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Friedrich Nicolai Friedrich Nicolai: Immer im Dienst

Von christian eger 23.07.2012, 18:43

halberstadt/MZ. - Es war wohl kein leichter Job, Friedrich Nicolai zu sein - aber ein erfüllender und niemals langweiliger. Anstrengend, weil der 1733 in Berlin geborene und dort 1811 gestorbene Schriftsteller, Kritiker und Verleger eine deutschlandweit wirkende literarische Instanz geworden war, die zuletzt deutschlandweit bekämpft und verachtet wurde. Aber wer sich aus dem Fenster lehnt, muss damit rechnen, dass er gesehen wird. Und Nicolai, der publizistische Fehden wie Waffengänge führte, lehnte sich zeitlebens sehr weit aus dem Fenster heraus.

Aus dem Fenster eines Berliner Zimmers. Denn Nicolai war die Verkörperung der Berliner Aufklärung im Zeitalter Friedrichs II. Ein Feind der in seinen Augen genialisch verlotterten und asozialen "Stürmer und Dränger", ein Gegner jedweder Kunst um der Kunst willen, also auch der goetheschen Kunst- und Antike-Religion.

Denn nützlich und dem Allgemeinwohl verpflichtet sollte alles sein. Auch das Künstlerische. So war Nicolai ein Autor, der verständlich sein wollte für jedermann. Tatsächlich war er eindeutig in seinen Urteilen, lakonisch im Stil, kämpferisch im Gestus - und zuweilen eigensinnig bis zur Beschränktheit. Vor allem anderen aber war er ein Mann mit großen Verdiensten.

Es gab ja kein "Deutschland" um 1800, nur Hunderte deutschsprachiger Staaten. Mithin gab es keine Hauptstadt, aber es gab von 1765 an ein Hauptforum der öffentlichen Meinung. Diese Hauptstadt im Geistigen gründete Nicolai mit der über 40 Jahre geführten "Allgemeinen deutschen Bibliothek" (ADB). Eine rund 280-bändige Rezensions-Zeitschrift, die nicht weniger wollte als "von allen in Deutschland neu herausgekommenen Büchern und anderen Vorfällen, die die Literatur angehen, Nachrichten zu erteilen". Man muss es heute so erklären: ein auf Tonnen von Papier ausgedrucktes Internet-Portal.

Nicolais Handexemplar der ADB ist dieser Tage in der Bibliothek des Aufklärungs-Schriftstellers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) in Halberstadt zu sehen. Mehrere Regalreihen füllend, hinter Glas. Zeitschriften, die Nicolai noch nach der Veröffentlichung handschriftlich korrigierte. Die Bände, sagt Gleimhaus-Direktorin Ute Pott, seien mit Einträgen übersät. Nicolai konnte vieles - außer Abschalten. Er war immer im Dienst.

Wie und wozu zeigt im Gleimhaus die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Rainer Falk kuratierte Ausstellung, die schon deshalb ein kleines Ereignis ist, weil Nicolai-Würdigungen hierzulande eine Seltenheit sind. Warum das so ist, erklärte 1987 der Goethe-Herausgeber Wolfgang Albrecht: Nicolai gehöre zu den Prominenten des 18. Jahrhunderts, "die im Bewusstsein der Nachwelt überwiegend so fortleben, wie sie von ihren Gegnern dargestellt worden sind".

Sehr zu Unrecht, wie die Halberstädter Schau zeigt, die Nicolai als einen intellektuellen Leistungsträger und zur Freundschaft begabten Mitmenschen präsentiert. Ein Außerordentlicher: Als Fortführer der von seinem Vater übernommenen Verlagsbuchhandlung, die 1713 übrigens aus der Berliner Filiale der Wittenberger Buchhandlung des Bürgermeisters Gottfried Zimmermann hervorging. Außerordentlich als Schriftsteller, dessen Werke so in die Breite gingen wie die Ansprüche Nicolais ins Allumfassende: Drei Bände zählt sein satirischer Bildungsroman "Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker", zwölf (!) Bände die "Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781".

Ein ruheloser Geist, der alles vermessen und verbessern musste. Die Ausstellung zeigt im Nachbau einen von Nicolai ertüftelten "Meilenzähler" für Kutschräder und einen stets nachfüllbaren Kolben-Füllhalter. Aber auch der Mensch Nicolai ist zu erleben. Sehr anrührend in einem Brief an die 1790 inWörlitz weilende Schriftstellerin Elisa von der Recke. Ein Schreiben, in dem Nicolai den Tod seines Sohnes Samuel Friedrich mitteilt: ein Tod, der ein Selbstmord war.

Eine Ausstellung am richtigen Ort: Über alle Verstimmungen hinweg wusste der Halberstädter Gleim, was er an Nicolai hatte. Die Nachwelt hat das vergessen. Auch deshalb kommt diese Schau zur rechten Zeit. Das Nicolai-Haus in der Berliner Brüderstraße, in das der Suhrkamp Verlag zum Glück nicht eingezogen ist, sucht eine Bestimmung. Die könnte in einem Museum der Berliner Aufklärung liegen, das es - man glaubt es kaum - in Berlin bis heute nicht gibt. Wo zu erleben wäre, was Heinrich Heine 1834 erklärte: Dass Nicolai, der so "zernichtend verspottet" worden sei, "sein ganzes Leben lang unablässig tätig " war "für das Wohl des Vaterlandes".

Bis 2. September: Di-Fr 9-17 Uhr, Sa-So 10-16 Uhr. Katalog erscheint im September. Gleimhaus-Direktorin Ute Pott führt durch die Nicolai-Schau: am 29. Juli 11.15 Uhr, 9. August 19.30 Uhr