Rockhaus

Rockhaus: Als wären sie nie weg gewesen

leipzig/mz. - Klingt wie der Motor einer alten Jawa, was da in die Dunkelheit der Leipziger Theaterfabrik knattert. Zweitakt-Blubbern, das langsam anschwillt, bis das Licht hochfährt und die Band auf die Bühne stürmt. Die Musiker sind die alten, der erste Song ist nagelneu "Asche zu Asche, Staub zu Staub", singt Mike Kilian, der Anfang der 80er angetreten war, die Puhdys zu beerben. Und seine Band auflöste, als es nach dem Mauerfall so schien, dass auch das nicht reichen würde, von der Musik noch leben zu ...

Von steffen könau 04.03.2012, 17:45

Klingt wie der Motor einer alten Jawa, was da in die Dunkelheit der Leipziger Theaterfabrik knattert. Zweitakt-Blubbern, das langsam anschwillt, bis das Licht hochfährt und die Band auf die Bühne stürmt. Die Musiker sind die alten, der erste Song ist nagelneu "Asche zu Asche, Staub zu Staub", singt Mike Kilian, der Anfang der 80er angetreten war, die Puhdys zu beerben. Und seine Band auflöste, als es nach dem Mauerfall so schien, dass auch das nicht reichen würde, von der Musik noch leben zu können.

Fast zwei Jahrzehnte danach aber hat das Rockhaus wieder geöffnet. Es gibt ein neues Album und neue Fans, die mit grüner Punkfrisur in der ersten Reihe stehen. Kilian, der seinerzeit mit rosa Haaren zur ersten Rockhaus-Probe erschien, gibt vom ersten Moment an den Ton an. War das Comeback-Album "Positiv" noch ein tastender Versuch, zu schauen, was noch geht, ist das Berliner Quintett mit Schlagzeuger Heinz Haberstroh, Gitarrist Reinhard Petereit, Bassmann Reinhardt Repte und Keyboarder Carsten Beathoven Mohren sich seiner musikalischen Mittel auf dem aktuellen Werk "Treibstoff" wieder sicher. Selbstbewusst steht am Konzertanfang ein Block aus neuen Stücken. Zeitkritik im Hymnenzuschnitt: "Wir" kommentiert gallig den Hang der Deutschen, danach immer nicht dabei gewesen sein zu wollen, "Blutrot" analysiert die Versuchung, lieber in der Masse zu marschieren als selbst zu denken.

Musikalisch ist das Rockhaus, das Art Teenie-Band begann, später aber mit dem Album "I.L.D." das überzeugendste Rockmusikwerk der DDR-Geschichte lieferte, lockerer geworden. Weil alle Bandmitglieder während der langen Pause andere Projekte verfolgten, hat sich das Spektrum erweitert. Bei "Jahr" stellt sich Mike Kilian allein in den Scheinwerferkegel und singt nur zur akustischen Gitarre. Für "Universum" wechselt die gesamte Kapelle in den Unplugged-Modus und in der immer noch hochemotionalen Alkoholikerbeichte "Gefühle" untermalt eine einsame E-Gitarre Kilians Gesang.

Und natürlich sind es dann doch die Klassiker, bei denen die Begeisterungswellen im Publikum am höchsten schwappen. Nonsense-Nummer wie "Bleib cool" werden im Chor mitgesungen, bei Hits wie "Mich zu lieben" tanzt der ganze frühere Betriebskultursaal. Wie damals, als Rockmusik noch hehre Kunst sein wollte, darf Trommler Heinz Haberstroh ein zehnminütiges Schlagzeugsolo klopfen - inklusive Wechselgesang mit dem Publikum. Danach aber schnell zurück, es warten noch Klassiker auf ihre Auferstehung. Die schießen sie dann im halben Dutzend aus der Hüfte samt "Ohne Dich" und "Träume, Träume". Der Schweiß tropft, der Saal tobt. Zum Schluss, als fünfte Zugabe, selbstverständlich der Überhit "I.L.D.", ausgeschrieben "Ich liebe Dich". Eine Plattitüde, die in diesem Lied immer noch glaubhaft zu Pathos gerinnt. Der Junge mit dem grünen Irokesenschnitt jedenfalls hüpft, die ältere Dame neben ihm singt. Das Rockhaus ist neuerdings ein Mehrgenerationenbetrieb.