Maite Kelly im Interview

Maite Kelly im Interview über männliche Groupies und ihren Glauben

Halle (Saale) - Vor noch gar nicht allzu langer Zeit haftete dem Schlager ein verstaubtes Image an. Heute kommt er frisch, modern und zukunftsorientiert daher - dank Sängerinnen wie Maite Kelly.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit haftete dem Schlager ein verstaubtes Image an. Heute kommt er frisch, modern und zukunftsorientiert daher - dank Sängerinnen wie Maite Kelly.

Ihre letzte Platte „Sieben Leben für dich“ hielt sich anderthalb Jahre ununterbrochen in den Media-Control-Charts und war nach Helene Fischers „Farbenspiel“ das am zweitlängsten platzierte Schlageralbum.

Mit dem aktuellen Nachfolger „Die Liebe siegt sowieso“ (Album bei Amazon kaufen) will die 38-Jährige eine positive und lebensbejahende Botschaft in die Welt hinausschicken. Olaf Neumann erfuhr von Maite Kelly, weshalb Schlager heilsam sind, warum sie nicht über Politik singt und wie sie als gläubige Katholikin mit Missbrauchsskandalen umgeht.

Frau Kelly, wie schreibt man authentische Liebeslieder mit hohem Gänsehautfaktor?
Maite Kelly: Indem man Erlebtes aufschreibt und vielleicht auch mal zulässt, den Schmerz zu spüren. „Heute Nacht für immer“ zum Beispiel ist nicht autobiografisch, aber ein sehr ehrlicher Song. Wenn man eine Beziehung eingeht, dann fängt es ja mit der ersten Nacht an. Das ist auch ein gewisses Risiko, man will ja den längsten One-Night-Stand der Welt. Ich habe bei der Platte nicht versucht, klug zu schreiben, jede Zeile kommt aus meinem Herzen und ich wollte Gänsehautworte. Ich wollte selber eine Gänsehaut, wenn ich sie singe.

Machen Sie CDs wie „Die Liebe siegt sowieso“, weil Sie sich nach einem Land mit mehr Liebe und Mitgefühl sehnen?
Ich habe in meinem Leben so viel Liebe erfahren, gerade auch in der Gemeinschaft. Ich gehe auf die 40 zu und bin am Ende der vielleicht ersten Hälfte meines Lebens. Wenn ich alle meine Höhen und Tiefen zusammenrechne, komme ich zu dem Schluss: Die Liebe siegt sowieso. Und zwar gegen alle Schwierigkeiten. Eigentlich wird ein Mensch wie ich kein Popstar, ich sehe ja nicht aus wie Cinderella. Das macht keinen Sinn. Ich bin aber der lebende Beweis, dass die Liebe siegt. Es gab immer dann doch einzelne verrückte Leute, die an mich geglaubt haben. Weil sie glaubten, dass ich gut schreiben kann und dass meine Worte gehört werden sollen. Ich empfinde dies als ein Geschenk.

Wie denken Sie über folgende Liebesweisheit: „Was du liebst, lass los. Kommt es zurück, ist es die wahre Liebe“?
Fragen Sie mich, ob ich wieder mit meinem Ex zusammen bin? Wir sind schon seit Januar geschieden, aber wir sind sehr gut auseinandergegangen. Als Eltern sind wir nach wie vor ein Team. Ein gutes. Dafür bin ich sehr dankbar. Wenn ich mit einer Trennungsmeldung in der Sendung von Bettina Böttinger einmalig nach außen gehe, dann ist das eine wohl überlegte Entscheidung. Mit der ich verantwortlich umgehe. Und wie ich es damals schon sagte: Manchmal heißt Lieben loslassen.

Nervt es Sie, dass Details aus Ihrem Privatleben sofort an die Öffentlichkeit gelangen?
Es sind ja keine privaten Details, sondern pure erfundene Geschichten! Das ist unethisch und eine Schande für das Berufsethos eines jeden Journalisten. Mein Vater sagte immer, der Dorfklatsch sei kein Problem, solange es nicht zu deiner Realität gehört. Mir tut es weh, wenn überall steht, ich sei schwanger von irgendeinem Schauspieler, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Dann muss ich meiner Tochter erklären, dass diese Zeitungen mit der Lüge Geld machen. Ich lass mich aber nicht davon abbringen, ihr ein Vorbild in allem zu sein. Ich versuche, so wahrhaftig wie möglich meine Menschlichkeit vorzuleben.

Dem Schlager wurde oft vorgeworfen, er besinge nur die heile Welt. Sie sind Vertreterin einer neuen Generation?
Ich komme von der Folklore. Die ist dramatisch. „Griechischer Wein“ ist Folklore. Ich bin in Spanien und in ganz Europa aufgewachsen und habe die Folklore gelebt. Wir wurden oft in TV-Shows eingeladen, wo ich die großen Persönlichkeiten des Schlagers kennenlernen durfte. Die hatten alle Ecken und Kanten und den Mut, über Tod, Verlust und sogar Erotik zu singen. Eine Verbindung zwischen Verstand und Herz. Und auch ich bin im Schlager zuhause. Deswegen gibt es bei mir auch keinen Jazz- oder Pop-Schlager, sondern einfach Schlager-Schlager. Als ich einmal auf der Hochzeit einer sehr guten Freundin aus einer Polizistenfamilie war, tanzten und sangen alle zu „Warum hast du nicht Nein gesagt“. Ich war gerührt vor Dankbarkeit und Freude. In dem Moment war mir klar, dass der Schlager mein Weg ist.

Warum dominieren Frauen die Schlagermusik?
Das ist momentan auch im Pop so. Wir haben Beyoncé oder Adele. Es gibt eine tolle neue Generation. Auch in den Disney-Shows sind im Moment die Frauenfiguren sehr stark. Das liegt daran, dass Frauen momentan mutiger sind als Männer und sich deshalb als Vorbilder eignen. Wir Frauen können uns in dieser Zeit viel mehr erlauben, weil die Popmusik sehr moralisch geworden ist. Wir können in der Schlagermusik über intime Dinge singen, die die meisten sich nicht einmal trauen auszusprechen. Es kommt aber gerade eine neue Generation von Männern auf. Andreas Gabalier zum Beispiel ist sehr mutig. Das hat damit zu tun, dass die Qualität der Schlagermusik heute wieder das Niveau von früher erreicht. Wir brauchen wieder authentische männliche Helden im Schlager.

Helene Fischer wurde jüngst öffentlich dazu aufgefordert, sich politisch zu äußern. Wie denken Sie darüber?
Ich finde diese Hetze gegen meine geliebte Kollegin nicht angebracht. Sie hat genug Morddrohungen erhalten und genug Kram am Hals. Ich kann absolut nachvollziehen, dass jemand, der so erfolgreich ist wie Helene Fischer, mit politischen Statements vorsichtig ist. Man muss auch mal die andere Seite der Medaille sehen. Roland Kaiser hat öffentlich über Pegida gesprochen, aber niemand will wissen, wie viel Angst seine Frau monatelang hatte, weil es Morddrohungen gab. Man kann nicht erwarten, dass Künstler wie Politiker agieren. Außerdem weiß man nicht, was eine Helene Fischer privat politisch alles leistet. Ich befürworte eher, Politik zu leben. Deswegen bin ich auch in der katholischen Kirche sehr aktiv.

Wie sehr hat Sie als Mutter und Katholikin jüngst der Missbrauchsskandal in Ihrer Kirche getroffen?
Es ist klar, dass einiges geändert werden muss. Ich bin eine Mitschwester, und wenn da ein paar Brüder etwas verbockt haben, muss das auf den Tisch gelegt werden. Das geht gar nicht! Da ist die brüder- und schwesterliche Korrektur sehr wichtig, weil: Die Kirche bin ich. Christus sind wir. Und wer an Christus glaubt, gehört zur Kirche. Ich möchte mich genauso für die Wahrheit einsetzen wie zum Beispiel ein Bischof. Aber ein Bischof ist genauso menschlich wie ich. Nur wo die Wahrheit ist, gibt es Barmherzigkeit. Wir Katholiken durchleben eine schmerzliche Zeit, aber der Missbrauch muss aufgearbeitet werden und Dinge müssen sich ändern.

Sollte der Zölibat abgeschafft werden?
Gottgeweihte Menschen sollten in einem Zölibat leben dürfen, das gab es auch schon vor der katholischen Kirche. Ich wollte selber Nonne werden. Diese Option habe ich immer noch. Den Zölibat kann man vielleicht nicht mit dem Verstand begreifen, es gibt aber viele tolle Menschen, die alleine und eigentlich zölibatär leben. Sie können es sehr gut mit sich selbst aushalten. Man könnte ausgebildete Priester selbst entscheiden lassen, wie sie leben wollen. Ich glaube nicht, dass Pädophilie etwas mit dem Zölibat zu tun hat; Missbrauch gibt es leider überall, auch in der Familie. Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Nichtsdestotrotz sollten Verbrechen, die im Raum stehen, benannt und für die Opfer Gerechtigkeit eingefordert werden.

Wie könnte eine Kirchenreform aussehen?
Leider gibt es in der Kirche nicht genug Klarheit und zu viel Feigheit. Und sobald Verbrechen im Raum stehen, muss man sie benennen und für die Opfer Gerechtigkeit einfordern. Leider gibt es in der Kirche nicht genug Klarheit und wir gehen an dem Problem vorbei. Das Wegschauen, unter den Teppich kehren, ist aktive Mithilfe und ein Schande für Gottes Haus. Diese Schande haben auch wir Laien zu lange zugelassen. Die Reform muss von unten kommen. Es ist die Stunde der Laien in unserer Kirche. Wenn die Oberhäupter wegschauen, müssen sie ihr Amt niederlegen und diejenigen, die Verbrechen begangen haben, müssen dafür auch eine Strafe bekommen.

Wie gehen Sie mit Versuchungen wie männlichen Groupies oder Drogen um?
Um Gottes willen, ich bin eine Mutter von drei Kindern! (lacht) Ich lebe auf einer Tournee noch disziplinierter als privat. Ich habe nie Drogen genommen. Das einzige war Ibuprofen gegen Entzündungen in meinen Schultern. Ich mache nach den Konzerten keine Autogrammstunden, weil ich da zu viel rede und deshalb Verhärtungen an den Stimmbändern kriege. Ich singe auf der Bühne mit viereinhalb Oktaven, manchmal mit fünf. Die Höhen sind einfacher zu singen im Gegensatz zu den Tiefen. Dafür müssen meine Stimmbänder vollkommen entlastet sein und da gehört Disziplin und Verantwortung einfach dazu.

Schreiben Sie gezielt Songs für eine Fünf-Oktaven-Stimme?
Man muss es nicht übertreiben. Ich könnte mit meiner Stimme viel mehr machen, aber das ist nicht das Ziel. Das Beste ist, wenn der Zuhörer nur mich fühlt und gar nicht mehr darüber nachdenkt, was ich da mache. Aber als Technikerin muss ich schon wissen, was ich tue. Ich spiele auf der Tournee 30 Konzerte und ich will jeden Abend die gleiche Leistung garantieren. Was ich auf der Bühne mache, sind Hochleistungen. Ich tanze viel und muss verantwortlich mit meinem Körper umgehen. Ich trinke keinen Alkohol und feiere sehr selten mit meiner Crew, weil ich am nächsten Morgen oft die Kinder habe. Ich bin eigentlich ziemlich langweilig. (mz)