Die Aura von Ahrenshoops

Die Aura von Ahrenshoops: Die Ostsee-Künstlerkolonie in einem neuen Buch portraitiert

Halle (Saale) - „Fischland, das klang so weltenfern und weltenfremd, so ozeanisch, beinahe wie Neufundland“, ist in dem im Jahr 1920 erschienenen Reisebuch „Durch Mecklenburg“ zu lesen. Wer die in diesem Satz mitschwingende sehnsüchtige Begeisterung teilt, den wird es - zumal als in der DDR sozialisierten Zeitgenossen - an die Ostsee ziehen. Nach Usedom, die Sonneninsel im äußersten Nordosten, oder Rügen oder auf besagten Küstenstrich, der heute vollständig Fischland-Darß-Zingst heißt - und wo mit Ahrenshoop eines der berühmten Bäder zu finden ...

Von Kai Agthe

„Fischland, das klang so weltenfern und weltenfremd, so ozeanisch, beinahe wie Neufundland“, ist in dem im Jahr 1920 erschienenen Reisebuch „Durch Mecklenburg“ zu lesen. Wer die in diesem Satz mitschwingende sehnsüchtige Begeisterung teilt, den wird es - zumal als in der DDR sozialisierten Zeitgenossen - an die Ostsee ziehen. Nach Usedom, die Sonneninsel im äußersten Nordosten, oder Rügen oder auf besagten Küstenstrich, der heute vollständig Fischland-Darß-Zingst heißt - und wo mit Ahrenshoop eines der berühmten Bäder zu finden ist.

Kristine von Soden erinnert mit „Ahrenshoop - höchstpersönlich“ an über 100 Jahre Kulturgeschichte, die in dem Ort geschrieben wurde. Beginnend mit jener Künstlerkolonie, die von Paul Müller-Kaempff wenige Jahre, nachdem er das Dorf 1889 für sich entdeckt hatte, begründet wurde.

Eine Stimmung „tiefsten Ernstes und vollkommener Unberührtheit“ habe ihn ergriffen, als er es erstmals betrat. Berlin fliehend, fand der Maler - der wegen des Kürzels PMK von den Künstlerkolonisten „Pümke“ genannt wurde - in dem damals abgeschiedenen Ort, was ihm die Reichshauptstadt nicht bieten konnte: Stille, aus der er - und alle, die ihm an die Ostsee folgten - seine Kraft und Kreativität zog.

Ahrenshoop beherbegte illustre Gäste

Ähnliche Gründe bewogen auch den berühmtesten unter den Sommerfrischlern, hier mehrere Urlaube zu verbringen: Albert Einstein widerstrebte es eigentlich im Juni 1918, dem letzten Sommer des Ersten Weltkrieges, nach Ahrenshoop zu reisen, war aber dann angetan von der Weltenferne des Ortes: „Hier ist es wundervoll, kein Telefon, keine Verpflichtung, absolute Ruhe“, teilte er einem Freund postalisch mit. Als er 1920 abermals nach Ahrenshoop kam, war er seit einem Jahr Ehrendoktor der nahen Universität Rostock.

In den folgenden Jahren liest sich die Gästeliste wie ein Who-is-Who der deutschen Kunst: George Grosz, Wieland Herzfelde und Gerhard Marcks etwa entspannten in den Jahren der Weimarer Republik mit ihren Familien hier am Ostseestrand. „Eine Stunde Sandschippen, verscheucht meine Grillen“, notierte George Grosz 1924, der neun Jahre später vor dem Hitler-Regime in die USA flüchtete.

Ahrenshoop blieb in der DDR ein Ort der Künstler

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man an Ahrenshoops große Zeit als Erholungsort der Berühmten anzuknüpfen, in dem man es in der jungen DDR zum „Bad der Kunstschaffenden“ erhob. Als einer der ersten kam 1946 Victor Klemperer , der mit seiner Frau Eva das Dritte Reich in Judenhäusern überlebt hatte. Der Dresdner Romanist liebte das Bad im Meer und klagte über die dürftige Verköstigung.

Zur gleichen Zeit reiste auch erstmals der Schriftsteller und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher aufs Fischland. Ergebnis der Aufenthalte hier war sein „Ahrenshooper Tagebuch“ (1950). In Bechers Schlepptau kamen bald auch Bertolt Brecht, der alles andere als ein Strandmensch war, der Schriftsteller Arnold Zweig und der Komponist Hanns Eisler.

Künstler in Ahrenshoop: Zuckerkuchen auf der Couch

Die Schriftstellerin Anna Seghers wiederum war ein Dauergast in Ahrenshoop. Dennoch hat sich kein Hinweis darauf erhalten, wo sie einst Quartier hatte, wenn sie Sommer, Sonne und See genoss. In der Konditorei Saatmann jedenfalls kehrte die „Transit“-Autorin, wenn sie vom Strand kam, gern ein, um zu einem Kaffee wahlweise Zucker- oder Butterkuchen zu verzehren. Die rote Couch, auf der sie dabei saß, hat die Zeitläufte überdauert. Das ist aber nicht die einzige Geschichte über Seghers in Ahrenshoop.

Die schönste aller hier verorteten Anekdoten, deren Akteure Anna Seghers und Becher sind, noch einmal zu erzählen, konnte sich Kristine von Soden in ihrer aktuellen Veröffentlichung nicht entschließen. Zu finden ist die Schnurre aber in ihrem ebenfalls im Berliner Transit-Verlag erschienenen Buch „Ahrenshoop - Balancieren auf der Meerschaumlinie“ (2015). Demnach ging Becher einmal im weißen Anzug am Ahrenshooper Strand entlang, als ihm eine nicht mehr ganz junge, nackte Frau im Weg lag, die sich das „Neue Deutschland“ auf das Gesicht gelegt hatte.

Kristine von Soden: „Ahrenshoop - höchstpersönlich“, Transit-Verlag, 157 Seiten, zahlr. s/w-Abb., 18 Euro

„Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau“, fuhr Becher die Nudistin an. Die nahm die Zeitung vom Gesicht: Es war die Schriftsteller-Kollegin Anna Seghers. Monate später überreichte Becher in seiner Funktion als Kulturminister Seghers den Nationalpreis Erster Klasse mit den Worten: „Liebe Anna, darf ich dir…“ - da unterbrach die Geehrte Becher mit dem Hinweis: „Für dich, Hans, immer noch die alte Sau.“

Von Sodens Buch werden alle Leser mögen, die zu einem früheren Zeitpunkt bereits in Ahrenshoop waren - und all jene lieben, denen es in diesem Jahr corona-bedingt verwehrt war, Ahrenshoops Aura genießen zu können. (mz)