„Tod am Meer“ machte ihn berühmt

Schriftsteller Werner Heiduczek ist tot

Halle (Saale) - Am Anfang war Graf Luckner, der flott fabulierende „Seeteufel“ des Kaiserreiches. Werner Heiduczeks Vater, der mit dem Telefonbücher zerreißenden Kapitän die Meere gekreuzt hatte, gab die Abenteuer gern zum Besten - zu Hause im oberschlesischen Hindenburg, dem heutigen Zabrze, wo die Familie des Bergarbeiters lebte. Der Sohn folgte dem häuslichen Seemannsgarn mit Hingabe. Märchenhaftes zog Werner an. Das stand für ihn fest: „Graf Luckner hat mich zum Poeten ...

Von Christian Eger 31.07.2019, 06:00

Am Anfang war Graf Luckner, der flott fabulierende „Seeteufel“ des Kaiserreiches. Werner Heiduczeks Vater, der mit dem Telefonbücher zerreißenden Kapitän die Meere gekreuzt hatte, gab die Abenteuer gern zum Besten - zu Hause im oberschlesischen Hindenburg, dem heutigen Zabrze, wo die Familie des Bergarbeiters lebte. Der Sohn folgte dem häuslichen Seemannsgarn mit Hingabe. Märchenhaftes zog Werner an. Das stand für ihn fest: „Graf Luckner hat mich zum Poeten gemacht.“

Ein Bekenntnis, das Werner Heiduczek 1998 bei einer Lesung im Marktschlösschen in Halle lieferte, das nicht nur die Stadt Luckners ist, sondern auch die des Schriftstellers war, der zu den namhaften Autoren im Osten gehörte.

Werner Heiduczek begann nach dem Krieg erst als Lehrer

1945 aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen, studierte der heimatvertriebene Neulehrer von 1946 bis 1949 in Halle Pädagogik und Germanistik, um - über die Station als Kreisschulrat in Merseburg - von 1955 bis 1959 als Deutsch- und Geschichtslehrer an der Kinder- und Jugendsportschule in Halle zu dienen.

Nach einem Schuleinsatz im bulgarischen Burgas war 1964 Schluss. Heiduczek wechselte von der Pädagogik zur Poesie. „Ich hatte von diesem ganzen Lehrerkram, von dem Funktionärsdasein die Nase voll“, sagte er 2016 der Leipziger Volkszeitung. „Ich wollte da raus, ich wollte schreiben.“

Auf das Funktionieren wollte Heiduczek aber noch nicht ganz verzichten, der als Nachkriegs-Mitglied der SPD 1946 in die zwangsfusionierte Staatspartei SED „gerutscht“ sei, wie er später darstellte. Überredet von dem als liberal gelten SED-Bezirks-Chef Horst Sindermann, wurde Heiduczek 1969 zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes des Bezirkes Halle gewählt.

Ein Fehler, wie sich zeigen sollte. „Ich lebte in dem Irrtum, es sei etwas anderes, als Schulrat dem Staat zu dienen oder ehrenamtlich eine Organisation zu leiten“, schrieb Heiduczek in seiner Autobiografie „Die Schatten meiner Toten“. Das ganze Hingezogensein hier, das halbe Hinsinken dort, ist ein Grundmotiv dieses Autorenlebens, das viele Jahre brauchte, um sich geistig-gesellschaftlich frei zu schreiben.

Werner Heiduczek gehörte zur Flakhelfer-Generation

Damit stand Werner Heiduczek nicht allein. Der Vater von drei Kindern, der bis 1972 in Halle lebte, bevor er nach Leipzig zog, gehörte zur sogenannten Flakhelfer-Generation, zu den Gläubigen der letzten Stunde. Wie Erich Loest, Hermann Kant und Günter de Bruyn ist Heiduczek 1926 geboren, ein Junge, der eigens von Breslau nach Berlin radelte, um endlich einmal einen Fliegerangriff zu erleben.

Es ist die Generation der nach 1945 abrupt von einem zum anderen Glauben gewechselten Kriegsjugend, zu der auch Christa Wolf gehörte, die 1961 in Halle als Lektorin auch für Heiduczek zuständig war. Der Kampf mit dem zweiten, bald als haltlos erkannten Glauben, forderte diese Generation ganz.

In Raten vollzog sich ein „Abschied von den Engeln“, um den Titel eines 1968 von Werner Heiduczek veröffentlichten Romans zu zitieren, eine um Realismus bemühte Ost-West-Geschichte, wie sie auch Christa Wolf mit „Der geteilte Himmel“ lieferte. Die Autorin war es, die Heiduczeks literarisches Debüt „Matthes und der Bürgermeister“ auf den Weg gebracht hatte, das 1961 in Halle als Schauspiel auf die Bühne kam unter dem sprechenden Titel „Leben, aber wie?“.

"Tod am Meer" macht Werner Heiduczek berühmt

Die Hauptfigur des bekanntesten Heiduczek-Romans „Tod am Meer“ gehört wie sein Verfasser dem Jahrgang 1926 an. Jablonski hatte sich vom Flakhelfer zum Neulehrer, Schulrat und schließlich zum Schriftsteller hin entwickelt. Erkrankt in Burgas, versucht er, sich Rechenschaft zu geben, seine Literatur erscheint ihm als Lüge.

„Besessenheit nach Wahrhaftigkeit“ treibt Jablonski um. Dass Heiduczek das Vergewaltigen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten erwähnte, brachte der zweiten Auflage des Buches auf Intervention des SU-Botschafters in Berlin, Pjotr Abrassimow, ein zeitweises Verbot ein. Zu Recht, wie Heiduczeks Kollege Dieter Noll („Die Abenteuer des Werner Holt“) befand. Er nannte das Buch gegenüber seinem Stasi-Führungsoffizier eine „Schandschwarte“.

Der Poetik der sanften Desillusionierung blieb Heiduczek treu. Die SED verließ er erst Mitte 1990, um in den 1990er Jahren eine öffentliche Neuentdeckung zu erfahren. Als regionaler Pate einer um Wahrhaftigkeit bemühten, für die Ambivalenzen des Alltags empfänglichen Literatur wurde der Autor in Mitteldeutschland gefeiert.

Sein eigenes Werk betrachtete der Autor, der mit dem Kinderbuch „Der kleine hässliche Vogel“ seinen größten Publikumserfolg erlebte, zuletzt eher skeptisch - bis auf die Märchen, mit denen er seinen Weg begonnen hatte. Am Sonntag ist Werner Heiduczek in Zwenkau bei Leipzig im Alter von 92 Jahren gestorben. (mz)