Fotografie

Fotografie: Der letzte Tote

Leipzig/MZ. - Von Robert Capa ist das Zitat überliefert: "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran." Der 1913 geborene Kriegsfotograf, der mit seinen Bildern aus dem Spanischen Bürgerkrieg bekannt wurde, war oft nah dran: In Spanien, aber auch in Leipzig. Dort lichtet er für das amerikanische "Life-Magazine" am 18. April 1945 einen sterbenden US-Soldaten ab, der von einem Balkon rückwärts in ein Zimmer gefallen ist und in seinem Blut ...

Von ALEXANDER SCHIERHOLZ 20.01.2012, 18:39

Von Robert Capa ist das Zitat überliefert: "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran." Der 1913 geborene Kriegsfotograf, der mit seinen Bildern aus dem Spanischen Bürgerkrieg bekannt wurde, war oft nah dran: In Spanien, aber auch in Leipzig. Dort lichtet er für das amerikanische "Life-Magazine" am 18. April 1945 einen sterbenden US-Soldaten ab, der von einem Balkon rückwärts in ein Zimmer gefallen ist und in seinem Blut liegt.

Es ist der Tag, an dem in Leipzig der Krieg zu Ende gehen soll: US-Truppen stürmen vom Westen her in die Stadt, während im östlichen Stadtteil Abtnaundorf noch SS- und Volkssturmmänner mehr als 80 Häftlinge eines KZ-Außenlagers verbrennen und erschießen. NSDAP-Oberbürgermeister Alfred Freyberg, seine Frau und seine Tochter nehmen sich angesichts der vorrückenden US-Truppen in Freybergs Dienstzimmer im Neuen Rathaus das Leben - sie schlucken Gift.

"Der letzte Tote des Krieges" hat Capa das Bild von dem gefallenen GI genannt. Auch wenn das streng genommen nicht stimmt: Es ist längst eines der berühmtesten Fotos des Mannes, der 1947 die Fotoagentur Magnum mitbegründet hat. Das Haus Jahnallee 61, in dem das Bild vor mehr als 66 Jahren entstand, ist mit einem Klick auf den Auslöser zu einem bedeutenden historischen Ort geworden. Nun droht es zu verschwinden. Einen Abrissantrag hat die Stadtverwaltung bereits genehmigt. Zur Sanierung des völlig maroden Gebäudes hatte der bisherige Eigentümer, eine Schweizer Immobilienfirma, wohl keine Kraft mehr: Dem Vernehmen nach ist das Unternehmen insolvent.

Etwas voreilig?

Gegen die Abrisspläne regt sich Widerstand - ob Kommunalpolitiker oder Prominente wie der Leipziger Kabarettist Meigl Hoffmann, ob einfache Bürger oder der Verein Stadtforum, der sich für das architektonische Erbe der Stadt einsetzt - sie alle wollen das Haus als ein Stück Zeitgeschichte erhalten. Und manche argwöhnen, die Stadtverwaltung sei bei der Genehmigung wohl etwas voreilig gewesen. "Man hätte", sagt etwa Volker Eckert vom Stadtforum, "den Antrag ja auch noch eine Weile liegenlassen können."

Doch im Rathaus sieht man Gefahr im Verzug. Das Haus sei akut einsturzgefährdet, sagt Baubürgermeister Martin zur Nedden. Das habe ein Gutachten ergeben. Große Bereiche im zweiten und dritten Obergeschoss könnten nicht mehr betreten werden. Deshalb habe die Stadt dem Abrissantrag stattgeben müssen.

Der schlechte Zustand ist dem um 1910 erbauten Eckhaus schon von weitem anzusehen. Blaue Netze sollen Passanten vor herabstürzenden Teilen schützen. Große Risse klaffen in der Fassade. Erst in der Neujahrsnacht hat der Dachstuhl des Nachbarhauses gebrannt. Viele fürchten, dass durch das Feuer auch die Stabilität der Jahnallee 61 weiter beeinträchtigt worden ist.

Leipzig ist - neben dem niederrheinischen Wesel und Nürnberg - einer von drei deutschen Orten, in denen Robert Capa das Ende des Zweiten Weltkrieges dokumentiert. Er hat die Stadt nicht zufällig gewählt: Es ist die Heimat seiner Lebensgefährtin, der jüdischen Fotografin Gerda Taro. Sie flieht von dort 1933 vor den Nazis nach Frankreich. Im selben Jahr emigriert Capa, 1913 als André Friedmann in Budapest geboren, von Berlin nach Paris; dort lernen beide sich kennen. 1936 gehen sie gemeinsam nach Spanien, um im Bürgerkrieg zu fotografieren.

Ein Jahr später erliegt Taro den Folgen eines tragischen Unfalls - vom Trittbrett eines Lastwagens abgerutscht, wird sie von einem Panzer überrollt. Capa kann ihr nicht beistehen, er muss von ihrem Tod später aus der Zeitung erfahren. Sein Aufenthalt zum Kriegsende in Leipzig lässt sich deshalb auch als Gedenken an seine Geliebte begreifen.

In dem Haus in der Jahnallee wird Robert Capa Zeuge, wie der auf dem Balkon stehende Unteroffizier von einem deutschen Scharfschützen getroffen wird und rücklings ins Zimmer fällt. Capa macht eine ganze Serie von Aufnahmen - auf jeder ist die Blutlache ein bisschen größer. Unter dem Titel "An Episode - Americans still died" druckt das "Life-Magazine" die Sequenz am 14. Mai 1945 auf einer Doppelseite. Danach geht das Motiv um die Welt. In Leipzig war es erst vor kurzem wieder zu sehen, in einer großen Ausstellung zur Geschichte der Leipziger Fotografie. Die Erinnerung daran ist bei vielen noch frisch - auch deshalb haben die Abrisspläne so viele besorgte Bürger auf den Plan gerufen. In einer Petition an die Stadt fordern sie, das Haus zu erhalten. Unterzeichnet wurde das Papier sogar von einer Frau aus den USA: Joan Frost aus North Carolina ist die Nichte von Raymond J. Bowman, jenem US-Soldaten, dessen Sterben Capa 1945 dokumentiert hat.

Schon einmal auf der Kippe

Doch die Lage ist verworren. Zwar hat eine Leipziger Immobilienfirma Interesse gezeigt, das Haus zu sanieren. Ob daraus etwas wird, ist aber unklar. Mittlerweile ist das Gebäude nämlich an einen anderen Investor verkauft worden. Dessen Pläne aber sind (noch) nicht bekannt. Volker Eckert vom Stadtforum bemüht sich trotzdem um Optimismus: "Ein Eigentümerwechsel ist immer gut. Das bringt Bewegung in die Sache." Schon einmal stand das geschichtsträchtige Gebäude auf der Kippe: Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - Leipzig war einer der Spielorte - wollte die städtische Wohnungsgesellschaft es abreißen lassen, erzählt Eckert. "In letzter Minute haben wir erreicht, dass es verkauft wird" - an jene Schweizer Firma, die nun insolvent ist.

Die Stadt äußert sich derweil wolkig: Trotz der Abrissgenehmigung wolle sie den Erhalt des Hauses "mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln" unterstützen. So wird derzeit geprüft, das Gebäude zu sichern, damit es nicht noch weiter verfällt. Dringend notwendig, findet Volker Eckert: "Sonst könnte der nächste heftige Sturm das Ende sein."

Und Robert Capa? Neun Jahre, nachdem er den vermeintlich letzten Kriegstoten in Leipzig aufgenommen hat, wird der Fotograf selbst Opfer eines Krieges: Als er 1954 im Auftrag von "Life" den Indochinakrieg dokumentiert, wird er von einer Landmine zerfetzt. Diesmal ist Robert Capa zu nah dran.