Gegen das Sterben

Gegen das Sterben: Die Besatzung der „Iuventa“ hat Menschen aus dem Meer geborgen

Leipzig - Der Dokumentarfilm „Iuventa“ erzählt die Geschichte der Initiative „Jugend Rettet“, die bis 2017 mit einem umgebauten Fischkutter rund 14.000 Menschenleben vor der libyschen Küste gerettet hat. Heute ist das Schiff „Iuventa“ beschlagnahmt. Der Hamburger Schiffsingenieur Christof Brüning, Jahrgang 1976, war bei vier von 16 Missionen dabei. Das Gespräch mit ihm führte in Leipzig Mathias ...

17.07.2018, 08:00

Der Dokumentarfilm „Iuventa“ erzählt die Geschichte der Initiative „Jugend Rettet“, die bis 2017 mit einem umgebauten Fischkutter rund 14.000 Menschenleben vor der libyschen Küste gerettet hat. Heute ist das Schiff „Iuventa“ beschlagnahmt. Der Hamburger Schiffsingenieur Christof Brüning, Jahrgang 1976, war bei vier von 16 Missionen dabei. Das Gespräch mit ihm führte in Leipzig Mathias Schulze.

Der österreichische Bundeskanzler Kurz spricht von einem „NGO-Wahnsinn“, wonach die Rettungsaktionen der Nichtregierungsorganisationen dazu führen würden, dass immer mehr Geflüchtete im Mittelmeer sterben.

Christof Brüning: 2015 wurde das europäische Seenotrettungsprogramms „Mare Nostrum“ eingestellt. Der Staat hatte sich zurückgezogen, es starben dadurch mehr Menschen. Wir wollten ein Symbol sein: Wenn Studenten es schaffen, ein Rettungsschiff zu finanzieren, warum hört die EU dann damit auf?

Wir haben alle Leute auf Basis einer staatlich-privaten Zusammenarbeit gerettet.

Die Seenotleitstelle Italiens (MRCC) hat uns darauf hingewiesen, wo die Schlauchboote sind, wir wurden hingeschickt, weil die nicht genug Schiffe hatten. Wenn wir zufällig ein Boot gefunden haben, haben wir es ans MRCC gemeldet. Es war eine professionelle Zusammenarbeit. Wir haben die Geretteten für den Transfer nach Italien an größere Schiffe übergeben, auf Anweisung der Leitstelle. Später wurde die Zusammenarbeit gekappt, die Iuventa beschlagnahmt. Noch vor den Neuwahlen in Italien wurde das MRCC an seiner Arbeit gehindert - auf Anweisung von oben, gegen den Willen der Beamten, die dort arbeiten.

Und heute?

Heute will man uns für das Sterben im Mittelmeer, für eine kalkulierte Zusammenarbeit mit den Schleppern verantwortlich machen. Wir wissen aus den letzten Jahrzehnten, dass auch ohne NGOs Menschen auf wacklige Boote steigen. Das Fehlen der Rettungsschiffe sorgt nicht für weniger, sondern für mehr Tote, obwohl die Zahl der abgefahrenen Boote gesunken ist.

Von den Menschen, die es versuchen, starben noch nie so viele wie jetzt. Die Menschen steigen so oder so in die Boote, sie sterben, wenn sie niemand rettet. Deshalb braucht es wieder eine gute Zusammenarbeit von Regierungen, der Handelsschifffahrt und NGOs, statt der ständigen Schuldzuweisungen.

Von welchen Fluchtgründen haben Sie erfahren?

Viele Leute kommen aus direkten Kriegs- oder Bürgerkriegsgebieten. Viele sind als Volksgruppe bedroht, aus religiösen Gründen oder weil Homosexualität geächtet ist. Reine Wirtschaftsflüchtlinge gibt es nicht. Man kann Hunger, mangelnde Schulen für die Kinder als rein wirtschaftliche Gründe betrachten, aber das sind sie nicht. Immer mischen sich die Faktoren, das Ergebnis ist Hoffnungslosigkeit.

Warum sehen wir auf Bildern von den Booten so viele junge Männer?

Es gibt Geflüchtete aus allen Altersgruppen, Frauen, Schwangere und Kinder. Aber der Eindruck stimmt, dass es größtenteils junge Männer sind.

Warum? Viele werden von ihren Familien vorgeschickt, weil man glaubt, sie hätten die größeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, auf eine Ausbildung. Man glaubt, dass jüngere Männer die Strapazen besser wegstecken können, das Risiko, vergewaltigt zu werden, ist geringer.

Manche fordern, dass die im Mittelmeer Aufgenommenen nach Nordafrika zurückgebracht werden sollen.

Das wäre illegal, das unterstreichen mehrere europäische Gerichtsurteile. Sobald ein Schiff Menschen aufgenommen hat, gilt das Völkerrecht. Das verbietet das Zurückbringen in ein Land, in dem Folter, Sklaverei, Vergewaltigung und Mord drohen. Deshalb bringen nicht mal die italienischen Behördenschiffe Geflüchtete zurück nach Libyen, obwohl die Regierung das von uns verlangt. Wenn wir die Menschen zurückbringen, würden sie vor Verzweiflung wieder losfahren.

Es wäre mir am liebsten, alle Menschen könnten dort bleiben, wo sie einen guten Lebensunterhalt haben. Wenn sie das nicht haben, kann man sie aber nicht auch noch ertrinken lassen.

Wie ist der Stand des Verfahrens gegen „Jugend Rettet“?

Die Iuventa ist beschlagnahmt, gegen Crewmitglieder wird staatsanwaltlich ermittelt. Bisher ist unklar, ob es Gerichtsprozesse werden. Die Beweise, die wir kennen, sind dünn. Es gibt wissenschaftliche Videoanalysen von Forensic Architecture aus London, die belegen, dass wir dezidiert nicht mit Schleppern zusammengearbeitet haben. Die mussten nicht mit uns reden, sie hätten einen Teufel getan, ihren Profit zu teilen.

Wir haben den Opfern dieser Verbrecher geholfen. Das einzige, was man uns also vorwerfen kann: Wir sind dort gewesen, wo Menschen in Not waren. Wenn man uns verbieten will, am richtigen Ort zu sein, verlange ich die sofortige Verlegung der Münchner Feuerwehr nach Hamburg.

Wie sehen Sie die künftige Seenotrettung auf dem Mittelmeer?

Ich bin dankbar, wie viel Unterstützung es gibt. Das kann aber kein Ersatz für die Staatengemeinschaft sein. Das, was die Zivilgesellschaft in vielen Jahren aufbauen musste, können Regierungen in zwei Tagen erledigen: Schiff nehmen, Crew rauf, Infrastruktur nutzen!

Staatliche Vernunft wäre viel effizienter als wir, dafür braucht es aber „Druck von der Straße“. Aber solange die Staaten ihre Aufgaben nicht wahrnehmen, wird es Leute geben, die das Selbstverständliche tun. (mz)

„Iuventa“ am 24. Juli um 18.30 Uhr im halleschen Puschkino, anschließend Diskussion mit Crewmitgliedern