Erik Neutsch

Erik Neutsch: Der Junge, der Erich hieß

Halle (Saale)/MZ. - Erfolge in der DDR, der der Sohn eines Schönebecker Gusseisen-Formers einiges, dieser Staat aber wiederum dem Schriftsteller viel mehr zu verdanken hatte. Nämlich eine in ihrer menschlich-sittlichen Dimension durchaus emanzipatorische, aber im Politisch-Weltanschaulichen knallharte ...

Von CHRISTIAN EGER 01.11.2010, 18:47

Erfolge in der DDR, der der Sohn eines Schönebecker Gusseisen-Formers einiges, dieser Staat aber wiederum dem Schriftsteller viel mehr zu verdanken hatte. Nämlich eine in ihrer menschlich-sittlichen Dimension durchaus emanzipatorische, aber im Politisch-Weltanschaulichen knallharte System-Verteidigungsprosa.

Der Titel des 1974 begonnenen Roman-Mehrteilers "Der Friede im Osten" ist da nicht misszuverstehen. Andererseits bleibt eben auch richtig, was der Schriftsteller Franz Fühmann 1980 dem Kollegen Frank-Wolf Matthies mitteilte: "Ich möchte etwa mit einem Mann wie Erik Neutsch persönlich nicht zusammentreffen, aber wenn etwas im orthodoxen Soz. Realismus einen Zug von Bedeutung hat, dann wäre das bei ihm zu finden".

Nun hat Klaus Höpcke, von 1973 bis 1989 als Vize-Kulturminister zuständig für die Buch-Zensur in der DDR, die Initiative zu einem Neutsch-Buch ergriffen. Den Interviewer beschaffte er gleich mit: Klaus Walther aus Chemnitz, Jahrgang 1937, Literaturwissenschaftler, SED-Kulturfunktionär, bis 1978 Lektor von Erik Neutsch im Mitteldeutschen Verlag. Er habe mit der Zusage gezögert, schreibt Walther. Bei der Lektüre des schließlich größtenteils schriftlichen geführten Gespräches versteht man das sofort. Neutschs Antworten beginnen gern damit, erst einmal die Frage zu korrigieren.

Das unter dem Titel "Spur des Lebens" in 16 Kapitel sortierte Gespräch ist spannungsvoll gebaut: Es beginnt mit "Spur der Steine", geht dann zur Kindheit und Jugend des Autors über: HJ-Engagement, SED, Journalistik-Studium am "Roten Kloster" in Leipzig. Bis 1960 erst Kultur-, dann Wirtschaftsredakteur in der halleschen "Freiheit", dem Vorgängerblatt der "Mitteldeutschen Zeitung". Dann Arbeit als freier Schriftsteller, 1964 Eintritt in die SED-Bezirksleitung Halle. Das Schreiben und das Private, alles wird angefasst. Sogar die zweite Ehefrau des heute in der Heideparksiedlung in Halle-Dölau lebenden Autors kommt zu Wort.

Länglich fällt die Schilderung der Kindheit in der Schönebecker Reihenhaussiedlung Sachsenland aus. Dort erlebt der Junge vom Jahrgang 1931 als Hauptjungzugführer der Hitlerjugend das Kriegsende. Hitlers Programmbuch "Mein Kampf" und eine Armeepistole versteckt der 14-Jährige über den Krieg hinaus im Ziegenstall. Mit zahlreichen Schönebecker Jugendlichen wird Neutsch unter Werwolf-Verdacht vom Dezember 1945 an ein Dreivierteljahr in Magdeburg von den Russen inhaftiert. Deren Aussprache geschuldet, nennt sich der Junge, der eigentlich Erich heißt, fortan "Erik". Es folgt die private Links-Kurve: Delegierung an das noch bürgerliche Gymnasium, erste Marx-Lektüren und SED-Eintritt.

Und die DDR? Für Neutsch im Rückblick eine Gesellschaft, "die von Grund auf den humanistischen Idealen der Menschheit verpflichtet war". Seine literarische Ästhetik? Der Sozialistische Realismus. Neutsch: "Ohne ein wissenschaftlich sauberes Geschichtsbild ist eine Literatur, die realistisch sein will, nicht einmal die Hälfte wert." Effektheischende Behauptungssätze, die Walther schon einmal als "Böllerschüsse" bezeichnet. Neutschens "Privilegien" zu DDR-Zeiten: Westreisen, Westliteratur, immer schnell ein Auto? Da zeigt der Kommunist plötzlich ganz kommune-ferne Züge: Die DDR habe "doch nie behauptet, daß sie eine Gesellschaft der Gleichmacherei sei, auch in ihr zählte Leistung, die in dieser oder jener Form vergütet wurde". Zu den Westreisen sei er ja

schließlich eingeladen worden, das Auto sei ein "Arbeitsmittel" für Recherchen und Lesungen gewesen. Trotzdem habe sich Neutsch "zunehmend als Außenseiter" gefühlt, weil sein idealer mit dem realen Sozialismus nicht in Deckung kam.

Das Ende der DDR? Eine "Konterrevolution mit fliegenden Fahnen". Die Demos in Halle? "Nachgemacht". Immerhin sollen einige Bürger überlegt haben, ihn zu einer Art halleschem Kurt Masur aufzubauen, der ins Volk hinein vermitteln sollte. Ausgerechnet Erik Neutsch! Was fehlt? Genauigkeit in den Fakten und deren Umständen. Wie funktionierte denn das Ineinander von politischem (SED-Bezirksleitung) und literaturbetrieblichem Einfluss: 29 Auflagen für die "Friede im Osten"-Bücher bis 1990! Wenn das mit rechten Dingen zugegangen sein soll, warum endete dann 1990 abrupt das breite Interesse? Gegenüber welchen Kollegen war Neutsch solidarisch - und gegenüber welchen nicht?

So liest man das Gebotene und begreift zweierlei. Erik Neutsch ging es stets gut wie Bolle: als Hitlerjugendführer im NS-Staat, als linker Heißsporn in der jungen DDR, als Auflagenkönig mit Bezirksleitungsmandat. Als die fetten Jahre 1990 auf einmal ausdünnten, meinte Erik Neutsch, sofort nach Schweden auswandern zu müssen; schien aber doch zu aufwändig.

Was ärgert an Erik Neutsch, ist seine brachiale Selbstverliebtheit und Rechthaberei. Dieser Autor - offenbar seit jeher ohne nennenswerte literarische und gesellschaftliche Kontakte - ist sich selbst der liebste. Die Serie an Eigenlob jedenfalls ist rekordverdächtig. Interessant wiederum ist das Maßlose, Halbstarke, ja recht eigentlich Kindliche seiner Ansichten. In politischer Hinsicht war der Revolte-Rhetoriker Neutsch stets mehr ein Romantiker als ein Pragmatiker, ein Sentimentaler sowieso. Zur Zeit arbeitet der 79-Jährige am fünften Buch von "Der Friede im Osten". Sollte das Buch erscheinen, wird es einsam sein: Die vier Vorgängerbände sind nicht mehr lieferbar.

Erik Neutsch liest mit Klaus Walther: am Dienstag um 17 Uhr im Kulturhaus Leuna. Am 23. November um 19 Uhr in Halle: Ulrich Medienwelt, Große Ulrichstraße 7