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Stiftung: Reiner Kunze arbeitet an einer Zeitzeugenstätte

Erlau - Dass sich Schriftsteller um ihren Nachlass sorgen, ist die Regel. Dass diese Sorge in ein haltbares öffentliches Projekt mündet, die Ausnahme. Ein allgemeines zeitgeschichtliches Interesse hilft dabei. Walter Kempowski gestaltete seinen Wohnsitz im niedersächsischen Nartum in ein Dichterhaus samt Begegnungsstätte um. Die Kulturstiftung Lübeck gründete 2002 ein Günter-Grass-Haus als Forschungsstätte zum Werk des ...

Von Christian Eger

Dass sich Schriftsteller um ihren Nachlass sorgen, ist die Regel. Dass diese Sorge in ein haltbares öffentliches Projekt mündet, die Ausnahme. Ein allgemeines zeitgeschichtliches Interesse hilft dabei. Walter Kempowski gestaltete seinen Wohnsitz im niedersächsischen Nartum in ein Dichterhaus samt Begegnungsstätte um. Die Kulturstiftung Lübeck gründete 2002 ein Günter-Grass-Haus als Forschungsstätte zum Werk des Literaturnobelpreisträgers.

Stiftung gegründet

Reiner Kunze wählt einen dritten Weg. Kein Dichterhaus, kein Begegnungsort, sondern eine in einem Ausstellungshaus untergebrachte zeithistorische Dokumentationsstätte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth gründete der Schriftsteller eine Stiftung, die nach ihrem Tod in ihrem Wohnhaus eine „Stätte der Zeitzeugenschaft“ und einen „Ort des Schönen“ einrichten soll. Um ost-west-deutsche Zeitzeugenschaft geht es dem Dichter der „sensiblen wege“. Und um das Schöne, aus dem er Kraft zog. Aus Kunst, Musik, Natur.

„Schönheit, neben der Freiheit meine größte Sorge“, wird Albert Camus in der Satzung der Stiftung zitiert. Die sammelt, was der 1933 im erzgebirgischen Oelsnitz geborene und 1977 aus der DDR getriebene Dichter den „Hintergrund der Bücher“ nennt. Dokumente, die Werke wie die Gedichtauswahl „brief mit blauem siegel“ (1973) - mit zwei nicht beworbenen, aber sofort vergriffenen Auflagen von jeweils 15 000 (!) Exemplaren die wahrscheinlich erfolgreichste Lyrik-Edition eines Autors in der DDR - oder den Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ (1976) erhellen, ein Grundbuch der oppositionellen DDR-Jugend. Dokumente also. Zeitzeugnisse. Und Kunst. Ein Kunze-Kosmos für die Nachwelt. Akten mit blauem Siegel. Zehn Jahre liegt die Gründung zurück. Was ist geschafft? Was zu erwarten?

Entscheidung gegen die DDR

Reiner Kunze lebt 350 Kilometer südlich vom thüringischen Greiz. Vor die Wahl gestellt, ins Gefängnis oder in den Westen zu gehen, entschied er sich gegen die DDR. Ausgerechnet Kunze, der Bergarbeitersohn, der mit 16 in die SED eingetreten war, Journalistik am „Roten Kloster“ studierte. Von 1959 an vollzog er die Abkehr: Partei-Austritt 1968, Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1976. Kunze ist der Ernstfall des deutsch-deutschen Dichters: im Osten verfolgt, im linksliberalen Westen bis nach 1990 geschmäht. Und das bei größter Leserschaft in Ost und West.

Seit fast 40 Jahren lebt der Büchnerpreisträger in Erlau bei Passau. Dort errichtete er 1982 ein Wohnhaus mit der Anschrift Am Sonnenhang. Ein in den Hang gebauter weißer Zweigeschosser mit Kupferdach, dessen mittige Einbuchtung die Konstruktion wie einen Vogel im Landeanflug wirken lässt.

Reiner Kunze öffnet die Haustür. Schwarzes kurzärmliges Sweatshirt, weiße Hose, weißes Haar. Seine Frau Elisabeth grüßt auf halber Treppe. Der Autor führt in sein Arbeitszimmer im Obergeschoss. Nicht einfach ein Studio, sondern ein Ausguck, ein Hochsitz. Vom Schreibtisch aus sieht man das glitzernde Donautal. Der Wald gegenüber ist Österreich, links der bayrische Forst, aus dem am Abend Nebel steigen. Man sitzt hier wie mitten im Wetter. Böhmen ist nah. Radfahrer am Fluss, auf dem die Ausflugsschiffe unter Schweizer Flagge gleiten. Bis wohin fahren die Schiffe? „Bis zum Schwarzen Meer“, sagt Kunze.

Bibliothek wird aufgelöst

Der Schreibtisch, das kastenförmige Ruhebett, die Grafiken, der wandhohe Schrank mit Klassik-CDs. Was bleibt? Nichts, sagt Kunze. „Das Haus wird neutralisiert.“ Er beginne schon, seine Bibliothek aufzulösen. Warum kein Museum? „Um Himmelswillen! Nichts weniger als das!“ Sich selbst ein Museum zu errichten, das sei ein „Unding“, „peinlich bis dorthinaus“. Keine Brille des Dichters, kein Bleistift werde hier zu sehen sein. Statt dessen 150 Quadratmeter Fakten und Kunst. Bisher 5 000 erfasste Objekte. Die Geschichte eines Werkes, seiner Leser, ihrer Zeit.

„Wenn wir einmal - also ziemlich bald - nicht mehr auf der Welt sein werden“, soll „bis ins Detail vorbreitetes“ Material vorliegen, aus dem sich die Ausstellungsmacher bedienen können. Es gibt grüne Mappen, für das, was bearbeitet ist. Und gelbe. Das sind die wenigsten. Kunze trägt grüne Mappen herbei. Material zu „Die wunderbaren Jahre“. Recherchen zu den Schicksalen tschechischer Autoren zwischen 1948 und 1990. Ein Dossier, das man sofort veröffentlichen könnte - von Kunze auf Klebezetteln mit handschriftlichen Kommentaren versehen.

Dazu Material von Lesern. Kunze zeigt den Brief eines jungen, 1960 in Leipzig hingerichteten DDR-Soldaten, der in den Westen geflohen und bei dem Versuch, seine Frau nachzuholen, in eine Falle geraten war. Der vor Vollstreckung des Todesurteils verfasste Abschiedsbrief wurde nie an die Familie gereicht. In den Stasi-Akten blieb er erhalten. Der Bruder des Toten übergab den Kunzes eine Kopie. In der heißt es: „Soeben habe ich erfahren, daß mein Todesurteil vollstreckt wird, ich habe nur noch wenige Minuten zu leben. Ich (...) hatte nicht einmal einen Rechtsanwalt für mein Gnadengesuch, für mich ist es unfassbar, daß es so etwas gibt.“ Der Soldat bittet um eine „letzte Ruhestätte in Westdeutschland“, denn „ich hatte mich ja mit meinem Leben für den Westen entschieden.“

1,5 Millionen Euro  gesammelt

Rund 1,5 Millionen Euro haben die Kunzes für die Stiftung gesammelt, der sie auch ihr Haus übereignet haben. Noch einmal so viel Geld ist notwendig. Hilfe in jeder Höhe. Alles wird registriert. Seit Jahren zum Beispiel erreichen die Kunzes monatlich 50 Euro aus dem sächsischen Frohburg. Seit 2012 ist das Haus baulich für seine Zukunft ertüchtigt, „so dass wir noch darin leben können“, sagt Reiner Kunze. Ein Balkon wurde geschlossen, der zum künftigen Rundgang gehört.

Befürchtet er nicht, dass das Haus zu weit ab liegen könnte? „Selbst wenn ich die Befürchtung hätte: Hier sind die Bücher entstanden“, sagt Reiner Kunze. „Die Leser kommen hierher.“ Und wer sich fragt, warum das Haus eines im Osten geborenen Dichters am Südzipfel Deutschlands steht, ist schon mitten in der Geschichte. (mz)

Informationen und Kontakt zur Reiner und Elisabeth-Kunze-Stiftung: www.reiner-kunze.com