss die LRS nicht zwangsläufig als Einschränkung wahrgenommen werden. „Es gibt Strategien, die den Alltag erleichtern“, erklärt VAUU, nennt Rechtschreib- und Worterkennungsprogramme für Computer, Smartphone und Co. Doch Probleme bleiben. „Noten kann ich nicht lesen“, sagt er, „ich schreibe intuitiv. Zum Beispiel merke ich mir den Ablauf der Tasten, wenn ich am Klavier eine Melodie entwickle. Die spiele ich dann ein, später folgen der Bass, das Schlagzeug, die Gitarren-Linie.“ Anfangs hat er auch für seine Texte Instrumentals aus dem Internet genutzt.

Texten fehlen Worte

Seinen Texten fehlen, wenn er sie aufgeschrieben hat, mitunter Buchstaben und Worte. Das merkt er nicht, „denn in meinen Augen sind sie ja richtig“. Doch er weiß sehr genau, was er sagen will, und findet mit Hilfe von Freunden Möglichkeiten der Korrektur. Obwohl er nach eigener Einschätzung eine ausgeprägt starke Rechtschreib-Schwäche hat, fühlt der junge Mann sein Leben dadurch nicht benachteiligt. „Klar“, schätzt der zwischen Kreuzberg und Schöneberg Aufgewachsene ein, „es gab ein paar Umwege. Musik gehörte zwar für mich immer dazu - von ABBA bis Zappa, das hörten meine Eltern -, doch ich habe erst spät entdeckt, dass ich das selbst machen will.“ Mit bald 30 ein Debüt-Album vorzulegen, das noch dazu „Heile Welt“ heißt, ist für einen wie ihn, der keine Ausbildung hat und auch schon als Tierpfleger und Barkeeper arbeitete, durchaus ungewöhnlich. Die Kritiken allerdings sind bisher positiv, und VAUU selbst fühlt sich angekommen.

Einen anderen Weg gegangen

Sein Handicap, sagt er, störe ihn im Alltag nicht. Selbstverständlich kann er lesen, mag Bücher wie beispielsweise Frank Schätzings „Der Schwarm“ - immerhin ein 1 000-Seiten-Wälzer - und lässt sich auch nicht beeindrucken, wenn er an schlechten Tagen beim laut Vorlesen Probleme bekommt. „Du bist gut, so wie du bist“, hat er für sich als Maxime gewählt und hält sich selbst für einen viel zu starken Charakter, um jemals unter Hänseleien gelitten zu haben. „Ich bin einen anderen Weg gegangen“, unterstreicht er und bekräftigt noch einmal, dass sein Leben nicht beeinträchtigt sei. Sich selbst gering zu schätzen, hält er für falsch. „Eine Schwäche hat die Gesellschaft aus der Legasthenie gemacht“, sagt er, „für mich war es niemals eine.“

Seine musikalischen Projekte sind für ihn viel wichtiger. Da ist der Film, der nächste Woche an den Start geht und für den er die Musik gemacht hat (siehe auch: „Filmmusik von Berliner Hip-Hopper“), und da ist auch der Wunsch nach einer Tour vor breiterem Publikum. „Orientiere dich an dem, wo du stark bist“, gibt er als Schlusssatz auf den Weg.