Mohn und Gedächtnis

Mohn und Gedächtnis: Was sind die Gründe des Antisemitismus?

Halle (Saale) - Wind, der den Klatschmohn zaust. Flächige, rote Blätter. Die Kamera rückt heran und vergrößert. Ein langsames, unaufdringliches Umkreisen. Spiel vor blauem Himmel. Eine Eröffnung ohne Worte.

Von Christian Eger
Roter Mohn: Symbolische Erinnerung an die Toten des Holocaust

Wind, der den Klatschmohn zaust. Flächige, rote Blätter. Die Kamera rückt heran und vergrößert. Ein langsames, unaufdringliches Umkreisen. Spiel vor blauem Himmel. Eine Eröffnung ohne Worte.

Die sind auch nicht notwendig. „Mohn und Gedächtnis“ ist der Titel eines der berühmtesten Gedichtbände der Zeit, 1952 veröffentlicht von Paul Celan. Ein Werk, das die „Todesfuge“ enthält, jenes um die Vernichtung der europäischen Juden kreisende Epochengedicht. Ein Buch, das Zeilen bietet wie: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Und: „wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“.

Adorno, Kertész, Hilbig

Der Mohn, das ist das Symbol für Traum, Schlaf und Tod, für das Unbewusste, das ins Bewusstsein getragen werden soll - wie es Celan versucht. Der Mohn ist auch die Blume der mit Gewalt Getöteten. Der Toten des Ersten Weltkrieges - und mit Celan der sechs Millionen von den Deutschen ermordeten Juden. Auch jener Juden, die heute wieder getötet und mit dem Tod bedroht werden.

Denn um die Gegenwart geht es immer wieder. Mit dem Blütenbild beginnt die Aufzeichnung eines dialogischen Sprech- und Leseprogramms in Sachen Antisemitismus, das der Schriftsteller Wilhelm Bartsch (70) und der Schauspieler Peer-Uwe Teska (65) nicht allein, aber vor allem für den Schuleinsatz arrangiert haben. Im Mai 2019 - Monate vor dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle - begannen die halleschen Künstler zum Thema zu recherchieren, das heißt, zu lesen, zu reisen, zu diskutieren. Unter dem Titel „Das antisemitische Virus - Sind wir befallen? Eine Selbstbefragung“ ist das Programm jetzt im Internet abrufbar: 80 Minuten auf YouTube.

Bartsch und Teska nehmen gesellschaftliche Motive des Antisemitismus in den Blick

Zwei Männer, zwei Lesepulte: Mehr braucht es nicht, um den Text- als Wortwechsel zu inszenieren, in Teilen von Filmbildern unterlegt. Kertész und Klüger, Adorno und Bataille: Es ist eine ausgesuchte Anthologie der Antisemitismus-Reflexionen, die zu Gehör gebracht wird. Was geschah und geschieht warum?

Bartsch und Teska leihen sich die Frage aus Brechts Nachkriegsgedicht „Ein Pferd klagt an (O Falladah, die du hangest!)“. Ein Pferd, das kurz zuvor noch gehegt und gepflegt wurde, wird von mit Messern herbeistürzenden Menschen bei lebendigem Leibe zerlegt: „Plötzlich waren sie wie ausgewechselt!“, wundert sich das Tier. „Ach, was war / mit ihnen geschehen? // Da fragte ich mich: Was für eine Kälte / Muß über die Leute gekommen sein!“

Völlig zu Recht nehmen Bartsch und Teska die gesellschaftlichen Motive des Antisemitismus in den Blick: ein zuerst aus sozialen Ängsten entsprungenes, dann kollektiv befeuertes Unbehagen; ein Sozialneid, der über staatliche Normierung und Kontrolle erst zum Ausschluss, dann zur Vernichtung des als Anderer identifizierten Mitmenschen führt. Der muss nicht immer Jude und der Verfolger nicht immer ein Nazi sein; die Übergänge sind ideologisch fließend, wie ein von dem Dichter Wolfgang Hilbig nach kurzer DDR-Haft 1978 verfasstes Gedicht zeigt, in dem es heißt: „schickt mein im gefängnis / abgeschnittenes haar nach auschwitz“.

Im stillen Wiesengrund

Das Programm ist stets dort am besten, wo es den Zuschauer überrascht. Wo es Bilder und Texte über Zeiten und Orte hinweg miteinander sprechen lässt. Vom deutschen Wiesengrund aus etwa, der als Name hinter dem W. des deutsch-jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno steht hin zu den Aschegruben bei den zerstörten Gaskammern von Auschwitz, in denen heute Wasser steht: idyllische Teiche zwischen Birken, gefilmt von Christoph Liedtke und Axel Kores.

Anders als der Titel verspricht, ist das von der Sparkasse finanzierte Programm mehr eine Text- als Selbstbefragung. Nicht immer ist sofort zu erkennen, ob ein Text zitiert oder selbst formuliert wird. Zuweilen gelangen die Texte in eine Überbietungs-Dramaturgie: noch einer, noch einer. Aber je länger man zuhört, um so schlüssiger wird das Gebotene, zeigen die Teile ein Ganzes.

Sieben Gebote

Auch wenn manchmal zuviel von Konzernen und „Nazis“ gesprochen wird, statt umstandslos „wir“ oder die Deutschen zu sagen (denn nie zuvor oder danach hatte eine deutsche Regierung eine so große Zustimmung aus der Bevölkerung wie die NS-Führung vor 1939), ringen Bartsch und Teska um Distanz zu einem wohlfeilen Anti-Antisemitismus, der blind ist für die eigene herrschaftliche Verstricktheit.

Sieben Gebote teilen die Künstler ihren Zuschauern mit, um den Antisemitismus einzuhegen. Drei biblische: Du sollst nicht stehlen, nicht lügen, nicht töten. Drei eigene: Du darfst einzelne Menschen, aber niemals Menschengruppen beschuldigen. Du bist nicht frei von den Fehlern, die du anderen vorwirfst. Du bist weder Gott noch allwissend. Siebtens: Verteidige die Gebote, wo du kannst. (mz)