Geheimnis

Düster, düsterer, Isolation Berlin

Angst, Mobbing, Selbstfindung - das sind die Themen von Isolation Berlin. Rechtzeitig zum grauen Berliner Winter bringt die Band ein neues Album heraus, auf dem sie in Sachen Düsternis neue Maßstäbe setzt.

Von Lukas Dubro, dpa 06.10.2021, 17:05 • Aktualisiert: 24.10.2021, 12:19
Bei Isolation Berlin geht es um existenzielle Ängste.
Bei Isolation Berlin geht es um existenzielle Ängste. Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin - Nicht wenige dürften im Sportunterricht diese Erfahrung gemacht haben: Alle anderen werden vor einem selbst ins Team gewählt - und bis zum Schluss steht man an der Seitenlinie, hofft und bangt.

Was die Letztgewählten empfinden und was dies mit ihnen macht, darüber wird so gut wie nie gesprochen, geschweige denn gesungen. Doch zum Glück gibt es Isolation Berlin und ihren Sänger Tobias Bamborschke.

Die Berliner Rockband ist bekannt dafür, über Sachen zu singen, die alles andere als schön und angenehm sind. Auf ihrem neuen Album „Geheimnis“ legen die vier Musiker noch einen drauf.

Isolation Berlin hatten sich 2012 gegründet, die Band besteht neben Bamborschke, der auch Gitarre spielt, aus Max Bauer (Gitarre, Orgel), David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Schlagzeug). Der Sänger und Frontmann fasste das Konzept einmal so zusammen: „Im Prinzip hab' ich die Songs geschrieben, die ich hören wollte in meiner Situation, alle Songs waren mir nicht negativ genug.“

Auf ihrem dritten Album setzt die Band in Sachen Negativität und Düsternis neue Maßstäbe. „Geheimnis“ sei das „bisher schmerzvollste Album, das wirklich die ganz dunklen Themen anspricht. Die ganzen existenziellen Ängste“, sagt Bamborschke im Gespräch mit der Deutschen-Presse Agentur in Berlin. Es sei noch nackter, schonungsloser, näher, ungeschminkter.

Eines dieser „ganz dunklen Themen“: eben Mobbing im Schulsport. „Ich wünschte, alle wären tot, oder wenigstens ein bisschen netter“, singt Bamborschke in „Ich hasse Fußballspielen“. Beim Fußball gehe es auch darum, wer der beste Fußballer ist. Aber eben nicht nur. Es gehe auch um Sympathie. „Wer als letzter gewählt wird - das ist auch derselbe, neben dem keiner sitzen möchte.“ Bamborschke nennt die Schulzeit daher die „grausamste Zeit“.

Im Titelstück „Geheimnis“ geht es hingegen um negative Gedanken und Ängste, die um sich selber kreisen und einen aufzufressen drohen. In „(Ich will so sein wie) Nina Hagen“ ist die Selbstfindung in der Kindheit Thema.

Er habe noch nie so viele Texte nur für ein Album geschrieben, sagt Bamborschke. Die anderen Platten waren eher Sammlungen verschiedener Texte, die sich über die Zeit angesammelt hätten. „Dieses Album hat wirklich so eine Entwicklung. Es ist ein ganzes Leben.“

Er habe beim Schreiben die ganze Zeit an den Liedzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert denken müssen. Es gebe viele Rückblenden in die Schulzeit. „Das ganze Album beschäftigt sich mit den Schmerzen, die man erleiden muss, um zu wachsen“, sagt Bamborschke. Die Düsternis ist also nicht nur Selbstzweck - es geht auch um Erlösung.

Bamborschke nennt das neue Album das stimmigste von Isolation Berlin. Auch musikalisch: „Wir haben noch nie annähernd so viel Arbeit in die Musik gesteckt.“ Und das zahlt sich aus: Die Instrumente wechseln in jedem Song, sie verstärken die Texte. Mal ist die Stimmung bedrohlich, mal verträumt, mal traurig und leise.

Kein Zweifel: Wer Isolation Berlin in ihrer düstersten, also besten Form erleben möchte, muss „Geheimnis“ hören. Und wer danach noch weiterlesen möchte, für den gibt es Bamborschkes neuen Gedichtband „Schmetterling im Winter“, in dem sich ähnliche Abgründe auftun. Ab März geht die Band dann auf Tournee.